Boetticher-Affäre Die Moral von der Geschicht'

Ein 40-Jähriger Politiker und ein 16-jähriges Mädchen als Paar - das geht vielen Bürgern zu weit, erst recht an der CDU-Basis: Christian von Boettichers Rücktritt war unvermeidlich. Er ist nicht der erste deutsche Politiker, der an der bürgerlichen Moral scheitert.

DPA

Von Gerd Langguth


Er verliert erst den Landesvorsitz und die CDU-Spitzenkandidatur, dann auch den Fraktionsvorsitz der CDU im Kieler Landtag - es ist ein tiefer Fall für den schleswig-holsteinischen Politiker Christian von Boetticher. Was wird ihm zur Last gelegt? Er hat im Internet ein 16-jähriges Mädchen kennen und lieben gelernt. Solange er nicht eine Abhängigkeit der jungen Frau ausnutzt, sagt der Gesetzgeber, ist das nicht strafbar. Warum dann der Rücktritt?

Die erste und unmittelbare Antwort ist einfach: Für Politiker gelten zwar nicht andere Gesetze als für Normalsterbliche, wohl aber andere Maßstäbe. Bei aller Politikerverachtung wollen viele Bürger in ihren Volksvertretern ein geistig-moralisches Vorbild sehen. Außerdem hat Boetticher natürlich eine politische Grundregel missachtet: Schaffe nie Tatbestände, auch nicht im Privaten, die dich erpressbar machen.

Politische Prominente vermeiden es meist aus genau diesem Grund, in privaten Dingen vor Gericht zu ziehen. Ein Beispiel: Welcher Politiker will es schon in der Boulevardpresse nachlesen, wenn er einen Mieter wegen künftiger Eigennutzung vor die Tür setzen will? "Familie vor dem Aus" ist dann noch eine der harmloseren Schlagzeilen, mit denen er rechnen müsste. Wobei der geneigte Leser dann noch selbst überlegen kann, ob der Eigennutzer Probleme zu Hause hat - oder die Familie, die ausziehen muss.

Freudlos-puritanische Deutsche

Ganz anders sähe es übrigens aus, hätte sich die Liebesgeschichte von Christian von Boetticher nicht in Deutschland, sondern, sagen wir, in Italien oder Frankreich abgespielt. Auch da ist Silvio Berlusconis angebliche Affäre mit einer minderjährigen Marokkanerin ein Skandal - aber weil er mutmaßlich dafür bezahlt haben soll. Premierminister ist er immer noch, und er genießt sogar die Lästereien, dass er im hohen Alter von bald 75 Jahren noch mit derart jungen Frauen verkehrt.

Und Frankreich? Es gehört fast zur Aura der französischen Präsidenten, dass im Volk mit einer gewissen Bewunderung über ihre Affären gemunkelt wird. Die deutschen Politiker wirken da im Blick auf ihr Liebesleben deutlich provinzieller - und die Deutschen insgesamt freudlos-puritanisch, wenn es um die Einschätzung von Affären ihrer Regierenden geht.

Als Skandale noch Staatskrisen auslösten

Gleichwohl sind die Deutschen im Laufe der Zeit liberaler geworden, wenn es um das Privatleben von prominenten Politikern geht, wie ein Rückblick zeigt:

