Grüne vor Brandenburg-Wahl Aufschwung Ost

Die Linke war in Brandenburg lange Volkspartei, die Grünen fristeten ein Dasein als Splittergruppe in der außerparlamentarischen Opposition. Nun könnten sich die Kräfteverhältnisse im linken Lager verschieben.

Werder (Havel): "Keine schlechte Perspektive"
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Werder (Havel): "Keine schlechte Perspektive"

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Nancy Schwalbach lässt jeden wissen, für wen ihr Herz jetzt politisch schlägt. An ihrem Haus im kleinen brandenburgischen Örtchen Schwerin hängt, für jeden von Weitem sichtbar, ein Transparent der Grünen. "Umwelt ist nicht alles. Aber ohne Umwelt ist alles nichts", steht darauf.

Erst seit Juni sind sie und ihr Lebensgefährte Mitglieder der Partei. Dabei ist die Bundespolizistin und Juristin schon lange kommunalpolitisch aktiv. Bis vor elf Jahren aber war sie bei den Linken. Ihre Mutter sei noch zu DDR-Zeiten 13 Jahre lang Bürgermeisterin im Ort gewesen, der Vater Offizier der Grenztruppen der DDR. Den SED-Aufnahmeantrag habe sie schon gestellt, doch dann kam die Wende. Also ging sie zur PDS, die später zur Linken wurde.

"Wir sind keine typischen Grünen", sagt Schwalbach, kurze Haare, blaues T-Shirt. Sie lacht. "Wir essen zu viel Fleisch."

Schwalbach, 49, steht für das neue Selbstbewusstsein der Grünen in Brandenburg. Über Jahrzehnte hat sich die Linke mit der SPD das linke Lager aufgeteilt. Doch nun könnten sich die Kräfteverhältnisse bei der Landtagswahl am 1. September dramatisch verschieben. Grün ist das neue Rot - die Nicht-mehr-nur-Ökopartei könnte an der Linkspartei vorbeiziehen. Wenn es perfekt läuft für die Grünen, lassen sie sogar SPD und CDU hinter sich.

Keine schlechte Perspektive für eine Partei, die in Brandenburg lange Zeit ein Dasein als außerparlamentarische Splittergruppe fristete. Zwischen 1994 und 2009 saßen die Grünen nicht einmal im Landtag, bei der letzten Landtagswahl landete man bei knapp über sechs Prozent. Jetzt stellt mancher die Frage, ob man nicht rasch noch einen Kandidaten für das Ministerpräsidentenamt küren müsste. Die Mitgliederzahl hat sich - auf immer noch bescheidenem Niveau - knapp verdoppelt. Bis 2017 gab es noch weniger als tausend Grüne im Land, inzwischen zählt der Landesverband etwa 1800 Mitglieder.

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Die Grünen wachsen, die Linke schrumpft

Die Linke dagegen schrumpft und schrumpft, in den vergangenen drei Jahrzehnten von mehr als 40.000 auf heute 5800 Mitglieder. Bei der Landtagswahl 2014 verbuchte man Verluste von fast 9 Prozentpunkten, bei der Kommunalwahl dieses Jahr ging es landesweit 6 Punkte runter. Die Grünen dagegen legten kräftig zu, in rund 40 Städten und Gemeinden sitzt zum ersten Mal ein grüner Kommunalpolitiker.

Nancy Schwalbach hat in Schwerin als Bürgermeisterin und für die Gemeindevertretung kandidiert. Bürgermeisterin ist sie nicht geworden, trotzdem konnten die Grünen bei der Kommunalwahl ihr Ergebnis im Stimmbezirk Amt Schenkenländchen, in dem Schwalbach angetreten ist, mehr als verdoppeln.

Neumitglieder wie sie sind ein Glücksfall für die Grünen. Bürgerlich, pragmatisch, unideologisch - Schwalbach nimmt den Klimaschutz ernst, kann einer rigiden Verbotskultur aber nichts abgewinnen. Als Bundespolizistin steht sie für Recht und Ordnung, in ihrer Elternzeit unterrichtete sie Flüchtlinge.

