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01. September 2019, 12:57 Uhr

Brandenburg vor der Landtagswahl

Gespaltenes Land, geeintes Gefühl

Aus Brandenburg berichtet

Die SPD will Brandenburg vor der Landtagswahl einen. Aber gibt es wirklich "ein Brandenburg"? Zwischen Spreewald und Uckermark zeigt sich: Die Bedingungen sind sehr verschieden - die Stimmung ist es nicht.

"Ein Brandenburg". So steht es auf den Wahlplakaten der SPD, die auf den Grünflächen und an den Laternen im ganzen Bundesland zu sehen sind. Vor der Landtagswahl soll das Bundesland beweisen, dass es zusammenhält und zusammengehört. Vom Spreewald im Süden bis zur Uckermark im Norden.

Doch dem "Teilhabeatlas Deutschland" zufolge, den das Berlin-Institut kürzlich herausgebracht hat, könnten die Chancen der Menschen in den Landkreisen Dahme/Spreewald und der Uckermark unterschiedlicher nicht sein:

Während die Region im Spreewald die einzige im Osten ist, die in Sachen Wirtschaftskraft und Teilhabechancen mit dem Westen mithalten kann, gilt die Uckermark als eine der strukturschwächsten Regionen Deutschlands.

Was macht das mit den Menschen in diesem zerrissenen Land? Wie ticken die Leute hier, kurz vor den wichtigen Landtagswahlen an diesem Sonntag?

Eines vorweg: Wirtschaftliche Stärke macht nicht zwangsläufig positive Stimmung. So gewann etwa die AfD bei der Europawahl im Mai nicht nur in der strukturschwachen Uckermark, sondern auch im boomenden Spreewald Stimmen hinzu. Im letzten SPON-Wahltrend vor der Landtagswahl liegen SPD und AfD mit rund 20 Prozent gleichauf. CDU, Linke und Grüne folgen dahinter, liegen allesamt zwischen 15 und 18 Prozent.

In der Stadt Lübben, mitten im Spreewald, fällt die Vorstellung schwer, dass die Menschen hier die AfD bei der Europawahl zur stärksten Kraft gewählt haben. Die Bilder passen so gar nicht zum Wahlergebnis:

Hat Lübben auch Probleme? "Wachstumsschmerzen", sagt Bürgermeister Lars Kolan von der SPD. Berliner, denen es in der Stadt zu eng wird, suchen sich Landhäuser im Umland. "Es ist ein Unterschied, ob ich hier im Speckgürtel wohne oder in Elbe-Elster", einem benachbarten Landkreis, sagt Kolan. Die Wirtschaft in den verschiedenen Landkreisen sei eben anders - hier profitiere man unter anderem von dem Flughafen Schönefeld und vom Tourismus. Aber das heiße nicht, dass es woanders nicht lebenswert sei.

In Lübben wird an vielen Stellen gebaut, leer stehende Bauernhöfe und Baugrundstücke werden dringend gesucht, Kitaplätze müssen geschaffen werden. Rund zehn Prozent der Menschen zwischen 18 und 29 Jahren sind in den letzten Jahren hierher gezogen, hat das Berlin-Institut errechnet.

Andere Landkreise schrumpfen. Lübben wird immer größer.

"Ich finde den Blick auf den ländlichen Raum arrogant", meint Bürgermeister Kolan. "Es heißt ja immer: 'Die, die da draußen wohnen, wie kann man nur?' Da gibt es kein Internet, da fahren keine Züge. Aber wir wohnen ja hier, weil wir uns das genau so ausgesucht haben." Auf dem Land gebe es vielleicht kein Theater, aber dafür die Natur.

Ein paar Hundert Meter vom Stadtzentrum spricht die 18-jährige Amy über das, was ihr wichtig ist. 2019 ist das erste Jahr, in dem sie wählen darf. Günstige Kitaplätze wünscht sie sich, am besten kostenlos. Bislang hat sie sich noch nicht entschlossen, wer es sein soll am Sonntag. Die Grünen? Oder die SPD?

Auf Facebook sieht sie, dass viele Leute in eine andere Richtung tendieren: AfD. Ihre Eltern wählen nicht. Obwohl es eigentlich wichtig wäre, sagt Amy, "um ein Zeichen zu setzen".

