BND International Waffen für Biafra und ein toter "roter Admiral"

Die BND-Agenten mischen seit Jahrzehnten mit wechselndem Erfolg immer wieder in den Krisengebieten der Welt mit: Als Drahtzieher beim Gefangenenaustausch in Nahost, aber auch als Waffenlieferant für Afrika.

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Hamburg - Wie Helden wurden am Abend des 29. Januar 2004 die 34 Hisbollah-Kämpfer auf dem Beiruter Flughafen empfangen, die von Israel freigelassen wurden - im Austausch gegen den von der Terrororganisation entführten Geschäftsmann Elchanan Tannenbaum und den drei Leichen israelischer Soldaten. Doch feierten konnten der Staatspräsident Emile Lahoud und 250 weitere VIP's die Ankunft der "German Airforce", die am Nachmittag pünktlich vom Flughafen Köln-Wahn gestartet war, nur weil der Bundesnachrichtendienst (BND) diesen Deal zwischen den Feinden vorbereitete.

Gefangenenaustausch zwischen Israel und Libanon auf dem Kölner Flughafen: Vom BND eingefädelt
AP

Gefangenenaustausch zwischen Israel und Libanon auf dem Kölner Flughafen: Vom BND eingefädelt

Drei Jahre lang hatte der deutsche Geheimdienst an dem Austausch gearbeitet - es ist bis heute der größte von der Öffentlichkeit registrierte Erfolg im Ausland für die Spionageorganisation. Eingefädelt hatte ihn Ernst Uhrlau, damals Koordinator der Geheimdienste im Bundeskanzleramt und heute Chef des BND.

Die guten Kontakte des Geheimdienstes in den Nahen Osten hatten da schon Tradition. In den neunziger Jahren gab es bereits zweimal einen ähnlichen Austausch von Gefangenen und Leichnamen zwischen Israelis und Libanesen, den der BND ebenfalls organisiert hatte. Das brachte dem damaligen Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer den Beinamen "008" ein.

Rund 6000 Mitarbeiter beschäftigt der in Pullach bei München ansässige deutsche Geheimdienst. Das Budget wird auf rund 350 Millionen Euro jährlich geschätzt. Seit der Gründung im Jahre 1956 sorgen die Spione aber vor allem durch Skandale und Gerüchte für Schlagzeilen. So berichtete der SPIEGEL von einem Geheimbrief des damaligen BND-Präsidenten Gerhard Wessel ans Bonner Kanzleramt mit der Aussage, sein Dienst sei in den sechziger Jahren in Waffengeschäfte verwickelt gewesen. In der Zeit der ersten Großen Koalition (1966 bis 1969) habe der Geheimdienst ein riskantes Kontrastprogramm zur offiziellen deutschen Außenpolitik inszeniert, die dem Entspannungskurs des damaligen Außenministers Willy Brandt (SPD) völlig zuwider liefen.

Über die Hamburger Firma Dobbertin lieferte der BND demnach Kriegsmaterial zum Beispiel nach Nigeria, Schauplatz des blutigen Biafra-Krieges mit zwei Millionen Toten. Mit Munition und G3-Gewehren der Bundeswehr seien beide Bürgerkriegsparteien versorgt worden. Auf der Liste der Waffenkunden des BND standen auch der damalige Apartheidstaat Südafrika, Rhodesien, Israels Kriegsgegner Jordanien und Griechenland, wo eine Militärdiktatur an der Macht war.

Knapp zehn Jahre später war der BND durch dilettantische Fehler für den Tod eines DDR-Bürgers verantwortlich. Am 18. Juli 1980 wurde Winfried Baumann im Leipziger Gefängnis durch einen Genickschuss exekutiert. Unter dem Codenamen "Roter Admiral" sollte der 49-Jährige den Schlapphüten Geheimnisse aus dem SED-Staat liefern, weil er angeblich hoher Marineoffizier war. Doch bei Baumann handelte es sich in Wahrheit um einen alkoholabhängigen Arbeitslosen, der nur ein paar Infos aus längst vergangener Marinezeit bieten konnte. Die Flucht des angeblich Top-Spions wurde euphorisch organisiert, doch durch Fehler des westdeutschen Geheimdienstes konnte die Stasi Baumann verhaften. Als Spion wurde er zum Tode verurteilte - Hilfe aus der Bundesrepublik gab es nicht.

BND-Chef war damals Klaus Kinkel. Das Interesse des späteren Außenministers galt aber auch dem arabischen Raum. In Dubai errichtet er 1979 die erste illegale Residenz des BND. Nach dem Verlust der Position in Iran durch Chomeinis Revolution setzte er auf den Irak. Dem Regime von Saddam Hussein in Bagdad verhalf er zu Rüstungslieferungen sowie zur Ausbildung und Ausstattung des Geheimdienstes. Dem "Krokodil", wie der irakische Dienst in Pullach genannt wurde, lieferte er sogar Dossiers über irakische Oppositionelle.

Als "Musterfall für die erfolgreiche nachrichtendienstliche Außenpolitik" des BND bezeichnet der Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom Afghanistan. Die Zusammenarbeit mit dem Staat am Hindukusch gehe auf die Polizeihilfe zurück, die die Bundesrepublik seit den späten fünfziger Jahren leistete. Deutsche Polizeilehrer in Kabul hätten auch "zugleich für den Bundesnachrichtendienst" gearbeitet und auch Geheimdienstpersonal ausgebildet, sagte Schmidt-Eenboom SPIEGEL ONLINE.

Aus dem heutigen Kabinett von Präsident Hamid Karzai seien vor allem Verteidigungsminister Mohammed Fahim und Außenminister Abdullah Abdullah dem Pullacher Dienst verbunden. Fahim sei seit Winter 1994 immer wieder in der BND-Zentrale zu Gast gewesen. "Er hatte enge Beziehungen zum Bundesnachrichtendienst entwickelt, Gelder für den Kampf gegen die Taliban bei Exil-Afghanen gesammelt und gleichzeitig andere afghanische Opportunistengruppen ausspioniert."

Seine kritische Einstellung brachte Schmidt-Eenboom die besondere Aufmerksamkeit des BND ein: Er wurde überwacht.



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