Bin Ladens Ende Die Spur zum Kurier des Todes

Ausgerechnet einer seiner engsten Vertrauten wurde Qaida-Chef Bin Laden zum Verhängnis: Nach jahrelanger Spurensuche identifizierte die CIA seinen Kurier und folgte ihm bis zum Versteck des Terrorpaten. Die Geschichte der Jagd nach dem Mann liest sich wie ein Agententhriller.

Bin-Laden-Versteck: Der Kurier des Qaida-Chefs lotste CIA und Militär nach Abbottabad
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Bin-Laden-Versteck: Der Kurier des Qaida-Chefs lotste CIA und Militär nach Abbottabad

Von und Yassin Musharbash


Am Anfang war ein Name, wenn auch nur ein Kampfname: Abu Ahmad al-Kuwaiti. Dieser Mann, so glaubten Analysten bei den US-Geheimdiensten den Vernehmungen von Terrorverdächtigen in Guantanamo Bay entnehmen zu können, war ein wichtiges Qaida-Mitglied. Kein Anschlagsplaner, eher ein Logistiker. Aber immerhin ein Vertrauter von 9/11-Mastermind Chalid Scheich Mohammed und al-Qaidas Führungsmitglied Abu Faradsch al-Libi. Er könnte etwas wissen. Wenn man ihn denn finden würde.

Es sollte Jahre dauern, bis die US-Regierung dem Mann auf die Schliche kam. Aber am Ende, so berichten es verschiedene US-Medien übereinstimmend, entpuppte sich Kuwaiti als die richtige Fährte. Kuwaiti, das scheint inzwischen klar, arbeitete bis zuletzt als Kurier von Terrorfürst Osama Bin Laden. Er war es, der CIA und US-Militär schließlich bis zu dessen Versteck führte.

Abu Ahmad al-Kuwaiti war der Kurier des Todes.

Eine Bestätigung der US-Regierung fehlt bislang, aber es gibt reichlich Hinweise dafür. In etlichen Hintergrundberichten, die sich am Tag nach der spektakulären Militäroperation in US-Medien finden, werden Regierungsbeamte mit entsprechenden Andeutungen wiedergegeben.

Das Magazin "Foreign Policy" etwa zitiert auf seiner Website einen US-Beamten mit der Aussage, dass "einem Kurier unsere besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde". Dieser sei ein Protegé von Chalid Scheich Mohammed gewesen und ein "vertrauter Assistent" von Abu Faradsch al-Libi. Die "Washington Post" zitiert einen Offiziellen mit dem Satz, der Mann sei von Guantanamo-Gefangenen als einer der wenigen Kuriere identifiziert worden, denen Bin Laden vertraue. Und der TV-Sender CNN will aus "diplomatischer Quelle" gar schon eine Bestätigung für die Rolle Kuwaitis erhalten haben.

US-Dienste konzentrierten sich schon vor Jahren auf Kuriere

Tatsächlich ist es plausibel, dass Kuwaiti der goldene Treffer war und niemand anderes. Schon vor Jahren hatten die US-Geheimdienste sich bei der Jagd auf Bin Laden auf dessen Kuriere konzentriert. Aus anderen Zusammenhängen, etwa Razzien im Irak, kannten sie deren Bedeutung. Die Dienste wussten, dass die Qaida-Führung und ziemlich gewiss auch der Chef persönlich mit Hilfe von handverlesenen Kurieren miteinander kommunizierten. Und so waren CIA und Co. überzeugt, der vielversprechendste Weg zu Bin Ladens Versteck sei, diese Männer ausfindig zu machen.

Der Verdacht gegen Kuwaiti erhärtete sich durch immer neue Aussagen von Guantanamo-Gefangenen, die sich im Nachhinein nicht mehr genau datieren lassen. Sicher ist nur, dass der Mann in mehreren Vernehmungsprotokollen auftauchte und so die Aufmerksamkeit der Ermittler immer stärker auf sich zog.

