Brandenburg vor der Landtagswahl Gespaltenes Land, geeintes Gefühl

Die SPD will Brandenburg vor der Landtagswahl einen. Aber gibt es wirklich "ein Brandenburg"? Zwischen Spreewald und Uckermark zeigt sich: Die Bedingungen sind sehr verschieden - die Stimmung ist es nicht.

Prenzlau am Uckersee: "Deutsche jammern auf sehr hohem Niveau"
iStockphoto/ Getty Images

Prenzlau am Uckersee: "Deutsche jammern auf sehr hohem Niveau"

Aus Brandenburg berichtet


"Ein Brandenburg". So steht es auf den Wahlplakaten der SPD, die auf den Grünflächen und an den Laternen im ganzen Bundesland zu sehen sind. Vor der Landtagswahl soll das Bundesland beweisen, dass es zusammenhält und zusammengehört. Vom Spreewald im Süden bis zur Uckermark im Norden.

Doch dem "Teilhabeatlas Deutschland" zufolge, den das Berlin-Institut kürzlich herausgebracht hat, könnten die Chancen der Menschen in den Landkreisen Dahme/Spreewald und der Uckermark unterschiedlicher nicht sein:

Während die Region im Spreewald die einzige im Osten ist, die in Sachen Wirtschaftskraft und Teilhabechancen mit dem Westen mithalten kann, gilt die Uckermark als eine der strukturschwächsten Regionen Deutschlands.

Was macht das mit den Menschen in diesem zerrissenen Land? Wie ticken die Leute hier, kurz vor den wichtigen Landtagswahlen an diesem Sonntag?

Eines vorweg: Wirtschaftliche Stärke macht nicht zwangsläufig positive Stimmung. So gewann etwa die AfD bei der Europawahl im Mai nicht nur in der strukturschwachen Uckermark, sondern auch im boomenden Spreewald Stimmen hinzu. Im letzten SPON-Wahltrend vor der Landtagswahl liegen SPD und AfD mit rund 20 Prozent gleichauf. CDU, Linke und Grüne folgen dahinter, liegen allesamt zwischen 15 und 18 Prozent.

Brandenburg, mit dem Spreewald im Süden und der Uckermark im Norden
SPIEGEL ONLINE, OpenstreetMap

Brandenburg, mit dem Spreewald im Süden und der Uckermark im Norden

In der Stadt Lübben, mitten im Spreewald, fällt die Vorstellung schwer, dass die Menschen hier die AfD bei der Europawahl zur stärksten Kraft gewählt haben. Die Bilder passen so gar nicht zum Wahlergebnis:

  • Mit Fördergeldern wurde der Rathausplatz zu einem hübschen Stadtzentrum saniert.
  • Im Spätsommer ist Touristenzeit. Besucher fahren in Kähnen durch die Wasserstraßen des Spreewalds, essen Gewürzgurken und Schmalzstullen.
  • In den Cafés bestellen Rentner für ihre Enkel am Nachmittag Softeisbecher.

Hat Lübben auch Probleme? "Wachstumsschmerzen", sagt Bürgermeister Lars Kolan von der SPD. Berliner, denen es in der Stadt zu eng wird, suchen sich Landhäuser im Umland. "Es ist ein Unterschied, ob ich hier im Speckgürtel wohne oder in Elbe-Elster", einem benachbarten Landkreis, sagt Kolan. Die Wirtschaft in den verschiedenen Landkreisen sei eben anders - hier profitiere man unter anderem von dem Flughafen Schönefeld und vom Tourismus. Aber das heiße nicht, dass es woanders nicht lebenswert sei.

Bürgermeister Lars Kolan (SPD): "Ich finde den Blick auf den ländlichen Raum arrogant"
Milena Hassenkamp/ SPIEGEL ONLINE

Bürgermeister Lars Kolan (SPD): "Ich finde den Blick auf den ländlichen Raum arrogant"

In Lübben wird an vielen Stellen gebaut, leer stehende Bauernhöfe und Baugrundstücke werden dringend gesucht, Kitaplätze müssen geschaffen werden. Rund zehn Prozent der Menschen zwischen 18 und 29 Jahren sind in den letzten Jahren hierher gezogen, hat das Berlin-Institut errechnet.

Andere Landkreise schrumpfen. Lübben wird immer größer.

"Ich finde den Blick auf den ländlichen Raum arrogant", meint Bürgermeister Kolan. "Es heißt ja immer: 'Die, die da draußen wohnen, wie kann man nur?' Da gibt es kein Internet, da fahren keine Züge. Aber wir wohnen ja hier, weil wir uns das genau so ausgesucht haben." Auf dem Land gebe es vielleicht kein Theater, aber dafür die Natur.

