Brandenburg Eine Kirche im Visier von Neonazis

Bandprojekte und Breakdance-Unterricht für Jugendliche gehören seit zwölf Jahren im brandenburgischen Joachimsthal zur Kirchenarbeit von Beatrix Spreng. Dreizehn Mal griffen Neonazis die Gemeinde an. Ihre Reaktion: Durchhalten und Weitermachen.

Von Mia Raben


Joachimsthal – "Jeder von uns kennt Nazis", sagt Christian, der im ersten Stock der Joachimsthaler Kirche vor einem Jesuskreuz seine Muskeln warm macht. Der 14-Jährige will einen "vernünftigen Airfreeze" üben. Auch seine Kumpels Tom und Micha strecken und dehnen sich. Sie hoffen, dass ihr Breakdance-Trainer Telle aus Berlin heute noch kommt.

Der Breakdance-Unterricht ist Teil der Gemeindearbeit von Pfarrerin Beatrix Spreng. "Wir machen keine Seidenmalerei. Wir machen das, was die Kids wollen. Damit sie uns nicht in die rechte Szene wegrutschen", sagt sie und guckt aus dem Fenster des Pfarrhauses von Joachimsthal auf den Eingang der Schinkelkirche, in der oben die Jungs trainieren.

Ein Mann klopft an die Tür und betritt den Raum im Pfarrhaus. Herr Nuri würde gern den Koran leihen. "Den brauche ich aber wieder", sagt Spreng. "Ich kann Arabisch zwar nicht lesen, aber ich zeige ihn meinen Konfirmanden", sagt sie. Nuri stammt aus Afghanistan und lebt im nahe gelegenen Flüchtlingslager. Er hat sich vor zwei Jahren taufen lassen.

Für Pfarrerin Spreng gibt es heute viel zu tun: die Planung des Altenkreises, der Gottesdienste, die Geburtstagsbesuche vereinsamter Gemeindemitglieder, die Fragen der jungen Breakdancer, Musiker und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die gerade spätsommerliche Früchte einwecken. Und dann sind da noch die Bedürfnisse der siebenjährigen Tochter, die zum Musikunterricht in Eberswalde soll.

Dreizehn Angriff auf die Gemeinde

"Ich muss hier ja alles koordinieren", sagt die Pfarrerin. "Als ich vor zwölf Jahren nach Joachimsthal kam, war ich auf der Suche nach einer kleinen, ruhigen Gemeinde im Grünen", sagt sie und lacht. "Ich hatte genug vom Stadtleben in Frankfurt am Main." Doch dagegen, was sie bisher hier erlebt hat, war Frankfurt ein Idyll. Dreizehn Mal wurde ihre Gemeinde schon angegriffen.

Der erste Überfall geschah im Jahr 1994. Kurz nach ihrer Ankunft in Joachimsthal veranstaltete Pfarrerin Spreng die Voraufführung der Kinder-Friedens-Tournee. Es war die Initiatives ihres Mannes, Wolfhard Schulze, dem Leiter der mehrfach ausgezeichneten Kreuzberger Musikalischen Aktion (KMA) in Berlin. Kinder aus Berlin und Brandenburg nahmen teil, darunter türkische und dunkelhäutige. Sie tanzten und sangen gemeinsam auf einer Freilichtbühne.

Dann erstickte Gebrüll die Kindervorstellung. "Asylanten raus!", schrien rund 30 Jugendliche mit kahl geschorenen Köpfen, darunter waren Konfirmanden aus der eigenen Gemeinde. Sie versperrten den Kindern den Weg zum Bus, versuchten die Scheiben einzuschlagen und den Bus umzustürzen. Unter Polizeischutz gelangte die Gruppe Kinder zurück nach Berlin.

"Danach war jedem klar: Hier muss etwas passieren", sagt Spreng. So entstand das Projekt "Baff" - Abkürzung für "Bands auf festen Füßen". "Die Idee war, den Jugendlichen ihre eigene Band zu ermöglichen. Bei den Konflikten spielt mangelndes Selbstwertgefühl immer eine Rolle. In einer Band haben die Kinder Spaß, respektieren einander, hören zu und können ihre Identität aufwerten", sagt sie.

Mittlerweile gibt es acht Jugend-Bands, die unter der Leitung des Rockmusikers Uwe Kollberg regelmäßig in einem Seitenraum der Kirche proben und auf verschiedenen Festen auftreten. Kollberg steht im Proberaum der Kirche am Keyboard und übt mit einem jungen Sänger, der schwarze lange Haare und Lederstiefel trägt, geduldig Ton für Ton. "Ich habe leider nur eine Stunde pro Band pro Woche. Das frustriert die Jugendlichen manchmal schon", sagt Kollberg.