In einigen Dokumenten wurde er als zentrale Figur beschrieben. CNN zitiert Aussagen von Gefangenen, denen zufolge Kuwaiti "mit Qaida-Schlüsselpersonal vertraut ist", wie etwa Chalid Scheich Mohammed. Zudem sei er ein "hochrangiger Logistiker al-Qaidas", habe anderen Computerkurse gegeben, später ein Gästehaus für al-Qaida in Pakistan betrieben und Bin Laden möglicherweise schon bei dessen Flucht aus Tora Bora begleitet.

Das Problem war nur, dass die Aussagen sich teilweise widersprachen. Mindestens ein Gefangener etwa behauptete, Abu Ahmad al-Kuwaiti sei nach der Schlacht in der afghanisch-pakistanischen Bergregion Tora Bora Ende 2001 in seinen eigenen Armen gestorben, wie kürzlich von WikiLeaks veröffentlichte Dokumente aus Guantanamo zeigen.

Und so war die Spur zu Kuwaiti alles andere als heiß. Niemand wusste, wo er steckte oder wie sein echter Name war. Doch die US-Nachrichtendienste ließen nicht locker - denn es gab da eine Sache, die ihre Theorie erhärtete, der Mann könne wichtig sein: Chalid Scheich Mohammed und Abu Faradsch al-Libi, jene "High Value Detainees", denen Kuwaiti angeblich zugearbeitet hatte, behaupteten beide, dass sie ihn nicht kannten. Das, so berichtet die "New York Times", habe die Vernehmer derart misstrauisch gemacht, dass sie erst recht anfingen zu recherchieren.

Doch selbst über dieses Detail herrscht offenbar Unklarheit: Wie die Zeitung am Mittwoch schreibt, räumte Chalid Scheich Mohammed im Laufe der Verhöre zwar ein, mit Kuwaiti bekannt zu sein - dieser sei aber im Ruhestand und kaum von Belang.

Ein Telefonanruf und der weiße Suzuki

Sollte dieser Bericht stimmen, verrieten al-Qaidas Top-Kader in Guantanamo den Kurier mit dem Kampfnamen Abu Ahmad al-Kuwaiti auf geradezu tragische Art und Weise. Doch noch immer fehlte den Ermittlern ein entscheidendes Detail: der echte Name. Ohne ihn, ahnten sie, würde es schwer werden, den Mann zu lokalisieren. Jahrelang tappten die Ermittler im Dunkeln, irgendwann fanden sie ihn. Nur wie - darüber werden in US-Medien zwei unterschiedliche Versionen kolportiert.

Die eine Version geht so: Mitte 2010 klinkten sich US-Nachrichtendienste in ein Telefongespräch eines Mannes ein, den sie seit längerem abhörten. Am anderen Ende der Leitung: der Kurier. Ein Zufallstreffer gewissermaßen. Die Ortung ergab, dass Bin Ladens Vertrauter sich in Pakistan befand, nicht allzu weit von der Hauptstadt Islamabad entfernt. Das reichte, um Kuwaiti auf die Schliche zu kommen. Im August 2010 hängten sich Agenten unbemerkt an seine Fersen und trauten ihren Augen nicht, als dieser sie vor ein großzügiges Anwesen in Abbottabad führte. Sollte hier etwa ein Kurier leben? Inzwischen weiß man: In jener Villa lebte der Terrorchef persönlich. Fünf bis sechs Jahre, so US-Präsidentenberater John Brennan, habe Bin Laden in dem Komplex verbracht - weitgehend ohne Kontakt zur Außenwelt.

