SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. März 2015, 12:50 Uhr

EZB-Eröffnungsfeier trotz Krawall

Drinnen Party, draußen Protest

Draußen brannten Autos und Mülltonnen - aber drinnen feierte die Europäische Notenbank ihren neuen Glaspalast. EZB-Präsident Draghi äußerte Verständnis für Demonstranten und Verlierer der Eurokrise.

Frankfurt/Main - EZB-Präsident Mario Draghi hat den Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt feierlich eröffnet. Während Demonstranten vor den weiträumig abgesperrten EZB-Glastürmen randalierten, feierte die Notenbank in kleinem Rahmen mit gut 100 geladenen Gästen.

In seiner Eröffnungsrede ging Draghi auch auf die Proteste und die vielen unzufriedenen Menschen im Euroraum ein, die in den vergangenen Krisenjahren Einkommen und Wohlstand verloren hätten. Als eine Institution der Europäischen Union, die eine zentrale Rolle in der Krise gespielt hat, sei die EZB in den Fokus der Frustrierten geraten, sagte Draghi seinem Manuskript zufolge. "Ich gehe davon aus, dass wir auch diejenigen mitnehmen können, die sich ausgeschlossen fühlen, einschließlich viele der Protestierenden, die in Frankfurt diese Woche zusammengekommen sind", sagte Draghi. Er setzt dabei auf die weitere Integration. "Das Gebäude ist ein Symbol für das Beste, was Europa gemeinsam erreichen kann."

Das Areal um das neue EZB-Hochhaus war ebenso wie die nächstgelegene Mainbrücke weiträumig abgesperrt. Ein massives Aufgebot von Polizisten und berittener Polizei hinderte Demonstranten daran, sich dem türkis-blau schimmernden Gebäude zu nähern. Dennoch gelang es einigen Teilnehmern der Proteste nach Angaben der Polizei, die Absperrung zu überwinden. Gruppen Vermummter zogen durch die anliegenden Straßen und kippten Mülltonen und ein parkendes Auto um.

In der Frankfurter Innenstadt hatten sich Polizei und Demonstranten schon vor der Eröffnung am Morgen Straßenschlachten geliefert. Die Polizei nahm mehrere Gewalttäter fest und rund 550 weitere Randalierer vorübergehend in Gewahrsam. Sicherheitskräfte setzten Wasserwerfer ein und räumten brennende Barrikaden. Polizei und Feuerwehr berichteten über Steinwürfe auf Beamte und Einsatzfahrzeuge.

Journalisten wurden am Morgen in Kleinbussen mit Polizeieskorte zu dem Hochhaus gefahren. Das Gebäude, in dem zu normalen Zeiten 2600 Menschen arbeiten, hat 1,3 Milliarden Euro gekostet. Am Mittwoch wirkte der Turm jedoch leer, da am Eröffnungstag bis auf einige hundert Beschäftigte die meisten Angestellten von zu Hause aus arbeiteten.

Für die Demonstranten der kapitalismuskritischen Bewegung Blockupy ist die neue EZB-Zentrale das Symbol einer völlig verfehlten Krisenpolitik in den südlichen Euro-Ländern. Sie werfen der EZB vor, mit ihrer Politik die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher zu machen. "Es gibt nichts zu feiern an Sparpolitik und Verarmung!" heißt es im Protest-Aufruf der Bewegung. Die Zahl der Demonstranten schätzte Blockupy auf mehrere Tausend.

Ihnen standen mehrere Tausend Polizisten aus dem gesamten Bundesgebiet gegenüber. Die Stimmung der Demonstranten sei wie erwartet aggressiv, erklärte eine Polizeisprecherin. Die Zahl der Teilnehmer liege im oberen dreistelligen Bereich.

Blockupy hat für den Nachmittag eine Großkundgebung auf dem Römer sowie einen Demonstrationszug angemeldet. Nach Angaben von Blockupy werden 60 Busse aus 39 europäischen Städten und ein Sonderzug mit Demonstranten in Frankfurt erwartet.

Sehen Sie hier, wie der Protest bisher verlaufen ist:


Zusammengefasst: EZB-Präsident Draghi hat ungeachtet der gewalttätigen Proteste in Frankfurt die neue Zentrale der Notenbank eröffnet. Blockupy erwartet im Lauf des Tages Tausende weitere Demonstranten.

ler/dpa/Reuters

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung