Wahlkampf des Thüringer AfD-Spitzenkandidaten Höcke Thüringer Würstchen

Thüringens AfD hat ihren gesamten Wahlkampf auf Björn Höcke ausgerichtet - doch der inszeniert sich mitunter als empfindliche Diva. Kurz vor der Wahl reagiert der völkische Rechtsaußen zunehmend dünnhäutig.
Björn Höcke im Thüringer Wahlkampf: Vorübergehend will er keine Interviews mehr geben

Björn Höcke im Thüringer Wahlkampf: Vorübergehend will er keine Interviews mehr geben

Foto: FILIP SINGER/EPA-EFE/REX

Zuckerwatte und kühles Bier gibt es bei der AfD in diesen Wochen. 21 sogenannte Familienfeste haben die Rechtspopulisten in Thüringen für ihren Wahlkampf organisiert. 21-mal Bratwurst, Bier, Zuckerwatte - und die Reden von Björn Höcke. Die AfD hat ihren Wahlkampf ganz auf ihn zugeschnitten.

Zum Beispiel in Eisenach, an einem Donnerstag, einige Wochen vor der Wahl am 27. Oktober. Auf dem Markt der Lutherstadt fahren zwei dunkle Limousinen vor. Höcke, der Rechtsaußen-Spitzenkandidat, steigt aus, wird direkt abgeschirmt von seiner Entourage. Schnellen Schrittes geht es über den Marktplatz.

Kopfsteinpflaster statt roter Teppich

Höcke scheint stur geradeaus zu schauen. Wie ein Hollywoodstar, der sich den Paparazzi verweigert. Hier in Eisenach wirkt das surreal. Abgehoben. Denn Höcke schreitet nicht über einen roten Teppich, sondern über Thüringer Kopfsteinpflaster.

Was auffällt: Je näher der Wahltermin rückt, desto hektischer und gestresster wirkt Höcke. Meist muss er zudem gegen lautstarke Demonstranten auf den Plätzen Thüringens anreden.

In den vergangenen Jahren hat es der Landespolitiker Höcke zu bundesweiter Bekanntheit gebracht. Im Jahr 2014 ließ sich Höcke als Gymnasiallehrer in Hessen beurlauben, weil er Landtagsabgeordneter in Thüringen wurde. Damals sorgte ausgerechnet der Einzug der AfD in den Thüringer Landtag für Mehrheitsverhältnisse, die in Deutschland erstmals einen Linken-Ministerpräsidenten möglich machten. Höcke, dessen Verbindungen ins rechtsintellektuelle Milieu  weit zurückgehen, avancierte in der AfD rasch zum Repräsentanten der völkisch-nationalistischen Strömung, des "Flügel"-Netzwerks.

Frühere Parteichefs arbeiteten sich im Streit an ihm ab. Doch ausgerechnet nun, im Jahr der Ost-Wahlen, bei denen von Rechtsaußen dominierte AfD-Landesverbände Erfolge feierten, könnte es für Höcke kompliziert werden.

Denn zuletzt verlor er in der Partei an Einfluss , stattdessen verschob sich der Fokus auf andere Strippenzieher, insbesondere den Brandenburger AfD-Chef Andreas Kalbitz.

Im Video: Inszenierung im Schützensaal

SPIEGEL TV

Höcke bleibt in Thüringen, der Landesverband steht hinter ihm. Noch. In den letzten Umfragen sinken die Werte von Höckes AfD. Wird die Partei bei der Wahl unter 22 Prozent landen? Und damit unter den Erfolgswerten von Brandenburg und Sachsen?

Dann dürfte sich auch in der Thüringer AfD so mancher fragen, ob Höcke inzwischen nicht mehr schadet, als er bringt. Laut ZDF-"Politbarometer" ist der 47-Jährige der unbeliebteste Spitzenkandidat. Selbst unter AfD-Anhängern sind seine Werte vergleichsweise niedrig.

Seine Wahlveranstaltungen, seine Reden laufen stets nach einem ähnlichen Muster ab. Knapp unter einer Stunde spricht Höcke, begleitet vom Pfeifkonzert der Gegendemonstranten:

  • Zum Standardprogramm gehört die Abrechnung mit der gegenwärtigen Klimapolitik. Die "Fridays for Future"-Proteste bezeichnet Höcke als Beispiel von "Infantilisierung der deutschen Politik".
  • Dazu serviert er klassischerweise ein Angstszenario, beim Klima ist das der vermeintlich bevorstehende Blackout. Ohne Strom komme der "Zivilisationsbruch", nach dem nicht einmal mehr die Klospülung funktioniere.
  • Im zweiten Block geht es dann meist um die Migrationspolitik. Europa müsse als "Festung" gedacht werden, deshalb brauche es eine "Abschiebeinitiative 2020". Die "weitere Afrikanisierung und Orientalisierung Thüringens und Deutschlands" müsse gestoppt werden.
  • Im Finale fordert Höcke schließlich: "Holen wir uns unser Land zurück." Es folgt die Nationalhymne.

