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Biografie: Schröders Kanzlerjahre

Foto: KURT STRUMPF/ AP

Neue Schröder-Biografie Mit der Witterung eines Tieres

Ein Machtmensch, aber sympathisch, so lässt sich Gerhard Schröder in seiner Biografie inszenieren. Auf mehr als 1000 Seiten erzählt Gregor Schöllgen die Wahrheit aus Sicht des Altkanzlers über Leben, Weggefährten und einen legendären Ausfall.

Das Timing könnte nicht besser sein: Angela Merkel feiert dieser Tage den zehnten Jahrestag ihres Wahlsiegs, doch ausgerechnet ihr Vorgänger, Altkanzler Gerhard Schröder, 71, zieht die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Zum Jahrestag seiner Niederlage gegen Merkel veröffentlicht die Deutsche Verlagsanstalt eine mehr als 1000 Seiten starke Biografie des SPD-Politikers. Geschrieben hat sie der routinierte Biograf Gregor Schöllgen (er schrieb unter anderem über Willy Brandt), Professor für Neuere Geschichte an der Uni Erlangen.

Schöllgen hatte uneingeschränkten Zugang zu allen Archiven und Papieren Schröders und sprach mit zahlreichen Weggefährten sowie mit der Familie des Altkanzlers. Entstanden ist eine opulente, unterhaltsame Erzählung über einen streitbaren, stets umstrittenen Mann, der sich aus kleinsten Verhältnissen bis ganz nach oben gearbeitet hat. Am Dienstag wird das Buch in Berlin vorgestellt - ausgerechnet von Angela Merkel.

Hier lesen Sie, was Schöllgen über wichtige Momente in Schröders Karriere schreibt:

Oskar Lafontaines Rücktritt

SPD-Aussteiger Lafontaine: Vor Schröders Machtanspruch kapituliert

SPD-Aussteiger Lafontaine: Vor Schröders Machtanspruch kapituliert

Foto: Carsten Koall/ Getty Images

Joschka Fischer, zitiert Schöllgen aus dessen Biografie, habe Schröder "sichtlich geschockt" erlebt, nachdem er am Mittag des 11. März 1999 per Brief von Oskar Lafontaines Rücktritt vom Amt des Finanzministers erfahren habe. Der Saarländer legte außerdem sein Bundestagsmandat nieder und trat von seiner Position als Parteivorsitzender der SPD zurück.

Geschockt mag der Kanzler, gerade fünf Monate im Amt, gewirkt haben, aber Angst habe Schröder nicht gehabt, dieses Wort kenne er nicht, sagt dessen langjährige Büroleiterin Sigrid Krampitz zu Schöllgen, "und die muss es wissen". Das Kapitel Lafontaine, im Buch unter dem Abschnittstitel "Der Macher" aufbereitet, ist ein elementarer Bestandteil der streng hagiografischen Erzählung, die Schröder als Pragmatiker und instinktgetriebenen Machtmenschen inszeniert, gegen den Schwächere und Zaudernde keine Chance haben.

Lafontaine, so schreibt Schöllgen, habe vor "dem Machtanspruch Schröders kapituliert", sein Rücktritt, hält es der Biograf mit Egon Bahr, sei ein "Blackout" gewesen, ein "Zusammenbruch" nach den zerrüttenden, am Ende schlicht überfordernden Erfahrungen des Spitzenpolitikers einerseits im Duell mit seinem Rivalen Schröder, andererseits in der ungewollten Doppelposition als Finanzminister und Parteichef, mit der er den ungeliebten Niedersachsen eigentlich kontrollieren wollte. Doch der SPD-Chef, der noch vor der Wahl getönt hatte, es sei ihm egal, wer unter ihm Kanzler würde, hatte den "Einzelkämpfer" Schröder unterschätzt. Bis heute, schreibt Schöllgen, hätten sich Schröder und Lafontaine nicht zu einem klärenden Gespräch getroffen.

Joschka Fischer

Ex-Vizekanzler Fischer: Hielt sich bis zuletzt an die Spielregeln

Ex-Vizekanzler Fischer: Hielt sich bis zuletzt an die Spielregeln

Foto: Rolf Vennenbernd/ picture alliance / dpa

Ursprünglich sei der designierte grüne Außenminister der SPD-geführten Regierungskoalition subjektiv ein "Lafontaine-Mann" gewesen, zitiert Schöllgen Schröders engsten Mitstreiter während seiner Kanzlerjahre. Zu Lafontaine habe Fischer eine stärkere Beziehung gehabt, "persönlich und emotional", zu Schröder nicht. Dennoch eint, so deutet es Schöllgen, die beiden Politiker die klassische Aufsteigerbiografie, "mit einem markanten Unterschied": Während Fischer "in den Straßen Frankfurts Polizisten mit Steinen traktierte, hat Schröder den steinigen Weg der schulischen, universitären und beruflichen Ausbildung eingeschlagen". Schröder sei "auch in formaler Hinsicht ein gebildeter Mann, Fischer nicht".

Von diesem Manko Fischers schließt Schöllgen auf das Erfolgsrezept der funktionierenden Beziehung zwischen Kanzler und Vizekanzler, die sich einerseits, vom Machtanspruch her, auf Augenhöhe und dadurch mit Respekt begegneten, andererseits aber niemals aus der von Schröder legendär postulierten "Koch und Kellner"-Stellung heraustraten. Der "Dilettant" Joschka Fischer, schreibt Schöllgen, wisse, "dass er nie die erste Geige spielen wird". Er habe aus dieser Situation das Maximum herausgeholt, politisch wie privat, aber "im Gespann mit Schröder ist er der Kellner geblieben. Dass es so kommen würde, wusste Schröder vor der Wahl, und Fischer wusste es natürlich auch." Anders als Lafontaine hielt sich Fischer "bis zuletzt an die Spielregeln".