Amy kann in diesem Jahr das erste Mal wählen: Ob Grüne oder SPD? Das weiß sie noch nicht
Milena Hassenkamp/ SPIEGEL ONLINE

Amy kann in diesem Jahr das erste Mal wählen: Ob Grüne oder SPD? Das weiß sie noch nicht

Ein paar Hundert Meter vom Stadtzentrum spricht die 18-jährige Amy über das, was ihr wichtig ist. 2019 ist das erste Jahr, in dem sie wählen darf. Günstige Kitaplätze wünscht sie sich, am besten kostenlos. Bislang hat sie sich noch nicht entschlossen, wer es sein soll am Sonntag. Die Grünen? Oder die SPD?

Auf Facebook sieht sie, dass viele Leute in eine andere Richtung tendieren: AfD. Ihre Eltern wählen nicht. Obwohl es eigentlich wichtig wäre, sagt Amy, "um ein Zeichen zu setzen".

"Die sollen mal sagen, was sie machen wollen"

Wie wichtig dieses Zeichen wäre, das zeigt sich am darauffolgenden Tag. Mitten auf dem herausgeputzten Marktplatz ist eine kleine Bühne mit blauem Banner aufgebaut worden, daneben ein weißes Transparent: "Wie wollen wir in unserer Heimat leben?"

Rund 250 Leute hören den Politikern der AfD zu. Ein Gas-Wasser-Installateur, der mit ein paar Freunden am Rand steht, nickt gelegentlich, wenn die Redner auf der Bühne über Muslime sprechen, über Merkel, über Arbeitsplätze und, logisch, ihre Heimat. Er ist hier, "weil die die Wahrheit sagen, schlicht und einfach".

Ja, es gehe ihm und seinem Landkreis gut, "zum Glück". Aber es gehe ja um ganz Brandenburg. Und darum, dass es so gut bleibe, wie es ist.

An diesem Abend wartet er vergeblich darauf, dass die Partei auch Inhalte vorstellt. "Die sollen mal sagen, was sie machen wollen", bemerkt er nach einer Stunde.

Gelegentlich unterbrechen die Sprechchöre der etwa hundert Gegendemonstranten die Redner. Als AfD-Chef Jörg Meuthen spricht, ruft ein Demonstrant: "Klimaleugner!" Meuthen lacht.

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Zweieinhalb Stunden Zugfahrt entfernt, vorbei an Windrädern und Bedarfshaltestellen, mitten in der Uckermark: Schwedt an der Oder. Im Landkreis leben halb so viele Menschen und doppelt so viele Arbeitslose wie in Lübben.

Unter den Markisen vor den Plattenbauten gießen Rentner ihre Geranien. Hier ziehen die Leute nicht hin, sondern weg: Rund 18 Prozent der Menschen zwischen 18 und 29 haben die Uckermark zwischen 2013 und 2017 verlassen. Hier lag die AfD bei der Europawahl gleichauf mit der CDU auf dem ersten Platz.

Einen guten Blick auf die Stadt und ihre Bewohner hat man von einem der Stühle vor "Kathis Backshop". Hier im Stadtzentrum verkauft Inhaberin "Kathi", die mit vollem Namen Katarzyna Alykatoras heißt, an diesem Mittwoch pinkes Softeis mit Erdbeergeschmack. Vom Backshop aus kann sie beobachten, was auf dem "Platz der Befreiung" vor sich geht.

Katarzyna Alykatoras vor ihrem Backshop: "Morgens sitzen hier die Arbeitslosen"
Milena Hassenkamp/ SPIEGEL ONLINE

Katarzyna Alykatoras vor ihrem Backshop: "Morgens sitzen hier die Arbeitslosen"

Heute Morgen war SPD-Kandidat Mike Bischoff hier. Zum zweiten Mal schon. Alykatoras hat ihm zugehört, wie sie auch dem Bewerber von der Linken zugehört hat. Und dem von der Piratenpartei. Die AfD ist hier noch nicht aufgetaucht. Alykatoras ist das egal. Die gebürtige Polin hat in den knapp 20 Jahren, die sie hier lebt, noch nie gewählt.

Wie es läuft bei ihr? "Schlecht", sagt sie.

"Morgens sitzen hier die Arbeitslosen von neun bis zwölf, abends trinken die Jugendlichen auf dem Platz Alkohol."

Sie sagen zu ihr: "Warum soll ich arbeiten gehen, wenn mir das Jobcenter eh alles wieder wegnimmt?"

