Brand in Ludwigshafen Deutsche und Türken fürchten Rückkehr der Feindbilder

Lähmende Ungewissheit liegt über dem Land: Nach dem verheerenden Großfeuer in Ludwigshafen hoffen Türken wie Deutsche nur auf diese eine Nachricht: dass es kein Anschlag war. Es gibt vage Hinweise auf eine Brandstiftung, noch aber hüllen sich die Ermittler in Schweigen.

Ludwigshafen - Es sind die leisen Worte eines Überlebenden: Mit zittriger Stimme, die Augen zu Boden gerichtet, mahnt Kamil K., 28, am Abend auf einer improvisierten Pressekonferenz in Ludwigshafen zur Besonnenheit: "Ich weiß auch nicht", so sagt der Musiker, "was das Feuer verursacht hat. Wir müssen die Ermittlungen abwarten. Ich bitte meine Landsleute, nicht den Kopf zu verlieren."

Der gehbehinderte K. war am Sonntagnachmittag von seiner Frau Hülya aus dem brennenden Haus am Danziger Platz gerettet worden. Die 31-Jährige kehrte daraufhin in die Flammenhölle zurück, um die beiden Kinder des Paares ins Freie zu bringen. Doch alle drei starben in dem Gebäude. Sechs weitere Menschen, ebenfalls ausschließlich Frauen und Kinder, kamen ums Leben. 60 Personen wurden verletzt.

K.s beeindruckender Appell an die Vernunft fällt in eine schwierige Zeit. Nachdem türkische Zeitungen gestern Spekulationen veröffentlicht hatten, das Feuer könnte von Neonazis gelegt worden sein, wächst der Druck auf die Ermittler - und die Angst von Türken und Deutschen, dass aus einem Gerücht Wirklichkeit werden könnte.

"Es darf um Himmels willen kein Brandanschlag gewesen sein", fleht Yasar Bilgin, der Vorsitzende des Rates der Türkischstämmigen in Deutschland, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Eine solche Tat wäre verheerend für das Zusammenleben von Türken und Deutschen. Wir dürfen uns als Gesellschaft nicht spalten lassen."

Derselben Meinung ist auch Mustafa Baklan, den die von dem Unglück betroffene Großfamilie zu ihrem Sprecher bestimmt hat: "Deutschland ist unsere Heimat. Wir wollen keine Hetzjagd", so Baklan gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Wir wollen niemanden beschuldigen, sondern müssen die schlimme Situation gemeinsam meistern. Die Deutschen müssen keine Angst vor uns haben."

Prügel für einen Feuerwehrmann

Zuvor war bekannt geworden, dass in der Nacht ein 37-jähriger Türke einen deutschen Feuerwehrmann angegriffen und verletzt hatte. Nach Angaben der Polizei ereignete sich den Vorfall gegen 2 Uhr in einer Gaststätte im Rheinpfalz-Kreis. Ersten Ermittlungen zufolge soll der Mann einen 39 Jahre alten deutschen Gast beleidigt haben, weil er diesen als Mitglied der Feuerwehr Ludwigshafen erkannt hatte.

Als der Wirt den 37-Jährigen daraufhin aus der Kneipe verwies, habe dieser zunächst draußen mehrere Blumenkübel beschädigt, so ein Polizeisprecher. Wenig später sei er erneut in die Kneipe gestürmt, habe den Feuerwehrmann geschlagen und ihn verletzt.

Polizeipräsident Wolfgang Fromm empörte sich daraufhin am Nachmittag, die Polizei müsse womöglich bald Personenschutz für die Feuerwehrleute bereitstellen: "Es geht nicht an, dass diese Menschen beleidigt, bedroht und bespuckt werden." Hier würden "Retter zu Tätern gemacht".

Die Staatsministerin für Integration, Maria Böhmer, wies am Unglücksort ebenfalls öffentliche Vorwürfe gegen die Feuerwehr zurück. Die Rettungskräfte seien binnen weniger Minuten am Brandort gewesen. Bürgermeister Wilhelm Zeiser sagte, der erste Notruf sei um 16.22 Uhr eingegangen. Nur zwei Minuten später seien die ersten beiden Löschzüge vor Ort gewesen, drei Minuten später weitere sechs Feuerwehrfahrzeuge eingetroffen. Durch den beherzten Einsatz von Polizei und Feuerwehr seien insgesamt 47 Menschen gerettet worden.

Die Ermittler halten weiterhin sowohl einen technischen Defekt als auch fahrlässige oder absichtliche Brandstiftung für möglich. Die beiden Mädchen, die einen Brandstifter gesehen haben wollen, sollen erneut befragt werden. Dann will man über die Erstellung eines Phantombildes entscheiden. Die Polizei wird bei den Ermittlungen von Experten des Bundeskriminalamts unterstützt, darunter "vorsorglich" Vertreter des Staatsschutzes, wie ein BKA-Sprecher sagte.

Ein erster Brandanschlag in 2006

Der Staatsschutz wäre nur dann zuständig, wenn sich herausstellen sollte, dass es sich bei dem Großfeuer um einen politisch motivierten Anschlag gehandelt hat.

Wie die Polizei heute bestätigte, wurde das Haus vor dem Brand mit Nazi-Symbolen beschmiert. Neben dem Eingang zu einem türkischen Kulturverein im Erdgeschoss des Gebäudes findet sich zweimal die Aufschrift "Hass".

Auf das Eckhaus war bereits 2006 ein Brandanschlag verübt worden, jedoch entstanden dabei keine größeren Schäden, die Täter wurden nie gefasst. In den neunziger Jahren hatte das Backsteingebäude zeitweise noch das Lokal "Crazy Corner" beherbergt, das in dem Ruf stand, von Skinheads frequentiert zu werden.

Auffällig ist zudem, dass die Umgebung das Danziger Platzes mit rechtsextremen Propaganda-Aufklebern geradezu gepflastert ist. An Laternenmasten, Regenrinnen und Stromkästen kleben die braunen Botschaften. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wohnt darüber hinaus der Neonazi-Führer Matthias H. in unmittelbarer Nachbarschaft des Unglücksortes.

Die Staatsanwaltschaft prüft jetzt nach eigenen Angaben, ob es zu einem "sehr deutlich früheren Zeitpunkt" bereits Drohungen gegen die Bewohner des Unglücksgebäudes gegeben hat. Die Gegend um Mannheim gilt bei den Verfassungsschutzämtern als rechtsextreme Hochburg in den alten Bundesländern. "Jedoch war die Szene bislang überwiegend propagandistisch aktiv und hat noch keine vergleichbaren schweren Straftaten gegen Ausländer verübt", so ein Verfassungsschützer zu SPIEGEL ONLINE.

Eine Nachbarin, die den Brand beobachtet haben will, schließt die kolportierte Anschlagsthese ohnehin kategorisch aus. "Eine Polizeistreife stand die ganze Zeit vor dem Haus", so Marlchen Höltig, 75, zu SPIEGEL ONLINE. "Da konnte doch gar keiner rein, ohne gesehen zu werden."

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