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01. November 2010, 18:14 Uhr

Bomben in Luftfracht

Getarnte Paketbomben alarmieren deutsche Terrorfahnder

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Die Sprengsätze waren smart konstruiert und gut getarnt - nach ersten Erkenntnissen deutscher Ermittler stammen die abgefangenen Paketbomben von Profis. Die Regierung zieht Konsequenzen: Flugverbindungen aus dem Jemen nach Deutschland wurden gestoppt, eine Task-Force sucht nach Sicherheitslecks.

Berlin - Die beiden aus dem Jemen abgeschickten Bombenpakete waren hochprofessionell getarnt und hätten bei einer Zündung an Bord eines Flugzeugs oder am Boden eine tödliche Wirkung gehabt: Zu dieser Einschätzung kommt das Bundeskriminalamt (BKA) nach ersten Analysen. Durch den genutzten Sprengstoff - in einer der verwendeten Druckerpatronen waren 300 Gramm und in der anderen 400 Gramm PETN versteckt - hätte eine "erhebliche Detonation" mit verheerenden Folgen ausgelöst werden können, wenn die Pakete nicht in Dubai und Großbritannien abgefangen worden wären. Die Fahnder sind sich sicher: Ein Flugzeug wäre nach einer Zündung an Bord wohl abgestürzt.

Die deutschen Behörden waren seit Freitagmorgen in die weltweiten Ermittlungen eingebunden. Im saudi-arabischen Riad hatte der lokale Geheimdienst des Königreiches den dortigen Verbindungbeamten des BKA gegen 2 Uhr morgens deutscher Ortszeit informiert, dass eines der beiden verdächtigen Pakete aus dem Jemen möglicherweise bereits auf dem Weg nach Deutschland sei. Hintergrund: Das amerikanische Transportunternehmen United Parcel Service (UPS), mit dem eine der Sendungen verschickt wurde, betreibt am Flughafen Köln/Bonn eine große Umschlagstation.

Die saudischen Behörden hatten offenbar sehr genaue Kenntnisse über die verdächtigen Pakete und den Plan der Terroristen: Sie konnten den Deutschen sowohl die Paketseriennummern, über die man alle Stationen von UPS-Sendungen im Internet live verfolgen kann, als auch den Adressaten - eine jüdische Gemeinde in Chicago - nennen. In der amerikanischen Millionenstadt sollten die beiden Pakete, die neben UPS auch vom Versender FedEx transportiert worden waren, ursprünglich am 1. November eintreffen.

Ein entscheidender Hinweis kam nach Angaben jemenitischer Geheimdienstkreise von einem al-Qaida-Überläufer. Der Mann habe sich im vergangenen Monat den saudiarabischen Behörden gestellt und Details über den Plan berichtet. Den deutschen Behörden wurde der Fall zwar umgehend weitergemeldet. Allerdings hatte das UPS-Paket den deutschen Flughafen bereits in Richtung Großbritannien verlassen, als gegen 2.40 Uhr die ersten Hinweise aus Saudi-Arabien eintrafen. Nachdem die deutschen Behörden ihren britischen Kollegen alle Hinweise weitergeleitet hatten, stellte die Polizei das verdächtige Paket in einem Paketzentrum von UPS in East Midland sicher.

Die Bundesregierung zieht jetzt die ersten Konsequenzen aus dem alarmierenden Fall: Noch am Montag traf sich eine hochrangig besetzte Arbeitsgruppe im Bundesinnenministerium (BMI). Beteiligt an dieser Task-Force sind das BKA, der Bundesnachrichtendienst, der Verfassungsschutz und das Verkehrsministerium. Gesucht wird nach möglichen Sicherheitslücken auf deutschen Flughäfen. Es sollen Maßnahmen erörtert werden, wie Transitfracht besser überprüft werden kann. Ergebnisse sollen umgehend umgesetzt werden, hieß es.

Erste Schritte wurden bereits angeordnet: Die Flugsicherung versagte im Auftrag des BMI der jemenitischen Airline "Yemenia" vorerst die Landegenehmigung für den Frankfurter Flughafen. Unbefristet darf der Flug mit der Nummer IY 740, der jeden Dienstag von Sanaa über Rom nach Frankfurt ging, nicht mehr in Deutschland landen. Wie lange das Verbot gilt, wollten hochrangige Vertreter des BMI zunächst noch nicht erläutern.