Dann zählt Alykatoras auf: "Der Sandwichladen nebenan sucht, der Kik im Einkaufscenter, aber alle nur auf 400-Euro-Basis. Die wollen keine Abgaben zahlen. Was sollen Politiker daran ändern?"

Sascha Kunkel ist in Schwedt geblieben - auch um sich gegen Rechte einzusetzen
Milena Hassenkamp/ SPIEGEL ONLINE

Sascha Kunkel ist in Schwedt geblieben - auch um sich gegen Rechte einzusetzen

Wenig später stellt Alykatoras einen Pott Kaffee vor den 33-jährigen Sascha Kunkel, Mitglied der Satire-Partei "Die Partei". Schwedt sei sein Zuhause, sagt er. Es gebe genug Gründe, hier zu leben.

Das Theater, das Kino, die vielen Sportereignisse. In der Uckermark treffe sich ganz Brandenburg zum Erntedankfest. Er lerne jetzt außerdem Gebärdensprache in der Volkshochschule. Schlimm findet er nur, "dass wir hier Rechte in der Stadtverordnetenversammlung haben".

Die SPD werde er aber nicht wählen. "Nicht rot genug", sagt er. Und auch den Wahlspruch finde er blöd: "Es gibt nicht ein Brandenburg oder ein Schwedt oder ein Deutschland."