Die andere Version geht so: Nachdem die CIA-Oberen von der erfolglosen Suche nach Bin Laden und dessen Kurieren frustriert waren, krempelten sie 2005 ihr Anti-Terror-Programm um. Die CIA erhöhte die Präsenz ihrer Agenten auf pakistanischem Territorium massiv, und die "Operation Cannonball" brachte nach einiger Zeit Erfolge: Erst stießen die Agenten auf den Familiennamen des verdächtigten kuwaitischen Kuriers, dann horchten sie die Kommunikation seiner Verwandten aus und setzten anschließend die nötigen Puzzleteile zusammen.

Im Juli 2010, so schildert es die "New York Times", notierten sich pakistanische CIA-Mitarbeiter das Nummernschild seines weißen Suzuki und konnten ihn fortan überall hin verfolgen. Bis hin zu dem erstaunlichen Anwesen in Abbottabad.

Welche Version auch immer stimmen mag - klar ist, dass die US-Dienste den richtigen Mann an der Angel hatten. Als zwei US-Helikopter in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai im Garten von Bin Ladens Versteck landeten, war auch Kuwaiti vor Ort. Er starb ebenso im Kugelhagel wie sein Bruder. Und sein Chef.

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Greg84 02.05.2011
1.
Schlag gegen den Terror? Eher nicht. Ich glaube kaum, dass bin Laden noch an der Spitze der al-Qaida stand, vielleicht hatte er sich auch komplett aus dem "Geschäft" zurück gezogen. Das einzige was der Schlag gegen bin Laden gebracht hat ist die Schaffung eines weiteren Märtyrers. Für Obama hätte der Zeitpunkt allerdings kaum besser sein können. Politisch läuft es für verdienten Träger des Friedensnobellpreises nicht grade perfekt, da hilft so ne positive Nachricht schon unheimlich weiter.
endbenutzer 02.05.2011
2. Mission beendet
Hat George W. Bush eigentlich schon der Familie Bin Laden sein Beileid ausgesprochen? Unter alten (Geschäfts-) Freunden ist das doch so üblich. Oder lebt Bin Laden doch noch und man wollte eigentlich nur die nunmehr fast genau 10-jährige Mission "Krieg gegen Terror" zum bürgerfreundlichen Abschluss bringen? Merkwürdig: Gerade jetzt, da Obama und die gesamten USA in punkto Staatsverschuldung praktisch mit dem Rücken zur Wand stehen, wird für den amerikanischen Otto Normalverbraucher wieder einmal ein toller Grund geliefert, die Fahne zu schwingen und mit der Hand auf dem Herzen die Nationalhymne zu singen. Super Drehbuch...
G_Schwurbel 02.05.2011
3. weder noch
Zitat von sysopEr war der meistgesuchte Mann der Welt: Osama Bin Laden, der Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida, ist tot. US-Spezialkräfte haben ihn bei einer Kommandoaktion in Pakistan getötet. Wir die weltweite Terrorgefahr nun geringer?
Die Welt wird durch seinen Tod weder sicherer noch unsicherer. Al Quaida ist ein Netzwerk, es würde mich wundern, gäbe es für Bin Laden keinen Nachfolger (seinen Tod hat er schließlich einkalkuliert). Vielleicht hat er auch vorher als Rache für seine Tötung den Auftrag erteilt, direkt danach Attentate zu verüben? Alles denkbar...
Hubatz 02.05.2011
4. Beweise
Dieser Mann ist ein Mysterium. Ich halte nicht viel von Verschwörungstheorien aber Beweisfotos oder besser Videos würden mich erfreuen.
lucario.75 02.05.2011
5. bin laden
Die Fernsehbilder der Freude hunderter Amerikaner, (nachvollziehbar) werder viele radikale Islamisten für ihre Propaganda nutzen um die Angst der Menschen auf der ganzen Welt weiter zu schüren und Terroranschläge zu planen. Ich selber Wohne nur ein paar Strassen weiter wo vor ein paar tagen Terroristen festgenommen worden sind, die konkrete Anschlägen zu Zeitnahen Ereignissen mit erheblichen Menschenaufkommen verübt werden sollte.
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