Nato-Manöver über Deutschland Was, wenn Rostock angegriffen wird?
Deim »Shangri-La-Dialog«, einer Sicherheitskonferenz in Singapur, am Samstag: Verteidigungsminister Pistorius
Foto: CAROLINE CHIA / REUTERSAm Himmel über Deutschland dürfte es ab der kommenden Woche teils eng werden: Neben den Tausenden zivilen Flugzeugen, die täglich im deutschen Luftraum unterwegs sind, kommen im Rahmen des Nato-Militärmanövers »Air Defender 23« ab dem 12. Juni noch etliche Militärmaschinen hinzu. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) verspricht nun, die Folgen für die Bevölkerung zu minimieren.
»Natürlich tun wir alles, um die Auswirkungen für die Bevölkerung und den zivilen Luftverkehr so gering wie möglich zu halten. Dafür stimmen wir uns seit Monaten ganz eng mit allen Beteiligten ab«, sagte Pistorius am Rande einer Asienreise .
Mit der Übung »stärken wir das Bündnis und die transatlantischen Beziehungen«, sagte der Minister über das Großmanöver: »Gemeinsam mit unseren Verbündeten zeigen wir, dass wir das Bündnisgebiet reaktionsschnell und schlagkräftig verteidigen können.«
Fiktiver Angriff auf Rostock
An dem elftägigen Manöver unter deutscher Führung nehmen ab dem 12. Juni 25 Nationen mit bis zu 10.000 Soldatinnen und Soldaten und 250 Fluggeräten teil, darunter 70 Maschinen aus Deutschland. Laut Bundeswehr werden Szenarien wie die Bekämpfung von Drohnen oder Marschflugkörpern geprobt sowie die Verteidigung von Flughäfen wie auch Seehäfen.
US-Jets, die an der Übung »Air Defender 23« teilnehmen, auf dem Luftwaffenstützpunkt Hohn bei Rendsburg
Foto: Markus Scholz / dpaDemnach wird trainiert, wie ein fiktiver Angriff eines östlichen Angreifers (bezeichnet als OCCASUS) auf das Bündnisgebiet – hier auf Deutschland – von den Nato-Verbündeten gemeinsam zurückgeschlagen wird.
Konkret wird etwa ein Angriff der feindlichen OCCASUS-Allianz auf den Rostocker Hafen simuliert, bei dem es unter anderem zu Sabotageaktionen und dem Einsatz von Spezialkräften käme. Die fiktive Folge: Das westliche Bündnis löst den Verteidigungsfall nach Artikel 5 des Nato-Vertrages aus.
Während der Operation sollen jeweils von Montag bis Freitag drei Lufträume zeitversetzt für die zivile Luftfahrt gesperrt werden. Die Militärübung kann auch Teile der zivilen Flugpläne durcheinanderwirbeln. Der Bund hatte an die Länder appelliert, Betriebszeiten an Flughäfen während der Übung zu flexibilisieren. Das zielt vor allem auf Nachtflugverbote.
Nachtflugverbote sollen zeitweise aufgeweicht werden
Störungen für den zivilen Luftverkehr könnten deutlich gemildert werden, wenn Anträge von Fluggesellschaften auf Starts und Landungen außerhalb der normalen Betriebszeiten der Flugplätze genehmigt würden, hieß es in einem Brief von Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) und Pistorius.
Nach Angaben der Luftwaffe können zwar die meisten Flüge über der Nord- und Ostsee stattfinden. Trotz umsichtiger Vorabsprachen und technischer Simulation zur Reduktion von Beeinträchtigungen seien Auswirkungen auf den zivilen Luftverkehr unvermeidlich, heißt es in dem Brief.
Zehntausende Minuten Verspätung möglich
Die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) geht davon aus, dass die Übung für Einschränkungen in der zivilen Luftfahrt sorgen wird. GdF-Chef Matthias Maas sprach von »massiven Auswirkungen«. Die GdF betonte aber, dass sie das Manöver angesichts der politischen Lage für notwendig halte und es für die Nato einen hohen Erkenntniswert bringe. Simulationen der Organisation Eurocontrol sollen ergeben haben, dass für die Dauer der Großübung täglich mit Gesamtverspätungen von bis zu 50.000 Minuten gerechnet werden kann – wenn weitere Faktoren wie heftige Gewitter hinzukommen.