So ungefähr stellt sich die Parteispitze die neuen Grünen vor. Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen die Partei in alle Richtungen öffnen, Wertkonservative sollen genauso eine Heimat finden wie klassisch linke Wähler (Lesen Sie hier ein Interview mit Robert Habeck).

Zugleich steht Schwalbach symbolisch für eine mögliche Verschiebung der Kräfteverhältnisse im linken Lager. Bisher profitierten die Grünen im Osten nicht von der Schrumpfkur der Linkspartei. In Brandenburg etwa konnten die Grünen ihr Ergebnis von 2009 bis 2014 nicht nennenswert steigern - trotz der deutlichen Verluste der Linken. Stattdessen wanderten viele Protestwähler von links nach ganz rechtsaußen zur AfD. Nach der Bundestagswahl 2017 ermittelten die Meinungsforscher, dass die Grünen sogar Hunderttausende Wähler an die Linke abgeben mussten.

Bei der Europawahl im Mai dieses Jahres dann ein völlig anderes Bild: Die Grünen saugten den Wahlanalysen zufolge rund 700.000 Wähler von den Linken ab. Ein Trend wird daraus noch nicht - aber zusammen mit den aktuellen Umfragen ist es ein Signal für die Partei: Sie gewinnt derzeit Anhänger in Milieus und politischen Lagern, die ihnen vor wenigen Jahren noch verschlossen waren. Gerade im Osten, wo es in vielen Regionen bis vor Kurzem gar keinen Ortsverband gab, ist diese Entwicklung für die Partei wichtig.

"D ie Grünen sind bürgerlicher, aber auch ein bisschen langweiliger"

Jeder Überläufer zählt. Nancy Schwalbachs Linken-Vergangenheit liegt schon etwas länger zurück, andere haben den Parteiwechsel schneller vollzogen. In der Brandenburger Landeshauptstadt Potsdam traten Anfang des Jahres unter anderem der ehemalige Stadtverordnete Matthias Lack und der frühere Ortsverbandschef Raico Rummel von der Linkspartei zu den Grünen über. Michael Luthardt, früher Landtagsabgeordneter der Linken, hat vor knapp zwei Jahren ebenfalls die Farben gewechselt. Bei der Landtagswahl steht er für die Grünen auf Listenplatz 12.

Grüne Kommunalpolitikerin Schwalbach: "Die Menschen müssen vor Ort Vertreter der Grünen kennen"

Grüne Kommunalpolitikerin Schwalbach: "Die Menschen müssen vor Ort Vertreter der Grünen kennen"

Moritz Kirchner, 34, ist seit Februar Mitglied bei den Grünen. Er war Bundessprecher der linken Parteijugend Solid, danach im Potsdamer Kreisvorstand und Landessprecher des "Forums Demokratische Sozialisten", zu dem unter anderem auch der Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich zählt. "Früher habe ich die Grünen Latte-Macchiato-FDP genannt", sagt er, das Longboard unter den Arm geklemmt.

Ob seine neuen Parteifreunde mit "demokratischem Sozialismus" etwas anfangen können? Es gehe ihm um eine Demokratie mit starkem Sozialstaat, sagt Kirchner, um die Wahrung der Menschenwürde, die offene Gesellschaft. Soziale Gerechtigkeit sei ihm besonders wichtig, sagt Kirchner. Habeck und Baerbock hätten es geschafft, dieses Thema zum Thema der Grünen zu machen.

"Die Grünen sind ein bisschen langweiliger"

Aber nicht nur die Grünen haben sich verändert. In seiner Austrittserklärung an die Linke schrieb Kirchner: "Die Welt sieht für einen 19-jährigen, linksradikalen Studenten anders aus als für einen 34-jährigen Unternehmer."

Man könnte auch sagen: Je bürgerlicher Kirchner wurde, desto näher rückte er politisch an die Grünen heran. "Die Grünen sind bürgerlicher und inhaltlicher, aber auch ein bisschen langweiliger", räumt er ein. Die Linke wolle "leider bewusst" manche Gruppen nicht erreichen, glaubt er. Die Grünen dagegen bemühten sich um jeden.