"Jugendliche brauchen Autoritäten aus den attraktiven Bereichen, keine Laienkünstler. Kirchen haben die besten Voraussetzungen, nämlich Räume und ein soziales Umfeld, um so etwas zu bieten. Doch es scheitert immer am Geld für Honorare. Und es nützt alles nichts, wenn mit den Jugendlichen nichts gemacht wird", sagt Pfarrerin Spreng.

Zerschmetterte Fenster, Limonade im Autotank

Dieses Problem wird in Zukunft eher wachsen. Drei Jahre lang bekam "Baff" Geld aus dem Civitas-Programm der Bundesregierung. Das mehrfach ausgezeichnete Projekt konnte sogar in weitere Gemeinden, die mit rechtsextremistischen Problemen kämpfen, hinein getragen werden: Neuruppin, Wittstock, Lune, Rheinsberg. Doch aus der Civitas-Förderung zieht die Bundesregierung sich Ende dieses Jahres zurück.

Länder und Kommunen, die das Problem des Rechtsextremismus oft nicht ernst genug nehmen, sollen übernehmen. Die drohende Verantwortungslosigkeit des Bundes betrifft viele ähnliche Projekte gegen Rechtsextremismus in Ostdeutschland, darunter erfolgreiche mobile Beratungsteams und Opferberatungsstellen.

Doch es gibt nicht nur Geldsorgen. Auch jahrelange Schikanen haben die Arbeit der Pfarrerin begleitet. Man schüttete ihr Limonade in den Tank des Autos, warf die Scheiben des Pfarrhauses ein, zerschlug Kerzen und Orgelpfeifen in ihrer Kirche. Einigen Jugendlichen wurden gewalttätig Glatzen rasiert. Das Pfarrhaus wurde ausgeraubt. Die Sommerveranstaltung "Musik im Park", wo "Baff" ihr Können zeigen, wurde immer wieder von Neonazis gestört. In diesem Jahr mussten die Auftritte wegen Geldmangel abgesagt werden.

Auch mit einigen Bürgern in dem 4000 Einwohner zählenden Ort war es nicht immer leicht. "Es ist auch ein Ost-West-Problem. Als ich hierher kam, sagten die Leute über meinen Mann und mich: 'Warum bringen die Wessis hier Türken und Araber her?' Hier leben ja fast keine Ausländer. Und als ich sagte, es gibt hier Rechte, galt ich als Nestbeschmutzerin. Meine Gemeinde und ich wurden heftig gemobbt", sagt Spreng.

Doch heute sei das anders, sagt die Pfarrerin. "Die Joachimsthaler wollen nicht den Ruf haben, Rechte zu sein. Bei uns ist es für die Glatzen nicht mehr so einfach. Die wissen, dass sie hier keinen Blumentopf gewinnen", sagt sie. "Es ist wichtig zu betonen, dass man solche Krisen überstehen kann, dass man mit überzeugender Arbeit etwas erreichen kann. An unseren Projekten nehmen jetzt auch Kinder von Stadtverordneten teil."

"Wir tolerieren die Nazis als Menschen"

Spreng ist der Meinung, dass die rechtsextreme Szene sich immer dahin verschiebt, wo nachgegeben wird. Das Schwierigste sei die Wahrnehmung des Problems. Bei einem Dorffest in Goltzow standen mehrere Glatzenträger. "Ich fragte den Bürgermeister: Ist das nicht eine rechte Gruppe? Er antwortete mir: Nein, das sind doch unsere Fußballer. Man muss den Mut haben, zu sagen: Ja, das sind unsere Fußballer, aber das ist auch eine rechte Gruppe."

Christian, Tom und Micha berichten, dass einige ihrer Schulkameraden irgendwann Bomberjacken und Glatzen trugen und anfingen, mit den alten Rechtextremen von der NPD herumzuhängen. "Die haben die Jungs total beeinflusst", sagt Micha. "Manchmal gibt es Stress mit den Rechten. Aber wir kriegen das meistens verbal geregelt. Wir tolerieren die Nazis als Menschen." Die Jungs gucken auf die Uhr. "Es ist viel besser, wenn Telle da ist. Dann haben wir einen Ansporn, einen Trainer, der uns motiviert und alles zeigt", sagt Micha.

Heute wird Telle aber "nicht mehr kommen. Es ist der Anfang des Schuljahres, und schließlich hat der Breakdance-Lehrer kein festes Engagement, sondern wird pro Tag bezahlt - sporadisch, wenn das Geld reicht. "Bei einem unserer Jungs mache ich mir Sorgen, dass er bald wegrutscht", sagt Spreng. "Aber wenn der Lehrer da war, sind alle begeistert und kommen sicher wieder."

Für "Baff" spenden: Amadeu Antonio Stiftung, Stichwort: "BAFF". Deutsche Bank Bensheim, Bankleitzahl 509 700 04, Kontonummer 030331300



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