  • Eines der ersten Opfer einer privaten Affäre war in der jungen Bundesrepublik ein Sozialdemokrat im sittenstrengen Hamburg, der seinerzeit 63-jährige Bürgermeister Paul Nevermann. Als 1965 die britische Königin zu Besuch kam, spielte Frau Grete nicht mit: Die "First Lady" der Hansestadt weigerte sich bei der königlichen Visite, an der Seite ihres Gatten die Honneurs zu machen: Ihr Mann möge sich doch auch an dieser Stelle mit jener Frau zeigen (es handelte sich um eine damals 42-jährige Ehefrau eines Hannoverschen Industriellen), bei der er sowieso inzwischen die meiste Zeit verbringe. Nevermann trat bald danach zurück.
  • In Archiven nachzulesen ist, wie sehr der - damals für die Zeitschrift "Jasmin" schreibende - Bonner Journalist Meinhard Graf von Nayhaus-Cormons den einstigen Superminister Karl Schiller in Panik versetzen konnte, als er 1971 den bis dahin zweimal verheirateten SPD-Politiker mit der Oberregierungsrätin und Arzttochter Etta Eckel im Tessin sichtete. Überstürzt, so hieß es damals, hastete das Pärchen nach Hannover, holte sich den Segen der Eckels - und meldete sich direkt auf dem Standesamt.
  • Als sich Willy Brandt 1980 von seiner zweiten Frau Rut scheiden ließ, war noch weithin Empörung in der deutschen Bevölkerung die Folge. Als bekannt wurde, dass der späteren Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) 1976 eine geschiedene Frau geheiratet hatte, war die Wiederaufstellung in seinem stock-katholischem Wahlkreis Papenburg gefährdet.

Heute hingegen kann sich sogar eine Landesbischöfin scheiden lassen - und mit Gerhard Schröder hatten wir einen Regierungschef, den die Öffentlichkeit wegen seiner vier Ehen und vier Eheringe liebevoll spöttisch "Audi-Kanzler" nannte. Sein Außenminister Joschka Fischer bringt es sogar auf olympische fünf Eheringe. Dass Affären nach wie vor Gefahren für politische Amtsträger in sich bergen, zeigt der Fall des ehemaligen EU-Kommissars Günter Verheugen, den das ungeklärte Verhältnis zu seiner Kabinettschefin kommissionsintern sehr geschwächt hat.

Mit "Wowi" kippte die Haltung der Deutschen

Es ist nicht genau auszumachen, wann die Haltung der Deutschen hin zu mehr Liberalität kippte. Am ehesten lässt sich das auf das Jahr 2001 datieren, jenes Jahr, in dem sich Klaus Wowereit mit seinem "und das ist gut so" zu seinem Schwulsein öffentlich bekannte. Bedenkenträger, die daraufhin prophezeiten, das Bekenntnis werde erst ihm und dann der SPD schaden, wurden eines Besseren belehrt.

Die CDU tut sich dabei insgesamt schwerer, diese Form der Liberalisierung zu akzeptieren. Auch wenn selbst bei der Union die Säkularisierung zum Leidwesen der katholischen Kirche inzwischen Wirkung zeigt - mehr Abgeordnete der Union sind geschieden als man glaubt, angeführt von der Parteivorsitzenden - so ist etwa Fremdgehen in der CDU doch verpönter als in anderen Parteien.

Da ist auch das Beispiel des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer keine Ausnahme. Nur zähneknirschend ertragen viele CSU-Mitglieder, dass der einstige Bundeslandwirtschaftsminister das freudlose Politikerleben im Abgeordneten-Apartmenthaus mit der Mitarbeiterin eines Kollegen aufgehellt hatte.

Boettichers Rücktritt? Nicht zu umgehen

Sex statt Amt: Diese Alternative gilt heute zwar nicht mehr. Doch für moralisch vorbildlich hält die deutsche Öffentlichkeit die meisten Politiker schon lange nicht mehr. Insofern gilt das gesamte Interesse der Frage: Wie geht der Ertappte mit der Situation um und wie steht es um die verlassene Ehefrau? Dabei ist für Unterhaltung gesorgt.

Im Fall Boetticher gab es angeblich keine betrogene Frau, doch einer konservativen Partei ging dieser moralische Grenzgang dann doch deutlich zu weit. Seine Geliebte war erst 16 Jahre alt, was das Gesetz so gerade eben toleriert. Zu viele christdemokratische Wähler und Parteimitglieder waren enttäuscht von ihm. Für viele spielte nicht die Rechtslage, sondern die Moral die Hauptrolle: Auch was rechtlich in Ordnung ist, kann moralisch anstößig sein. Auch in der CDU Schleswig-Holstein gibt es überzeugte Christen und Kirchgänger, die mit Boettichers Verhalten nicht einverstanden sind.

