Bootsfahrt der SPD-Seeheimer Die glücklichste Partei Deutschlands

Dass es schlimmeres als Opposition gibt, wird der SPD in diesen Tagen vorgeführt: Mit Blick auf die Chaos-Regierung von Schwarz-Gelb genießen die Sozialdemokraten ihr Leben - und feiern auf der traditionellen Spargelfahrt umso ausgelassener.
Steinmeier, Gabriel, Gauck: Die Genossen träumen vom Sieg

Steinmeier, Gabriel, Gauck: Die Genossen träumen vom Sieg

Foto: Christian Kiel

Frank-Walter Steinmeier

Berlin - ist nicht gerade für lustige Spinnereien bekannt. Besonders gern beschäftigt er sich mit großen Krisen, Steinmeier ist so etwas wie der Chef-Bedenkenträger der SPD. Wenn der Bundestags-Fraktionschef aber schon Sätze sagt, wie: "Schauen wir mal, was der 30. Juni bringt", muss wirklich etwas passiert sein. Steinmeier träumt - von einem Bundespräsidenten namens Joachim Gauck.

SPD

Was sind das für schöne Zeiten gerade für die Sozialdemokraten. Die Regierung taumelt durch die Gegend, muss Sparpakete schnüren und irgendwie mit Christian Wulff klarkommen - und die darf sich über einen Personalcoup freuen und über den Berliner Wannsee schippern. Die konservativen "Seeheimer" haben an diesem lauwarmen Dienstagabend zur traditionellen Spargelfahrt geladen, die Sonne will partout nicht untergehen, der Wein fließt, die Stimmung ist seit langem mal wieder bestens.

Joachim Gauck

Das liegt eben vor allem an , dem rot-grünen Bundespräsidenten-Kandidaten, mit dem man die bürgerliche Bundesregierung so schön ärgern kann, weil sie ihn wohl auch gern selbst aufgestellt hätte. Gauck steht unter Deck der "La Paloma" und begrüßt die rund tausend Genossen. Natürlich bleibt der Kandidat nicht lange, er will ja nicht zu sehr mit der SPD verbunden werden. Wegen der "Überparteilichkeit" seiner Kandidatur.

"Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger", beginnt Gauck, und es ist nicht das einzige Mal, dass einen das Gefühl beschleicht, als wohne er schon im Schloss Bellevue. Es ist eine Rede mit viel Pathos, mitunter ein bisschen arg viel, aber das kümmert niemanden an den Tischen. Die "Seeheimer" hängen an seinen Lippen. Gauck spricht über die Bedeutung von Vertrauen in der Politik, über alte Weggefährten und natürlich auch über die Freiheit: "Egal, wohin ich komme, ich werde immer das zum Thema machen, was als Leitstern über meinem Leben stand - und das ist die Freiheit." Rauschender Applaus.

Die SPD-Rechten sehen sich wieder im Kommen

Gauck, das ist für die SPD in diesen Tagen auch eine Chiffre dafür, dass Opposition nur halb so wild ist. Acht Monate nach der schlimmen Wahlniederlage hat die Partei sich einigermaßen berappelt, alte Flügelstreitigkeiten sind vorerst vorüber, selbst Parteilinke sind in diesem Jahr zahlreicher mit an Bord des Wannsee-Dampfers als sonst. Florian Pronold ist zum Beispiel da, der - lang ist's her - mal ein vehementer Kritiker der Reformpolitik war; er macht es sich auf dem Sonnendeck gemütlich und gönnt sich eine mächtige Zigarre.

Die Stimmung ist ausgelassen, Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann träumt bei einem Glas Wein von Umfragewerten über 30 Prozent, Parteivize Olaf Scholz von einer Regierungsübernahme im Stadtstaat Hamburg. Steinmeier plaudert mit Ex-Finanzminister Peer Steinbrück, Ulla Schmidt, die ehemalige Gesundheitsministerin, steht gut erholt an der Reling. Nur vom ehemaligen Parteichef Franz Müntefering fehlt jede Spur. Doch das scheint niemanden zu stören.

Gerhard Schröder

Dafür ist ein anderer mit an Bord: Altkanzler . Lange hat man Schröder nicht mehr so gut gelaunt gesehen - jedenfalls nicht inmitten von Sozialdemokraten. Dazu dürfte freilich auch die freundliche Würdigung beigetragen haben, die ihm Gauck noch vor Ablegen des Spargel-Schiffs zuteil werden ließ. Er rühmte Schröder als einen der wenigen "mutigen Politiker" Deutschlands. O-Ton Gauck: "Ich bin dankbar, dass ich dem Ex-Kanzler noch mal die Hand schütteln konnte."

So viel Begeisterung für den Agenda-Kanzler war in den vergangenen Jahren selbst unter Seeheimern nicht, zu sehr schmerzte der Bedeutungsverlust nach dem Schröder-Abgang. Doch nun, dank Gauck und dem neuen Anti-Linkspartei-Kurs von Parteichef Sigmar Gabriel, fühlen sich die SPD-Rechten wieder im Kommen - und Schröder wird gefeiert wie einst.

Kein Entkommen gibt es für den Altkanzler, nachdem ihn Seeheimer-Chef Johannes Kahrs aufs Oberdeck geschleppt hat: Endlos ist die Schlange derjenigen, die mit Schröder für ein Erinnerungsfoto posieren wollen. Hamburger Jusos, Praktikantinnen aus der SPD-Zentrale, betagte Genossen aus der Provinz. Jeder wird dem Altkanzler von Kahrs persönlich zugeführt. "Und hier kommt der Geschäftsführer der SPD in Hamburg-Wandsbek", ruft Kahrs. "Haha", meckert der Altkanzler sein Schröder-Lachen, "ich wusste gar nicht, dass es da noch einen Geschäftsführer gibt".

Dann zeigt er sein Raubtierlächeln, es macht Klick - und schon ist der nächste dran.

Schröder hat so viel Spaß, dass er selbst englischem Small Talk nicht aus dem Weg geht. Hier komme nun ein Gast aus den USA, kündigt Kahrs den nächsten Foto-Partner an. "Oh, American", fragt Schröder den jungen Mann. "Yes, from Los Angeles", lautet die Antwort. Der Altkanzler nickt kennerhaft und sagt: "Yeah, have been" - was frei übersetzt auch so viel heißen könnte, wie: "Ja, bin ein Mann von gestern." Später sitzt er lange mit Steinbrück an einem Biertisch auf dem Oberdeck. Es wird laut und viel gescherzt.

Nur eines sorgt für Unruhe an diesem Abend - und das ist ausgerechnet der Spargel. Der ist reichlich hart. Verputzt wird er trotzdem.