Nancy Schwalbach braucht nicht mehr überzeugt zu werden. Im kleinen Schwerin haben die Leute erst neugierig geschaut, als sie ihr Grünen-Plakat aufhängte. Aber Anfeindungen habe es keine gegeben, die Menschen seien größtenteils aufgeschlossen gewesen. Es sei wichtig, präsent zu sein. Bisher sei hier für die Grünen niemand bei den Kommunalwahlen angetreten. "Die Menschen müssen vor Ort Vertreter der Grünen kennen, dann sind sie auch bereit, sie zu wählen."



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ruhepuls 09.08.2019
1. Nichts aus dem SPD-Debakel gelernt?
Die "neuen" Grünen wollen Wertkonservativen genauso eine Heimat bieten wie Linken. Genau das hat die SPD auch versucht - und ist krachend gescheitert. Noch mag es den Grünen nützen, dass sie nicht so genau sagen, welche konkrete Politik sie machen wollen, falls sie regieren. Aber spätestens dann werden sowohl die Wertkonservativen als auch die Linken enttäuscht sein. Man kann es eben nicht allen recht machen - oder man macht es keinem recht.
juba39 09.08.2019
2. Eben nur eine Analyse
Die Entwicklung Nancy Schwalbach von der Linkspartei zu den Grünen kann ich sogar nachvollziehen. Meine ging von der Mitgliedschaft LINKS zum Austritt und zum Nichtwähler. Aber nicht, weil die Grünen die besseren Angebote hätte. Mal aus dem Leben. Wenn Grüne aus ganz Deutschland in der Lausitz gegen die Braunkohle protestieren, einen Tag später bei uns im Havelland aber gegen " (Keine) Windkrafträder in unseren Wäldern" (die Transparente verunstalten noch heute unsere Zäune im Dorf), dann hat sich das bald mit Grün als glaubwürdige Alternative. Denn ewig kann die Linke ja nicht eine Politik vertreten, die mit dem Leben nichts zu tun hat, und vor allem Westdominiert wird. Also bitte nicht von einer Momentaufnahme auf die Zukunft als Ganzes schließen. Mal den Blick nach Thüringen werfen. Obwohl auch ein Westimport, liegt MP Ramelow bei 56% Wählergunst.
xxgreenkeeperxx 09.08.2019
3. Vermutung
Ich wage mal die Vermutung dass die Grünen in Brandenburg ein Wahldebakel erleben werden und die Anzahl der für sie abgegebenen Stimmen noch geringer sein wird als die für Linke oder SPD.
andre_36 09.08.2019
4. Super Artikel!
"Ihre Mutter sei noch zu DDR-Zeiten 13 Jahre lang Bürgermeisterin im Ort gewesen, der Vater Offizier der Grenztruppen der DDR. Den SED-Aufnahmeantrag habe sie schon gestellt, doch dann kam die Wende. Also ging sie zur PDS, die später zur Linken wurde." Da hat SpOn mal ein richtig gutes Porträt eines sogenannten Wendehalses geliefert. Wegen solcher Opportunisten war die PDS/Linke nie eine Wahloption für mich, trotz einiger Übereinstimmungen mit dem Parteiprogramm. Und, Frau Höhne: Die FDP für Veganer hat schon sehr lange nichts mehr mit dem "linken Lager" zu tun. Ihr Artikel bestätigt das.
checkitoutple 09.08.2019
5. Nunja die Günen dem linken Lager zuzirechnen ist verwegen
Die sind eine stark rechtsgerichtete Bewegung mit einer Focussierung auf die bedürfnisse ihrer Klientel dem oberen Mittelstand. Einer eher ssozialen Politik im Hinblick auf einfache Arbeiter und Angestellte. Aber auch wenn viele Grüne sich einbilden links zu sein ist das Denken rechtskonservativ mit Humanistischen Einflüssen.
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