BND-Bericht der "New York Times" Chefredakteur wehrt sich gegen Vorwürfe der Bundesregierung

Die "New York Times" verwahrt sich gegen die Anschuldigungen einer falschen Berichterstattung über die Kooperation deutscher BND-Agenten mit den USA. In ungewöhnlich deutlicher Form verteidigte Chefredakteur Bill Keller seinen Reporter.

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Berlin - Die journalistische Form einer Editors Response, einer Reaktion des Chefredakteurs, hat bei der renommierten "New York Times" im Laufe der beiden letzten Jahre eine etwas unrühmliche Tradition. Peinlich berührt musste die auf absolute Korrektheit abonnierte Zeitung in den vergangenen zwei Jahren massive Fehler einiger ihrer Reporter eingestehen, unabhängige Kommissionen die internen Vorgänge im mächtigen Zeitungshaus am Times Square mitten in New York blicken lassen, letztendlich Mitarbeiter feuern und sich bei den Lesern reumütig entschuldigen.

Umso ungewöhnlicher war am Montagabend eine weitere Reaktion des sonst eher im Hintergrund agierenden Chefredakteurs Keller. Nur wenige Stunden war der Bericht eines seiner bekanntesten Reporters, des Militärexperten Michael R. Gordon, im Umlauf, da meldete sich der Chefredakteur in eigener Sache zu Wort. Auf der Website und später auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz verteidigte Keller, einer der mächtigsten Zeitungsmacher der Welt, explizit seinen Reporter und dessen Recherchen.

Die "New York Times" wehrte sich damit gegen die von der deutschen Bundesregierung erhobenen Vorwürfe, der Bericht über die Weitergabe einer militärischen Skizze des Saddam-Regimes durch Mitarbeiter des BND an den US-Militärgeheimdienst DIA sei "falsch". Keller sagte dazu, der Bericht Gordons stütze sich auf einen als "geheim" klassifizierten und im Jahr 2005 verfassten Bericht des Joint Forces Command, der obersten Befehlsstelle der verschiedenen Bereiche der US-Armee.

An der Darstellung über die deutsche Hilfe für die USA lasse der Report keine Zweifel, schreibt Keller. "Zu der deutschen Beteiligung ist der Bericht des Joint Forces Command eindeutig und uneingeschränkt."

"Die Folie wurde im Februar dem deutschen Verbindungsoffizier in Katar zur Verfügung gestellt"

Der spektakulären Erklärung von Keller waren in Berlin eindeutige Dementis über die "New York Times"-Berichterstattung vorausgegangen. In der Bundespressekonferenz hatte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm den Artikel des renommierten Militärexperten Gordon schlicht als "falsch" abgekanzelt. Auch der BND selbst kommentierte in seltener Genauigkeit, man habe zu keinem Zeitpunkt von der Skizze Kenntnis gehabt und sie deshalb auch erst recht nicht den Amerikanern zur Verfügung gestellt.

Gleichwohl legte Chefredakteur Keller einige Details nach, um die Glaubwürdigkeit des Berichts zu untermauern. Demnach beschäftigt sich die Studie eingehend mit der Skizze über die irakische Verteidigungsstrategie und erläutert danach, wie die USA sie bekommen haben. Wörtlich heißt es laut Keller: "Die USA bekamen die Skizze am 3. Februar. Die Folie wurde im Februar dem deutschen Verbindungsoffizier in Katar zur Verfügung gestellt, der diese der DIA übergab .... DIA hat sie dann an CENTCOM J2 weitergeleitet."

Dieser Ausschnitt aus dem Report war bereits in dem Originalbeitrag vom Montag zitiert. In der neuen Erklärung allerdings zitierte die "New York Times" mit allen Abkürzungen und Schreibweisen wie LNO für "Liason Officer" - offenbar, um die Authentizität des Dokuments zu belegen. Weiter heißt es: "Die Deutschen hatten zwei Agenten in Bagdad vor dem Beginn des Kriegs. Die Skizze wurde den Deutschen von einer ihrer Quellen in Bagdad (Identität der deutschen Quelle unbekannt) ausgehändigt. Als die Bomben zu fallen begannen, stoppten die Agenten ihre Observationen und gingen in die Französische Botschaft."