"Die sollen mal sagen, was sie machen wollen"

Wie wichtig dieses Zeichen wäre, das zeigt sich am darauffolgenden Tag. Mitten auf dem herausgeputzten Marktplatz ist eine kleine Bühne mit blauem Banner aufgebaut worden, daneben ein weißes Transparent: "Wie wollen wir in unserer Heimat leben?"

Rund 250 Leute hören den Politikern der AfD zu. Ein Gas-Wasser-Installateur, der mit ein paar Freunden am Rand steht, nickt gelegentlich, wenn die Redner auf der Bühne über Muslime sprechen, über Merkel, über Arbeitsplätze und, logisch, ihre Heimat. Er ist hier, "weil die die Wahrheit sagen, schlicht und einfach".

Ja, es gehe ihm und seinem Landkreis gut, "zum Glück". Aber es gehe ja um ganz Brandenburg. Und darum, dass es so gut bleibe, wie es ist.

An diesem Abend wartet er vergeblich darauf, dass die Partei auch Inhalte vorstellt. "Die sollen mal sagen, was sie machen wollen", bemerkt er nach einer Stunde.

Gelegentlich unterbrechen die Sprechchöre der etwa hundert Gegendemonstranten die Redner. Als AfD-Chef Jörg Meuthen spricht, ruft ein Demonstrant: "Klimaleugner!" Meuthen lacht.

Zweieinhalb Stunden Zugfahrt entfernt, vorbei an Windrädern und Bedarfshaltestellen, mitten in der Uckermark: Schwedt an der Oder. Im Landkreis leben halb so viele Menschen und doppelt so viele Arbeitslose wie in Lübben.

Unter den Markisen vor den Plattenbauten gießen Rentner ihre Geranien. Hier ziehen die Leute nicht hin, sondern weg: Rund 18 Prozent der Menschen zwischen 18 und 29 haben die Uckermark zwischen 2013 und 2017 verlassen. Hier lag die AfD bei der Europawahl gleichauf mit der CDU auf dem ersten Platz.

Einen guten Blick auf die Stadt und ihre Bewohner hat man von einem der Stühle vor "Kathis Backshop". Hier im Stadtzentrum verkauft Inhaberin "Kathi", die mit vollem Namen Katarzyna Alykatoras heißt, an diesem Mittwoch pinkes Softeis mit Erdbeergeschmack. Vom Backshop aus kann sie beobachten, was auf dem "Platz der Befreiung" vor sich geht.

Heute Morgen war SPD-Kandidat Mike Bischoff hier. Zum zweiten Mal schon. Alykatoras hat ihm zugehört, wie sie auch dem Bewerber von der Linken zugehört hat. Und dem von der Piratenpartei. Die AfD ist hier noch nicht aufgetaucht. Alykatoras ist das egal. Die gebürtige Polin hat in den knapp 20 Jahren, die sie hier lebt, noch nie gewählt.

Wie es läuft bei ihr? "Schlecht", sagt sie.

"Morgens sitzen hier die Arbeitslosen von neun bis zwölf, abends trinken die Jugendlichen auf dem Platz Alkohol."

Sie sagen zu ihr: "Warum soll ich arbeiten gehen, wenn mir das Jobcenter eh alles wieder wegnimmt?"

Dann zählt Alykatoras auf: "Der Sandwichladen nebenan sucht, der Kik im Einkaufscenter, aber alle nur auf 400-Euro-Basis. Die wollen keine Abgaben zahlen. Was sollen Politiker daran ändern?"

Wenig später stellt Alykatoras einen Pott Kaffee vor den 33-jährigen Sascha Kunkel, Mitglied der Satire-Partei "Die Partei". Schwedt sei sein Zuhause, sagt er. Es gebe genug Gründe, hier zu leben.

Das Theater, das Kino, die vielen Sportereignisse. In der Uckermark treffe sich ganz Brandenburg zum Erntedankfest. Er lerne jetzt außerdem Gebärdensprache in der Volkshochschule. Schlimm findet er nur, "dass wir hier Rechte in der Stadtverordnetenversammlung haben".

Die SPD werde er aber nicht wählen. "Nicht rot genug", sagt er. Und auch den Wahlspruch finde er blöd: "Es gibt nicht ein Brandenburg oder ein Schwedt oder ein Deutschland."

Das sei auch gut so.

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