Außerdem wäre der gesamte Landtagswahlkampf von dieser Affäre überlagert gewesen, was die Wahlchancen geschmälert hätte. "Das tut man nicht", war das vorherrschende Urteil. Ein Moralurteil, noch dazu in Liebesangelegenheiten, wiegt häufig schwerer als eine Rechtsexegese.

insgesamt 351 Beiträge
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Seite 1
Pepito_Sbazzagutti 16.08.2011
1.
Ich habe weiter überlegt, was wohl gegen die Beziehung zwischen einem 40-Jährigen und einer 16-Jährigen spricht. Mir ist auch dieses Mal nichts eingefallen, außer: Sonst wird bei uns zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit nach TOLERANZ gebrüllt. Da ist man jetzt mal tolerant und es ist auch wieder nicht richtig. Deutschland, einig Spießerland.
buutzemann 16.08.2011
2. Verliebt in eine 16jährige?
Geht gar nicht, wenn man ernst genommen werden will als MP. Hat nix mit "bürgerlich" zu tun, sondern mit Reife. Wundere mich, dass man darüber noch diskutieren muss.
Kalaharry 16.08.2011
3. Andersrum wird vielleicht ein Schuh draus...
Zitat von Pepito_SbazzaguttiIch habe weiter überlegt, was wohl gegen die Beziehung zwischen einem 40-Jährigen und einer 16-Jährigen spricht. Mir ist auch dieses Mal nichts eingefallen, außer: Sonst wird bei uns zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit nach TOLERANZ gebrüllt. Da ist man jetzt mal tolerant und es ist auch wieder nicht richtig. Deutschland, einig Spießerland.
Natürlich haben Sie Recht und es spricht überhaupt nichts gegen eine solche Beziehung, solange Sie nicht auf Zwang beruht. Das ist so nicht richtig. Man vertritt eine "spießige Politik" mit "spießerischen Moralvorstellungen" und selbst hält man sich nicht an die Spießerei. Eine Moral, die aber nur für die anderen gelten soll, kann man selbst nicht vertreten. Dazu müßte man sich hinter diejenigen einreihen, welche die gleiche, also "lockere" Moralität vertreten. Also, Parteiwechsel und alles ist gut. Wer hat die Spießerei denn erfunden und wer hat sie zur Hochmoral erklärt? Darum geht es doch!
Palmstroem, 16.08.2011
4. Moral als Geschäft
Zitat von sysopEin 40-Jähriger Politiker und ein 16-jähriges Mädchen als Paar -*das geht*vielen Bürgern zu weit, erst recht an der CDU-Basis: Christian von Boettichers Rücktritt war unvermeidlich.*Er ist nicht der erste deutsche Politiker, der an der bürgerlichen Moral scheitert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,780448,00.html
Hier wird immer nur über Herrn von Boetticher geschrieben. Der ist Politiker und muß damit umgehen. Aber was ist mit den Persönlichkeitsrechten einer heute 17-jährigen, deren private e-mails veröffentlicht werden und die man in den Medien als "Lolita" abstempelt. Da muß man fragen was schlimmer ist - Sex mit einem vierzigjährigen oder die Geilheit der Medien! Mir Moral hat das nichts zu tun, eher mit verkauften Auflagen! Da sollten sich die Medien erst mal an die eigene Nase fassen!
sangoire 16.08.2011
5. Pech gehabt
Tja,wenn man Politiker in einer "christlichen" Partei im sog."bürgerlichen" Lager is, muss man damit rechnen,dass es nicht genügt bürgerliche Werte als rein verbale Monstranz vor sich herzutragen. Schäbig finde ich,dass der feine Herr das Mädchen hat sitzenlassen,als es um seinen politschen Aufstieg ging. So ein Charakters... hat es nicht verdient MP zu werden!
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