BND dementiert energisch

An anderer Stelle in dem Report wird die Quelle der Skizze laut Keller-Statement wiederholt. "Eine deutsche HUMINT-Quelle lieferte vor dem Krieg an die USA." Unter der Abkürzung "HUMINT" verbirgt sich in der Geheimdienstsprache der Begriff "Human Intelligence" - zu Deutsch: Informationen von menschlichen Quellen.


Am Montagabend äußerte sich gegenüber der Nachrichtenagentur AFP ein Pentagonsprecher zu dem angeblichen Geheimbericht. "Ich kenne keinen Beleg, der die Behauptung stützt", sagte Bryan Whitman der Agentur.

Ein Mitarbeiter des Pentagon, der allerdings nicht namentlich genannte werden wollte, ging noch weiter. Laut dem AFP-Bericht bestätigte dieser, dass es zwar ein Geheimpapier für den Vereinigten US-Generalstab zum Irak-Krieg über irakische Verteidigungspläne gegeben habe. Es gebe darin aber keine Angaben zur Rolle deutscher Geheimdienste. "Der Vorwurf, dass der deutsche Geheimdienst Informationen über Saddams Kriegspläne an die Amerikaner geliefert hat, ist in dem Bericht nicht enthalten", sagte der Pentagon-Mann.

In Berlin widersprachen neben dem offiziellen Dementi auch verschiedene hochrangige Sicherheitsbeamte der Darstellung in der Zeitung. Vom BND ist zu hören, dass man die Frage schon ausführlich geprüft habe. Eindeutig wie selten in den letzten Wochen hieß es, dass die Geschichte nicht stimmen könne.

So mancher Mitarbeiter vermutet bereits, dass es sich um einen Fehler in dem geheimen Bericht der US-Armee handeln könnte, denn die Erklärung der "Times" scheint zu belegen, dass er authentisch ist. Fraglich bleibt , ob es sich um eine endgültige Fassung über den Erkenntnisstand innerhalb der US-Truppen handelt.

Unabhängig von den Fakten schaukelte sich in Berlin bereits am Montag eine Debatte um gezielte Indiskretionen durch die USA hoch. Politiker verschiedener Parteien und anonyme Sicherheitsexperten unkten, die Details seien absichtlich in die Öffentlichkeit gespielt worden, um die rot-grüne Regierung postum in Misskredit zu bringen. Andere mutmaßten gar, dass irgendjemand in den USA die FDP endgültig zur Zustimmung für einen Untersuchungsausschuss drängen wolle. Besonders weit ging der SPD-Politiker Dieter Wiefelspütz: Er bezeichnete den Bericht als "Zeitungsente".

Dabei sind einige Details aus dem Armee-Report zutreffend und wurden bereits von der deutschen Regierung eingestanden: In der Tat befand sich laut dem Regierungsbericht über die BND-Mission im Irak in der US-Gefechtszentrale in Doha ein Verbindungsbeamter der BND (Deckname "Gardist") - allerdings erst nachdem die beiden BND-Männer Volker H. und Rainer M. am 15. Februar in Bagdad ihre Arbeit aufgenommen hatten. Der Armee-Report aus den USA aber nennt den 3. Februar als Übergabedatum der Skizze in Doha. Fraglich ist also, ob es auch vorher einen BND-Mann in Doha gab.

Was kommt als Nächstes?

Auch die Darstellung in dem US-Report über die beiden BNDler Volker H. und Rainer M. stimmt mit den Angaben der deutschen Regierung überein. Tatsächlich suchten die beiden Agenten nach Kriegsbeginn Schutz in der französischen Botschaft in Bagdad. Allerdings bestreiten mit den Fakten vertraute deutsche Beamte, dass die Männer überhaupt menschliche Quellen (HUMINT) in der Hauptstadt führten.

Zumindest in einem Punkt ist die Erklärung der "New York Times" für den Fortgang der Affäre interessant. Ganz am Ende nämlich kündigt das Blatt an, dass es noch weitere Geschichten unter Berufung auf den geheimen Armee-Report gebe. Man überlege, ob man am Ende den gesamten Text veröffentlicht. Für einen möglichen Untersuchungsausschuss in Deutschland dürfte das interessant werden. Vielleicht wird dann etwas klarer, wer Recht hat.



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