Bürgermeister von Berlin-Mitte über Böller "Es gibt Straßen, die sollte man an Silvester meiden"

Freiheitsbeschneidung oder Schutz von Leib und Leben? Kritiker fordern ein Verbot der Silvesterknallerei. Auch der wichtige Berliner Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel hält Einschränkungen für sinnvoll.

Berlin-Mitte nach der Silvesternacht (Archivfoto)
ddp images/ Patrick Sinkel

Berlin-Mitte nach der Silvesternacht (Archivfoto)

Ein Interview von


Jedes Jahr werden in Deutschland viele Menschen an Silvester durch Böller verletzt. Eine Mehrheit der Deutschen sprach sich zuletzt in einer Umfrage für Feuerwerksverbote in Innenstädten aus. Städte wie Braunschweig, Dortmund und Hannover haben das Zünden in bestimmten Bereichen bereits untersagt.

Auch Berlin war in der Vergangenheit wiederholt Schauplatz krawallartiger Szenen am Silvesterabend. Kliniken in der Hauptstadt müssen die ersten Unfallopfer in der Regel schon vor dem 31. Dezember behandeln. Selbst Rettungskräfte wurden schon mit Böllern attackiert.

(Lesen Sie hier einen Kommentar zum Thema.)

Der Grüne Stephan von Dassel ist Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, wo mehr Menschen leben als in Bochum. Im Gespräch beschreibt er die Lage in seinem Bezirk an Silvester und am Tag danach - und äußert sich zu Feierkultur, Freiheit und Rücksichtnahme.

SPIEGEL ONLINE: Herr von Dassel, aus Ihrem Bezirk Berlin-Mitte kennt man einerseits die Bilder vom Silvesterfeuerwerk am Brandenburger Tor. In den vergangenen Jahren kam es aber immer wieder auch zu Unfällen und zu Szenen, die Kritiker als "Straßenkämpfe" bewerten. Was tun Sie dagegen?

Stephan von Dassel: Böller werden von manchen inzwischen wie Waffen benutzt. Es gibt Straßen, die sollte man an Silvester meiden. Am Morgen danach sieht es oft aus wie auf einem Schlachtfeld. Und ich habe das Gefühl, dass es jedes Jahr noch ein bisschen rücksichtsloser wird. Ich finde es deshalb gut, dass eine Diskussion um Böllerverbote begonnen hat.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie für ein generelles Verbot?

Von Dassel: Bei Böllern, die einfach nur laut krachen, bin ich für ein Verbot. Bei Feuerwerkskörpern kann man über verschiedene Lösungen nachdenken.

Zur Person
  • DPA
    Stephan von Dassel, Jahrgang 1967, geboren in Münster, ist seit Herbst 2016 Bürgermeister des Berliner Bezirks Mitte, in dem rund 380.000 Menschen unterschiedlicher Kulturen und Schichten leben. Der Grünen-Politiker ist einer der bekannteren Kommunalpolitiker in der Hauptstadt und eckt mit manchen Positionen ("Laissez-faire ist nicht meins") öfters auch in seiner eigenen Partei an.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnten diese aussehen?

Von Dassel: Hier in Berlin würden etwa zentrale Feuerwerksstätten in den verschieden Bezirken in Frage kommen. Dort könnte dann jeder Feuerwerkskörper zünden oder es würde ein von der öffentlichen Hand organisiertes Feuerwerk geben. Im Übrigen halte ich das für eine Frage, die man im Sinne einer direkten Bürgerbeteiligung gut den Berlinerinnen und Berlinern stellen könnte.

SPIEGEL ONLINE: In Berlin wurde ein Antrag, der das Böllern an Silvester einschränken sollte, ins kommende Jahr verschoben. Er sieht vor, dass die Bezirke die Möglichkeit bekommen, die Knallerei einzuschränken.

Von Dassel: Das ist totaler Quatsch. Hier brauchen wir eine Regelung für ganz Berlin. Das Land hat sich hier einen schlanken Fuß gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Viele in Deutschland halten die Knallerei an Silvester aber für einen Teil der Feierkultur.

Von Dassel: Den eigentlichen Silvesterfeuerwerken kann auch ich durchaus etwas abgewinnen. Es kann aber nicht jeder alles in der Stadt machen, nur weil er denkt, das gehöre zur Feierkultur.

SPIEGEL ONLINE: Viele werden darin eine Freiheitsbeschneidung sehen.

Von Dassel: Absolute Freiheit gibt es nur in der Wildnis. Wo aber so viele Menschen auf engem Raum zusammenleben wie in Berlin-Mitte, muss sichergestellt werden, dass das auch friedlich verläuft - durch Regeln und gegebenenfalls durch Verbote. Ich sehe das nicht als Missachtung von Freiheit, sondern als Durchsetzung von Rücksichtnahme.

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