Bereits am Wochenende hatten die Bundesbehörden alle Lieferungen aus dem Jemen auf dem Luftweg in Richtung Deutschland gestoppt, auch im Transit darf Fracht aus dem Krisenland nicht mehr abgefertigt werden. In der Arbeitsgruppe wird nun geprüft, ob man auch andere Krisengebiete wie Pakistan, Somalia oder auch Drittstaaten, über die viel Ware aus den Regionen gen Deutschland verschickt wird, in eine Art Schwarze Liste aufnehmen soll.

"Die Zuverlässigkeit der Drittstaaten und deren Kontrolle werden wir zu überprüfen haben", sagte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) am Montagabend beim Besuch des Paketumschlagzentrums auf dem Flughafen Köln/Bonn. "Das System ist so, dass man sich auf den sicheren Abflughafen verlässt. Deutschland sei vor allem Umschlagplatz für Pakete aus dem Ausland, die in andere Länder weitergeflogen würden. Würde man diese hier auch noch genau kontrollieren, " würde der internationale Frachtverkehr zusammenbrechen".

Pakete wurden zweimal durchleuchtet

Die Bundesregierung will sich außerdem umgehend an die EU wenden und dort eine rasche Überprüfung aller Sicherheitsmaßnahmen fordern. Gleichwohl geben Experten zu, dass eine "absolute Sicherheit" im Frachtverkehr nicht zu erreichen sei: Allein die Menge an Luftfracht mache eine Kontrolle aller Sendungen unmöglich. Man müsse "eine Balance zwischen dem freien Welthandel und der Sicherheit" finden, hieß es. Schon warnt die Wirtschaft vor neuen Auflagen.

Aus den Details der Fahnder ergibt sich, dass der in Druckerpatronen versteckte Sprengstoff auch hierzulande wohl nicht entdeckt worden wäre. So wurden die beiden Pakete laut den Frachtpapieren sowohl in Sanaa als auch in Dubai durchleuchtet. Die Bomben fielen dabei niemandem auf. Das BKA hat mittlerweile aus Dubai Kopien der Durchleuchtungsaufnahmen. Auch die hiesigen Experten hätten darauf die Sprengsätze nicht identifiziert, räumte ein BKA-Ermittler ein.

Die professionelle Herstellung des Sprengstoffes bestärkt die Ermittler im Verdacht, dass geschulte Bombenbauer von al-Qaida dafür verantwortlich sind. Auf den ersten Blick, so die Erkenntnisse aus Dubai, seien weder die veränderte Druckerpatrone noch die Verkabelung erkennbar gewesen. Aus ermittlungstechnischen Gründen wollte das BKA nicht zu viele Details nennen. Ein Fahnder aber sprach von einem "komplexen System", das über eine Zündkette eine "erhebliche Explosion" verursacht hätte.

Die deutschen Ermittler rätseln noch, was die Terroristen mit dem Verschicken der beiden Pakete, die neben einem kompletten Drucker LaserJet P2050 der Firma Hewlett Packard auch Bücher enthielten, bezweckten. Sollten die beiden Sprengsätze im Bauch eines Frachtflugzeugs oder erst beim Adressaten gezündet werden? Aus dem Jemen haben die Deutschen bisher noch sehr wenige Details über die dortigen Recherchen erhalten.

Bisher kannte man bei den weltweit vernetzten Sicherheitsorganen keine Pläne von al-Qaida oder anderen Gruppen, Anschläge durch Paketbomben zu verüben. Die Behörden, allen voran die US-Dienste, verfolgen rund um die Uhr einschlägige Web-Foren oder die Kommunikation unter verdächtigen Personen. Von einem derartigen Plan, so jedenfalls die deutschen Ermittler, habe man bei diesen Recherchen jedoch vor dem Wochenende noch nie etwas gehört.

Gefahr auch für Passagierjets?

Wie man in Deutschland Sicherheitsmaßnahmen verstärken könnte, ist noch unklar. Den verwandten Sprengstoff PETN können Sprengstoffhunde nach Erkenntnis von Experten nicht riechen. Auch auf Röntgenaufnahmen ist dieser nicht sichtbar. Eine mögliche Ortung des Sprengstoffs gilt bei den Sicherheitsbehörden als extrem aufwendig und bei dem weltweiten Frachtaufkommen als kaum durchführbar. Möglich sei allerdings eine Erhöhung der Stichproben, hieß es.

Aus Sicht der Sicherheitsbehörden wäre eine Möglichkeit, Raster für verdächtige Paketsendungen aus Ländern zu erstellen, in denen Terrorgruppen Zuflucht gefunden haben. Experten wiesen auch daraufhin, dass weltweit verschickte Sendungen durchaus teilweise auch an Bord von Passagiermaschinen transportiert würden. Folglich wären auch Jets aller Airlines gefährdet.

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