Nach der Rede in Eisenach treten einige Leute an die Bühne heran, Höcke kniet sich hin, lässt Selfies zu. Doch ein Politiker zum Anfassen ist Höcke nicht, das wird auch hier schnell klar. Missmutig zeigt er einem Anhänger auf dem Handy, wie er den richtigen Kameramodus einstellen muss. Höckes Bad in der Menge dauert nur einige Minuten, er verliert kaum ein Wort. Es ist ihm sichtlich unangenehm, sich ins Volk zu begeben.

Die AfD ist die einzige Partei in Thüringen, die im Wahlkampf so stark auf die Präsenz auf den Markplätzen setzt. Das Potenzial in den Filterblasen sei zunehmend erschöpft, analysierten AfD-Strategen. "Wir müssen raus aus der WhatsApp- und Facebook-Blase", forderte auch Höcke vor dem Wahlkampf.

Doch inzwischen vermittelt er selbst den Eindruck, als sei er für diese Strategie der Falsche.

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Keine Interviews mehr

In den Medien erregte er zuletzt Aufmerksamkeit mit einem Auftritt im ZDF, bei dem er dem kritisch fragenden Journalisten mit Konsequenzen drohte. Die "Thüringer Allgemeine" druckte anstatt eines Interviews eine leere Seite, nachdem Höcke den Termin ohne Begründung abgesagt hatte. Regelmäßig ärgert sich Höcke, dass der Lokalteil nicht über seine Fahrradtouren im Wahlkreis berichtet. Nun will er vorübergehend überhaupt keine Interviews mehr geben. Höcke hat sich zur Diva entwickelt, er ist empfindlich geworden, sieht sich selbst als Opfer.

Von außen betrachtet wirkt die einstige Galionsfigur der Rechten zunehmend gereizt. Dabei hat er gerade einen neuen Büroleiter eingestellt, der ihn managen soll: Robert Teske. Der frühere Chef der Jungen Alternative (JA) in Bremen arbeitete bis Ende 2018 im Büro des dortigen AfD-Sprechers Frank Magnitz.

Teske und sein Bremer JA-Landesverband gehören zum Umfeld der Identitären Bewegung. So heißt es im Bericht des Bremer Landesverfassungsschutzes 2018 :

"In Bremen wird die Jugendorganisation 'Junge Alternative' (JA) der Partei 'Alternative für Deutschland' (AfD) insbesondere wegen ihrer fremden- und muslimenfeindlichen und völkisch-nationalistischen Äußerungen sowie ihrer Verbindungen zu den rechtsextremistischen 'Identitären' seit September 2018 beobachtet."

Bremens AfD-Landesverband forderte deshalb die Auflösung der eigenen Jugendorganisation, was Robert Teske nicht wollte. Nun holte sich Höcke den Hardliner nach Thüringen. Auch wenn der AfD-Spitzenkandidat versucht, sich zunehmend gemäßigter zu geben, an seiner Positionierung auf dem Rechtsaußen-Flügel gibt es keinen Zweifel. Demonstranten setzten zuletzt darüber hinaus gerichtlich durch, dass sie Höcke "Faschist" nennen dürfen.

Höcke war sein früherer Büroleiter abhandengekommen, als dieser erfolglos für einen Listenplatz für die Landtagswahlen kandidiert hatte. Wie es in der AfD heißt, hatte er sich Unterstützung von Höcke gewünscht - diese sei aber viel zu spät gekommen.

Trotz des Versuchs der Mäßigung hat Höcke für Kenner immer die passenden Botschaften parat. Vor einigen Wochen zeigte die AfD ein spezielles Plakat: Höcke mit den Händen am Hinterkopf, zurückgelehnt. Darauf der Satz: "Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist."

Das Plakat ist ein Zitat von Jörg Haider, des früheren Vorsitzenden der rechtspopulistischen FPÖ. Die Pose, der Spruch - all das gab es früher schon bei Haider. Höcke sieht sich offenbar in der Rolle eines deutschen Haiders. Der echte Haider verzichtete im Jahr 2000 auf ein Regierungsamt, damit seine Partei mit der christsozialen ÖVP in Wien koalieren konnte.

Den Weg für eine Koalition freimachen - ein Schicksal, das auch Höcke bevorstehen könnte?

So gab es in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg bereits ranghohe CDU-Vertreter, die eine Zusammenarbeit mit der AfD als Option ins Spiel brachten. In Thüringen wiederholt CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring zwar immer wieder, dass er jegliche Zusammenarbeit mit der AfD ablehne. Vor fünf Jahren fühlte er jedoch selbst schon einmal vorsichtig vor.

Zumindest an der Basis werben manche öffentlich: Die konservative, allerdings nicht wirklich einflussreiche CDU-Politikerin Vera Lengsfeld ließ in Thüringen kürzlich ein Heftchen in 500.000 Briefkästen verteilen, in dem sie mit anderen Politikern am rechten Rand der CDU offen Überlegungen zu einer Allianz aus CDU und AfD anstellte. Eine Koalition aus den beiden Parteien sei perspektivisch möglich, glauben sie. Doch eine Bedingung gebe es dafür, so schreiben sie: Höcke müsse weg.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.