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Salafisten-Zelle in NRW: Tod den Ungläubigen

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Terrorprozess in Düsseldorf Eine Frage des Zünders

Am Vormittag beginnt in Düsseldorf der Terrorprozess wegen des misslungenen Anschlags auf den Bonner Hauptbahnhof. Das Verfahren gegen vier Islamisten dürfte kontrovers werden. Die strittige Frage: Hätte die Bombe überhaupt explodieren können?

Auf ihrer letzten Fahrt in Freiheit hören sie eine Sure des Korans: "Gewiss, ich bin mit euch", schallt es ihnen entgegen. "Ich werde in die Herzen derer, die ungläubig sind, Schrecken einjagen. So schlagt ihnen in den Nacken und schlagt ihnen jeden Finger ab!"

In der Nacht auf den 13. März 2013 fahren die Islamisten Marco G. und Enea B. zum Haus des Pro-NRW-Vorsitzenden Markus Beisicht in Leverkusen . Laut Anklage wollen sie den Anführer der rechtsextremen Partei töten, um die Organisation insgesamt zu schwächen. Doch zuvor kann ein Spezialeinsatzkommando der Polizei die Männer überwältigen.

Von diesem Montag an müssen sich G., 27, und B., 44, sowie ihre mutmaßlichen Mitverschwörer Koray D., 25, und Tayfun S., 24, vor dem 5. Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf verantworten. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen in der 128-seitigen Anklageschrift nicht nur die Verabredung zum Mord an Beisicht und anderen Pro-NRW-Funktionären, sondern im Fall von Marco G. auch den Versuch eines Bombenanschlags auf den Bonner Hauptbahnhof im Dezember 2012 vor .

Kein Zünder gefunden

Es wird erwartet, dass das Verteidigerteam um den Bonner Rechtsanwalt Mutlu Günal den Anklägern kämpferisch entgegentreten wird. Die Anwälte halten die Vorwürfe vor allem in einer Hinsicht für angreifbar. In der blauen Tasche, die an einem Gleis des Bonner Hauptbahnhofs abgestellt worden war, befand sich eine Bombe aus Drähten, einem Wecker, einer Gaskartusche, Batterien und einem mit Ammoniumnitrat gefüllten Metallrohr. Doch einen Zünder fanden Kriminaltechniker auch trotz intensiver Suche nicht. Handelte es sich bei dem vermeintlichen Sprengsatz also bloß um eine gut gemachte Attrappe? Die Verteidiger könnten so argumentieren.

Die Ermittler gehen dagegen davon aus, dass die Bombe funktionstüchtig war, der Zünder bloß bei der Entschärfung zerstört wurde. Der Sprengsatz Marke Eigenbau sei nur nicht explodiert, weil er entweder fehlerhaft konstruiert gewesen sei oder aber Jugendliche, die gegen die Tasche getreten hatten, den Zündmechanismus beschädigt hätten, heißt es in der Anklageschrift. Jedenfalls habe Marco G. als Vergeltung dafür, dass Pro NRW im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf Mohammed-Karikaturen habe zeigen dürfen, ein Attentat an einem öffentlichen Ort mit zahlreichen Todesopfern verüben wollen.

Rechtsanwalt Peter Krieger, der G. gemeinsam mit Mutlu Günal vertritt, will in der Anklage sogar "eine Menge Angriffspunkte" ausgemacht haben. Er kündigt an: "Wir werden jeden Stein des Beweisgebäudes der Bundesanwaltschaft umdrehen und dann mal gucken, was übrig bleibt." Vor allem bei der angeblichen Zündfähigkeit der Bombe werde "viel mit Mutmaßungen statt mit Fakten operiert".

Bislang hat sich keiner der Angeklagten wirklich zu den Vorwürfen eingelassen, wahrscheinlich wird die Gruppe auch vor Gericht schweigen. Das Verfahren könnte zäh werden und bis zu zwei Jahre dauern.

Wer sind die mutmaßlichen Attentäter?

Dabei muss sich der Senat auch mit den Persönlichkeiten der mutmaßlichen Verschwörer befassen, die lange Zeit wenig sittenstreng lebten: Marco G. etwa gilt den Staatsschützern als Rädelsführer der Zelle. Vaterlos aufgewachsen in Oldenburg, gerät der Hauptschüler schon früh mit dem Gesetz in Konflikt. Er überfällt mehrfach einen Supermarkt, konsumiert Drogen, muss mit 19 Jahren zum ersten Mal ins Gefängnis. Erst nach seiner Entlassung aus der Haft konvertiert G. zum Islam. Zugleich beginnt er eine Ausbildung zum Tiefbaufacharbeiter, die er jedoch abbricht. Seit Juli 2011 lebt G., der drei Kinder mit zwei Frauen hat, von Sozialleistungen.

So ungeordnet sein Leben ist, so rigoros wird irgendwann seine Auslegung der Religion. Als ihn sein drei Jahre alter Sohn in der Untersuchungshaft besucht, tönt der Kleine, auch er wolle kämpfen und nicht spielen. Die Beamten des Bundeskriminalamts, die die Begegnung überwachen, notieren anschließend, G. haben seinen Sprössling dafür ausdrücklich gelobt. Auch sein mutmaßlicher Komplize Enea B. schreibt Generalbundesanwalt Harald Range noch aus der Untersuchungshaft: "Ihr seid meine Feinde, und ich bin euer Feind bis zum Tod."

Dass der Prozess auch zur Propagandaschlacht zwischen Islamisten und Pro-NRW-Anhängern werden könnte, hat das Gericht jedoch verhindert. Einen Antrag der mutmaßlichen Zielperson Markus Beisicht, dem Verfahren als Nebenkläger beiwohnen zu können, wies der Senat von Richter Frank Schreiber zum Verdruss des Extremisten zurück. Jetzt haben die Rechtsaußen eine Kundgebung vor dem Staatsschutzbunker angekündigt: Angeblich wollen sie dort die Freiheit verteidigen.

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