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Markus Feldenkirchen

Unfaire Impfstoffverteilung Das Sterben der Ärmeren

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Die reichen Nationen der Welt haben sich die rettenden Impfstoffe gesichert und hofieren die Hersteller. Die ärmeren Staaten gehen bislang leer aus. Das könnte sich rächen – und muss sich ändern.
aus DER SPIEGEL 9/2021
Maskenverkäufer in Simbabwe

Maskenverkäufer in Simbabwe

Foto:

Tsvangirayi Mukwazhi/ dpa

Es wurde nun lange über die tiefenentspannte Impfstoffbeschaffung in Deutschland und Europa geklagt. Sie stand unter dem Motto: Kommt er heut nicht, kommt er morgen. Oder eben im September. Sagen wir es so: Hätte der Besitzer des kleinen Lebensmittelladens bei mir um die Ecke die Sache in die Hand genommen, gäbe es heute nicht weniger Dosen. Aber der Fehler ist gemacht. Die Alten und Schwachen, die in den vergangenen Wochen starben, weil der Impfstoff sie zu spät erreichte, werden nicht mehr auferstehen.

Jetzt muss sich der Blick über die engen nationalen Grenzen weiten. Mehr als 100 Länder der Welt haben bislang noch gar nichts verimpft, weil ihnen dazu die Möglichkeiten fehlen. Die reichen Staaten dieser Erde sollten alles daransetzen, dieses Trauerspiel zu beenden. Es wäre moralisch geboten und strategisch gescheit, es wäre altruistisch wie egoistisch zugleich – eine glückliche, weil seltene Kombination.

»Biontech für die Welt!« müsste dieser Tage das Ziel von Politikern und Unternehmen heißen. Es gibt eine moralische Verpflichtung, nicht nur amerikanische oder deutsche Bürger schnellstmöglich per Impfung zu schützen. Ärmere Länder haben weder die Beziehungen zu Herstellern noch das Geld für deren Stoffe, um auch nur annähernd zeitnah versorgt zu werden. Deshalb müsste spätestens jetzt die Entwicklungshilfe explodieren, um Impfstoffe für alle zugänglich zu machen. Die bisherigen Spenden an die internationale Impfallianz Covax fallen noch viel zu knauserig aus. Dabei wäre jede zusätzlich investierte Milliarde heilsam – für das eigene Gewissen wie für die eigene Gesundheit.

Es gibt eine moralische Verpflichtung, nicht nur amerikanische oder deutsche Bürger schnellstmöglich per Impfung zu schützen.

Je ungestörter sich das Virus in den ungeimpften Teilen der Welt ausbreiten kann, desto mehr gefährliche Mutationen wird es geben. Und je mehr Mutanten es gibt, desto weniger helfen uns unsere schönen, vom Rest der Welt ferngehaltenen Vakzinen. Weil sie irgendwann genauso nutzlos sein könnten, wie es der AstraZeneca-Impfstoff im Falle der südafrikanische Variante wohl jetzt schon ist. Der Kampf gegen die Seuche ginge quasi von vorn los. Das schlaue Virus macht sich die ungleiche Verteilung des Reichtums zunutze, als wollte es die Welt für dieses Unrecht bestrafen.

Umso wichtiger wäre es für die Staaten des Westens gewesen, den Herstellern eine gigantisch große Produktion ihrer Vakzinen zu ermöglichen. Jede maßlose Überproduktion in Europa oder Amerika wäre auch ein Segen für die ganze Welt gewesen. Jetzt helfen nur noch radikale Wege.

In der kommenden Woche soll der Rat der Welthandelsorganisation erneut über einen Antrag von Indien und Südafrika entscheiden. Er sieht vor, die Patentrechte für Covid-19-Medikamente und Impfstoffe bis zum Ende der Pandemie auszusetzen. Geschähe dies, würde Forschern und Unternehmen in Zukunft der Anreiz fehlen, brilliante Stoffe in kurzer Zeit zu entwickeln, heißt es von Kritikern. Aber das ist Blödsinn. Zum einen wurden viele dieser Forschungen ohnehin staatlich unterstützt. Zum anderen könnten die Hersteller-Firmen gern auch fürstlich für ihre Patente bezahlt werden.

Mehr als 100 Länder unterstützen den Antrag auf Patent-Aussetzung bereits. Würde sich auch die EU auf deren Seite schlagen, wäre die nötige Mehrheit sicher – und die Impfstoffproduktion könnte weltweit hochgefahren werden. Leider wird dieser Schritt als wirtschaftsfeindlich verunglimpft, dabei wäre er das Gegenteil. Denn nur in einer geheilten Welt lässt sich dauerhaft profitabel wirtschaften.

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