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Alexander Neubacher

Die Gegendarstellung Blinde Zerstörer

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
"Black Lives Matter" hat einen Bildersturm entfacht. Denkmäler von Bismarck und Kant wackeln. Und eine Historikerin will "längst vergessene Männer" von den Straßenschildern streichen - auch wenn diese gegen die Nazis kämpften.
aus DER SPIEGEL 26/2020
Umbenennung per Plakat: Erinnerung an George Floyd an der U-Bahnstation "Mohrenstraße" in Berlin

Umbenennung per Plakat: Erinnerung an George Floyd an der U-Bahnstation "Mohrenstraße" in Berlin

Foto:

JOHN MACDOUGALL/ AFP

Wird der Perelsplatz in Berlin-Friedenau bald George-Floyd-Platz heißen? Hedwig Richter, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München, fände das offenbar gut. In einem Gastbeitrag ("Hol den Vorschlaghammer") auf SPIEGEL.de schlug sie vor: "Warum nicht eine der unzähligen Straßen, die nach längst vergessenen Männern benannt sind (Dickhardt, Perels, Goßler, Bucher, Pimms), nach George Floyd benennen?"

Nun kann man nur hoffen, dass es der Professorin gelingt, in der Bibliothek ihrer Universität doch noch ein Buch über Opfer des Nationalsozialismus aufzutreiben. Darin könnte sie dann nachlesen, wer dieser Perels war, dem sie die Ehre einer Straßenbenennung streichen möchte: Friedrich Justus Perels , Widerstandskämpfer gegen die Nazis, verhaftet 1944 nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler, erschossen von einem Sonderkommando des Reichssicherheitshauptamts in der Nacht zum 23. April 1945. Als Kind war Perels in Friedenau zur Schule gegangen; 1961 ehrte man ihn dort und gab dem nahe gelegenen Platz seinen Namen.

Der Vorschlag der Münchner Historikerin steht für den geschichtsblinden Bildersturm, den Teile der "Black Lives Matter"-Bewegung entfacht haben. Erst haute es die Statuen von Südstaatengenerälen, Sklavenhändlern und Kolonialherrschern von ihrem Sockel. Hier war immerhin klar, was die Betroffenen zu Lebzeiten verbrochen hatten.

Dann nahmen Demonstranten auch solche Personen der Zeitgeschichte aufs Korn, bei denen die Schuldfrage weniger eindeutig zu beantworten ist. In Boston schlugen sie einer Statue von Christoph Kolumbus den Kopf ab. In London wurde ein Winston-Churchill-Denkmal mit dem Wort Rassist beschmiert. Im Hamburg kippten sie blutrote Farbe über die Statue Otto von Bismarcks. Auch Immanuel Kant geht es an den Kragen. Der Bonner Geschichtsforscher Michael Zeuske sagt, Kant habe „den europäischen Rassismus mitbegründet“.

Dass historische Persönlichkeiten weder Held noch Schurke waren, sondern in der Regel beides, ging beim Erbauen der Statuen ebenso unter wie heute bei der Zertrümmerung.

Und nun also der Vorschlag der Münchner Historikerin Richter. Wenn nicht einmal ein Opfer der NS-Diktatur davor sicher ist, wegen George Floyd auf den Schutthaufen der Geschichte geworfen zu werden – wer ist es dann?

Was steckt hinter dem Kampf? Ich glaube, es liegt an der Schwierigkeit, Ambivalenz auszuhalten. Dass die meisten historischen Persönlichkeiten weder Held noch Schurke waren, sondern, wie wir alle, gute und schlechte Eigenschaften hatten, ging beim Erbauen der Statuen ebenso unter wie heute bei der Zertrümmerung. Je heroischer die Darstellung, desto größer der Zerstörungswille.

Besser wäre es, die Statuen mit Erklärungen zu versehen oder sie zu verfremden, wie es der britische Künstler Banksy vorschlug. Dann könnte man beispielsweise erklären, dass Bismarck eben beides war: erfolgreicher Sozialreformer, aber auch Herrscher über ein brutales Kolonialsystem.

Ich finde es gut, dass "Black Lives Matter" uns dazu bringt, über Rassismus und seine historischen Wurzeln nachzudenken. Gerade deshalb halte ich es für falsch, Denkmäler zu schleifen: Sie werden als Mahnmale noch gebraucht.

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