Die "Elefantenrunde"

Kontrahenten Merkel, Schröder (im November 2005): "So ist er, der Gerd"

Kontrahenten Merkel, Schröder (im November 2005): "So ist er, der Gerd"

Foto: dpa/dpaweb

Das Wichtigste zuerst: Alkohol habe übrigens beim Polterauftritt des Kanzlers bei der "Berliner Runde" des ZDF am Wahlabend des 18. Septembers 2005 "keine Rolle" gespielt, das bestätigten dem Biografen Schöllgen die Teilnehmer der sogenannten "Elefantenrunde", "von denen die eine oder andere auch darauf achtete, dass es bis zum Fernsehauftritt dabei bleibt".

Angesichts der drohenden Niederlage habe der Kanzler in der TV-Sendung eigentlich gar nicht auftreten wollen, habe sich dann aber von den Hochrechnungen euphorisieren lassen, denen zufolge die rot-grüne Koalition durchaus besser dazustehen schien, als die Meinungsumfragen es zuvor suggeriert hatten. Was folgt ist jener "tobende Machoauftritt" (Joschka Fischer), der letztlich Angela Merkels Macht in der Union manifestierte. Es sei aber nicht der Zorn auf die "schwer angeschlagene" Herausforderin, der sich Bahn gebrochen habe, sondern vielmehr "die angestaute Wut auf die konzertierte Medienkampagne". Die moderierenden Journalisten von ARD und ZDF stünden stellvertretend für "die gesamte Zunft", die mit Hochrechnungen Wahlkampf gemacht habe.

"So ist er, der Gerd", werden wohlmeinende Ex-Weggefährten zitiert, nicht durchformatiert, sondern authentisch, unangepasst und unbürgerlich. Schröders Schwester Gunhild ahnt gar das Durchbrechen eines frühen Verhaltensmusters: "Ihr könnt mich alle mal."

Aber gerade damit, lässt Schöllgen den Maler und Schröder-Freund Markus Lüpertz konstatieren, habe Schröder, der erste "unbürgerliche Bundeskanzler", "den nichtbürgerlichen Kreisen der Gesellschaft eine Möglichkeit zur Identifikation" gegeben.

Mit der "Witterung eines Tieres" (Schröder) habe er am Wahlabend gespürt, dass "er vielleicht doch noch etwas herausholen konnte, demontierte sich dabei selbst und gab Merkel eine unverhoffte Chance". Sie musste nichts weiter tun, als den tobenden Schröder toben lassen.

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Wladimir Putin und das Pipeline-Problem

Freunde Putin, Schröder (2005): "Natürlicher Respekt"

Freunde Putin, Schröder (2005): "Natürlicher Respekt"

Foto: Peer Grimm/ picture-alliance/ dpa

Der russische Präsident und der deutsche Kanzler hätten sich "auf Anhieb" gut verstanden, schreibt Schöllgen, "politisch und persönlich". Die beiden Politiker seien sich schließlich sehr ähnlich: "zupackend und dynamisch, zukunftsfähig und realistisch". Beide wüssten voneinander, "aus welchen Verhältnissen sie stammen, und empfinden auch deshalb voreinander einen natürlichen Respekt, und sie setzen auf Verlässlichkeit".

Letztlich habe Deutschland von dieser engen Männerfreundschaft, die in der Presse immer wieder hämisch betrachtet wurde, profitiert - politisch wie wirtschaftlich. So sei es auch gerechtfertigt gewesen, dass Schröder 2004 die Frage des TV-Moderators Reinhold Beckmann, ob Putin ein "lupenreiner Demokrat" sei, bejaht habe, schließlich hätte Schröder, damals noch Kanzler, seinen Freund nicht öffentlich brüskieren können. Hinter den Kulissen habe sich Schröder durchaus für die demokratische Öffnung Russlands engagiert, aber eben unter Berücksichtigung der "spezifischen Entstehungs- und Rahmenbedingungen dieses Staates". Könne man von einem Bundeskanzler mehr erwarten?, fragt Schöllgen rhetorisch.

Verknüpft damit ist wohl die Hoffnung, dass die historische Dimension vieles ins rechte Licht setzen wird, was die Öffentlichkeit allzu kritisch beäugt haben mag. Dazu gehört auch Schröders Engagement beim jetzigen Pipeline-Betreiber Nord Stream, dessen Resultate nun auch Merkel lobe und ohnehin immer positiv betrachtet habe, wie Schöllgen schreibt.

Dem ewigen Vorwurf, der Aufsichtsratsposten bei Nord Stream, einer Beteiligungsgesellschaft des russischen Gasriesen Gazprom, sei ein Dankeschön Putins für lange Jahre der Freundschaft und politischen Begünstigung gewesen, kontert der Biograf: Schröder, der den Posten bei Nord Stream nur zwei Wochen nach seinem Abschied aus dem Kanzleramt antrat, habe ja "nicht geplant" (Renate Schmidt), die Bundestagswahl zu verlieren, könne also auch nicht auf den lukrativen Posten spekuliert haben, nachdem er kurz zuvor als Kanzler die Weichen für den Bau der von Gazprom betriebenen Ostsee-Pipeline gestellt hatte.

"Wer ohne Wenn und Aber und bis zur totalen Erschöpfung um sein Amt und um sein Lebenswerk kämpft", wie Schröder im Sommer 2005, der, so Schöllgen, "denke nicht an eine Hintertür".

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