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Neonazis in Jamel: Das verlorene Dorf

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Braunes Jamel Ein Dorf in der Hand von Neonazis

Abgefackelte Häuser, aufgespießte Haustiere, vertriebene Neubürger, Kriegsspiele im Wald - ein Dörfchen vor den Toren Wismars ist seit mehr als einem Jahrzehnt in der Hand von Neonazis. Der Bürgermeister sagt: "Wir haben Jamel aufgegeben." Doch es gibt noch ein paar Unentwegte.

Gägelow - 15 Jahre hatten sie gebraucht, um hierher zu finden - dann nahmen sie sich 20 Minuten Zeit: Geduckt unter Regenschirmen stapfte die Delegation aus dem Schweriner Landtag über die matschigen Straßen des Dörfchens. Ungläubig lauschten Minister Lorenz Caffier (CDU) und die zehn Mitglieder des Innenausschusses den Geschichten aus dem Mund des Bürgermeisters. Geschichten von vertriebenen Neubürgern, angezündeten Häusern, von Haustieren aufgespießt am Gartenzaun, von Schüssen im Wald.

Die Politik auf Ortsbesuch in Jamel, einem Fleckchen am südöstlichen Rand der Gemeinde Gägelow. Zum ersten Mal überhaupt wagten sich Abgeordnete in dieses Häuflein von Häusern, die sich da ein paar Kilometer abseits der B 105 ins Hinterland der Mecklenburger Bucht ducken. Endlich wollten sie sich selbst ein Bild machen vom längst verlorenen Dorf, seit Jahren terrorisiert und beherrscht von einer Clique Neonazis. Was sie sahen, fanden sie "gespenstisch" und "bedrückend", gaben die Politiker zu Protokoll und gelobten eine "Gesamtstrategie gegen rechts".

Während die Mandatsträger mit betretener Miene wieder abzogen, stand einer an diesem tristen Januartag grinsend und feixend vor seinem Haus und filmte die seltenen Besucher mit seiner Videokamera. Sven K., 30, Abrissunternehmer, polizeibekannter Neonazi.

Mehr als die Hälfte der Bewohner sollen Neonazis sein

K., seine Familie und Freunde sind der Grund dafür, dass Uwe Wandel sagt: "Wir haben Jamel aufgegeben." Wandel, 49, ist nicht einmal ein halbes Jahr Bürgermeister der Gemeinde Gägelow. Seine Worte klingen gar nicht so sehr nach Resignation, sondern wie die nüchtern-sachliche Analyse eines Ist-Zustandes. Keine Bank vergebe noch einen Kredit für Projekte in Jamel, der vor Jahren entworfene städtische Bebauungsplan verstaubt daher schon lange in der Schublade.

Mehr als die Hälfte der heute rund 30 Einwohner seien rechtsradikal, schätzt Wandel. "Das ist alles rechts", sagt er im Geschäftsführerbüro des nahen Grevesmühlener Autohauses und zieht mit dem Kugelschreiber auf dem Computermonitor über dem GoogleEarth-Luftbild des Dorfes kleine Kreise. "Ja aufgegeben, das kann man wohl so sagen", sagt er dann noch einmal und nickt dabei, als ob er sich selbst Zustimmung für seine Einschätzung signalisieren will.

Auch wenn er noch nicht lange im Amt ist, Wandel wohnt schon seit 1983 in der Gegend, die Geschichte Jamels kennt er daher nur zu gut. Übertrieben, betont er, sei davon nichts.

Hitler-Feier unter der Reichskriegsflagge

Angefangen hat alles 1992. Am 19. April, Ostersonntag, kommt es erstmals zur Eskalation. Rund 120 Neonazis hissten vor dem alten Gutshaus am Ende der Forststraße die Reichskriegsflagge, wollten in den 103. Geburtstag Adolf Hitlers feiern. "Euch räuchern wir aus", sollen die Rechtsextremen der im Nachbarhaus wohnenden Familie G. gedroht haben. Die hatte sich schon vorher über ständige Neonazi-Musik nebenan beklagt. Der Preis dafür war hoch: Einbrüche, zerstochene Reifen, irgendwann hingen die getöteten Hühner der G.s am Gartenzaun.

In der Nacht des braunen Exzesses verschanzte sich die Familie im Haus - mit dabei der damalige, inzwischen verstorbene Bürgermeister Fritz Kalf, ein Sozialdemokrat, die Schrotflinte in der Hand. Die herbeigerufene Polizei kam zu viert, ins Gutshaus trauten sich die Beamten nicht. Später beendeten gut drei Dutzend Kollegen die Hitler-Feier. Da waren schon Scheiben, Türen und Kalfs Auto zerstört. Die Täter verschwanden in der Dunkelheit. Ärger bekam allein der Bürgermeister - wegen unerlaubten Waffenbesitzes.