Das sei auch gut so.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
whitewisent 01.09.2019
1.
Das "Land Brandenburg" ist bestenfalls ein historistisch verklärtes Gebilde gewesen, als es 1990 gegründet wurde. Der Großteil der Menschen war bei der Abschaffung des Vorgängers 1952 noch gar nicht geboren, oder zog erst später dorthin. Dazu kam, das viele der damaligen Bewohner Flüchtlinge und Übersiedler aus dem Osten waren. Es gibt ein "Kernbrandenburg", was aus den beiden DDR-Bezirken Potsdam und Frankfurt/Oder besteht. Heute ziemlich deckungsgleich mit dem "Speckgürtel" um Berlin herum. 1990 wurde daran die Lausitz angeschlossen, einer der historischen Fehler, diese nicht als eigenes Bundesland zu bilden. So wurde der Bezirk Cottbus zwischen Brandenburg und Sachsen aufgeteilt, und die schlesische Oberlausitz (bis 1945 preußisch, nicht sächsisch) wurde zwangsweise an das Bundesland Sachsen angehängt. Also keiner fühlt sich dafür so richtig verantwortlich, weil es nicht gewachsene Beziehungen sind. Auch die Uckermark und Prignitz wurden 1990 aus den "mecklenburgischen" Bezirken Schwerin und Neubrandenburg dem Land Brandenburg zugeordnet. Ja, aufgrund einer Volksabstimmung, aber nur weil die Bewohner dort zu Brandenburg gehören wollen, müssen die Kernbrandenburger sie nicht mögen. Bei der Kreisreform wurde dann versucht, mit einer "Tortenteilung" jeweils Kernkreise mit dem Rand zu verbinden. Kann man auch als gescheitert ansehen. Es gibt mehr als eine Spaltung, aber eben auch eine Gemeinsamkeit, das Bewußtsein, als Märker weder Sachse noch Mecklenburger zu sein. Eine Basis, auf die leider nicht jeder zugereiste Politiker Rücksicht nahm und nimmt. Denn es ist mühsam, DDR-Historie bei Wikipedia nachzulesen, und sich zu merken. Lieber macht man Bauch-Politik, nur leider eher mit dem Darm als dem Herz.
hausfeen 01.09.2019
2. Das Wichtigste wird immer wieder übersehen. Von 33 bis 89 ...
... wurden unsere Mitbürger im Osten autokratisch regiert. Es gab genug, denen das durchaus gefallen hat. Die Kinder und Enkel verfallen ihrer Mimikri.
eule_neu 01.09.2019
3. Es war nach '89 schon mal viel besser ....
Was ist nur geschehen? Ich war beruflich gleich nach der Wende bis 2011 viel in Brandenburg, in Sachsen-Anhalt und Sachsen beruflich unterwegs und hatte viele Kontakte zur Bevölkerung. Es waren immer Gespräche auf Augenhöhe und im gegenseitigen Respekt vor der Lebensleistung des bzw. der Einzelnen. Natürlich bekam ich mit, wenn es mit der Treuhand viel Ärger gab (wegen der Abwicklung von Betrieben, die erhalten hätten werden können), manchmal ballte auch ich die Faust in der Tasche, aber man war eben machtlos in dieser Abwicklungspolitik. Einmal konnte ich seinerzeit Frau Merkel den Koffer vom Band heben, aber da war sie eben noch nicht an der Spitze unserer Republik angelangt. Ich bin geborener Berliner und liebe das umgebende Land Brandenburg, schließlich bedeutete es eine neue Freiheit auch für uns Westberliner, nun konnten und können wir frisches Obst und Gemüse und andere Leckereien in der Umgebung kaufen und zudem die Landschaft tief in der Seele verankern. Natürlich gab es auch seinerzeit unterschiedliche Gegenden, in den die Menschen etwas ernster schauten, die Jugend wegzog und die Älteren ihren Kummer in Unmengen von Alkohol ersäuften. Ich habe aber nie Unfreundlichkeiten erlebt, ich fühlte mich immer aufgehoben, wie in meiner zweiten Heimat in Freiburg/Brsg. und der nahen Umgebung wie auch in Frankreich und der Schweiz. Was ist also geschehen? Materiell ist viel passiert (Straßenbau) und Farbe ins Land gezogen, aber die Politik hat wohl vergessen, die Wiedervereinigung auch in den Köpfen positiv zu verankern. Kanzlerin Merkel war eben Europa wichtig geworden und dabei hat sie ihre seinerzeitigen Landsleute vergessen. Gute Innenpolitik war eben auch nötig und nicht nur politische Posten zu besetzen. Der Mensch muss immer im Mittelpunkt der Regierenden stehen. Mit dem Aufkommen der AfD war eigentlich für jeden erkennbar. dass etwas in die falsche Richtung läuft, was die "westlich" geprägten Altparteien nicht verstanden haben. So stehen wir inzwischen vor einem Scherbenhaufen, der mit einem "weiter so" nicht zu beseitigen ist. Die Wiedervereinigung hat Vielen vieles abverlangt und es hält an, aber es wurde auch vieles dem Renditestreben unterworfen und so Kliniken geschlossen, dito Busverkehrsstrecken und Bankfilialen. Ebenso finden Landarztpraxen keine Nachfolger. Die neuen Bundesländer sind am ausbluten, obwohl viele junge Leute wieder in ihre Orte zurückwollen. Was kann man nur tun, um die Politiker auf die richtige Schiene zu setzen ????
katzekohle58 01.09.2019
4. Amy 18
In Brandenburg dürfen Bürger schon mit 16 Jahren wählen und sie schreiben Amy wählt jetzt zum ersten Mal, weil sie 18 ist. Ich verstehe, immer schön locker bleiben, ist ja eine Geschichte... - - - - - - - Was möchten Sie mit Ihrem Kommentar andeuten? Amy war offensichtlich bei der letzten Wahl vor fünf Jahren 13, also wählt sie jetzt zum ersten mal den Landtag... Oder wollten Sie auf etwas anderes hinaus? MfG Redaktion Forum
max_schwalbe 01.09.2019
5. Meckern auf hohem Niveau...
Globals gesehen sicherlich wahr. Aber, Toruistik-Sotcherkähne, Salzgurken und Schmalzstullen wurden auch schon vor der Wende lebhaft im Spreewald zelebriert. Das kann man nicht als eine Errungenschaft der vergangenen Jahre sehen. Und ob der Rathausplatzt schick aussieht oder nicht, nützt leider herzlich wenig, wenn es den Jugendklub, das Kulturhaus, Bäcker & Co auf dem Dorfe nicht mehr gibt. Eine schicke Fassade schafft auch keine Arbeitsplätze. Es wurden nach 1990 die falschen Prioritäten gesetzt. Viele brach weg, was im BIP nicht auftaucht und aus West-Sicht gar nicht wahrgenommen wurde. Die DDR kann man nicht an Finanzzahlen abrechnen, weil sie als sozialistischer Staat ja gerade das Ziel verfolgte, die Bedeutung des Geldes aus dem Alltag zurückzudrängen. Hier hat man bis heute teilweise nicht verstehen wollen, welches Ziel der Sozialismus eigentlich verfolgte und an welchen Werten er sich messen lässt. Und viele dieser (sozialen) Werte, waren damals verlorengegangen. Alles kein Grund, die AfD zu wählen, aber es trägt zur Erklärung bei, waum die AfD im Osten so erfolgreich ist. Die Medien sollte auch mal kritisch prüfen, ob sie mit der Verunglimpfung der damaligen PDS als Protestpartei der Ostdeutschen, tatsächlich zur Bewältigung der bestehenden sozialen Verluste beigetragen haben. Ob der Rathausplatz eine frische Fassade nun hat oder nicht, spielt dabei weder ökonomisch noch sozial eine relevante Rolle.
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