Was folgte, gleicht einer Chronologie des Terrors. Terror gegen jeden, der es wagte, ernsthaft mit dem Gedanken zu spielen, sich in diesem vermeintlich so friedlichen, abgelegenen Fleckchen niederzulassen.

Familie G. hielt noch drei Jahre aus, bis sie das Dorf endgültig verließ. Neue Mieter wollten Fuß fassen, auch sie wurden schnell vergrault. 1996 brannte es in der Forststraße 10 zum ersten Mal, später wurde eingebrochen, die Einrichtung zerstört. Zuletzt hatten sich Auswärtige vor einigen Jahren entschieden, Zehntausende Euro in den Wiederaufbau zu stecken - obwohl sie mit einem an die Häuserwand geschmierten "Verpisst Euch!" begrüßt worden waren. Am Tag, an dem das Paar einziehen wollte, brannte das Haus erneut. Entnervt gaben die beiden auf.

Schützengräben im Unterholz

Es war nicht die einzige Brandstiftung: Als sich zwei Interessenten einmal ein Haus am Dorfrand angesehen hatten, ging auch dieses in der folgenden Nacht in Flammen auf. Die Leute kamen nie wieder. Ein Alkoholiker aus dem Ort wollte es gewesen sein, geglaubt hat es niemand. Das Verfahren endete mit Freispruch.

Den Ort der Hitler-Feier, das 200 Jahre alte Gutshaus, machte die Gemeinde 1996 dicht - aus "baupolizeilichen Gründen". Familie K. verließ kurzzeitig das Dorf, kehrte aber bald zurück und zog in die Nachbarschaft. Ein neuer Besitzer wollte das baufällige Gebäude sanieren, ein paar Feriengäste anlocken. Bald begrub der Mann seine Idee, überließ das Grundstück dem Verfall, vertrieben von ständigen Drohungen und Zerstörungen.

Im Frühjahr 2003 zeigten Jäger Kriegsspiele einer Wehrsportgruppe in den Wäldern bei Jamel an. Es dauerte, bis die Polizei der Sache nachging. Doch selbst nach ein paar Monaten buddelten Beamte im Everstorfer Forst in ausgehobenen Schützengräben noch Patronhülsen aus, dazu ein Schild mit der Aufschrift "Vorsicht Schusswaffengebrauch! Der Kommandant". In Jamel stießen sie auf einen in Tarnfarben gestrichenen Jeep, den Wehrmachtsymbole zierten, auf der Ladefläche Luftgewehre und Schreckschusspistolen.

Sven K., der Kommandant. Im Zusammenhang mit den Schießübungen wurden er und zwei Freunde im April 2004 wegen "Bildung einer bewaffneten Gruppe" angeklagt. Wie oft genau schon gegen K. ermittelt wurde, darüber haben Polizei und Staatsanwaltschaft den Überblick verloren. "Zig Mal", heißt es bei der Polizeidirektion in Schwerin nur, wegen Einbruch, Diebstahl oder des Tragens verfassungsfeindlicher Symbole, mehrere Verurteilungen stehen zu Buche, er gilt als Bewährungsversager. 1996 soll er auf einem Campingplatz rechtsextreme Schläger bei einem Überfall auf eine Jugendgruppe vom Niederrhein aufgewiegelt haben.

In Jamel kehrt trügerische Ruhe ein; ein paar Unentwegte wollen das Dorf nicht den Neonazis überlassen

Die Hakenkreuze, die vor nicht allzu langer Zeit noch auf dem Ortsschild von Jamel zu sehen waren, sind heute verschwunden. "Das gehört denen, das hier, das auch", sagt Bürgermeister Wandel und zeigt auf die wenigen Häuser entlang der holprigen Forststraße. "Die Jungs fürs Grobe", steht in Frakturschrift auf diversen Firmenwagen, die in den Einfahrten parken. Einer hat einen Aufkleber am Heck: "Klagt nicht, kämpft!"

Wie schon beim Politikerbesuch zeichnet der Regen ein deprimierendes Bild der eigentlich grünen Umgebung, kein Mensch ist zu sehen, auf dem Spielplatz in der Mitte des kleinen Wendekreises am Ende des Ortes liegen Plastikeimer und -schaufeln herum. Irgendwo schlagen Hunde an. Das Gutshaus ist eine Ruine, der Dachstuhl ist teilweise eingestürzt. Eingezäunt steht es da, das Grundstück eine Schrott- und Müllkippe, Bauschutt ist von Brennnesseln überwuchert. "Lebensgefahr", warnt ein Schild am Gitter.

Im September vergangenen Jahres hat ein Unternehmen das Haus ersteigert, für 18.000 Euro. Auch Sven K. soll mitgeboten haben, stieg aber aus, als ihm der Preis zu hoch wurde. Bald meldete sich der neue Besitzer bei der Polizei. Er hatte Angst. "Er wollte sich sein neues Hab und Gut ansehen und hatte Bedenken, allein nach Jamel zu fahren", erinnert sich der Schweriner Polizeisprecher Klaus Wiechmann. Mit Streifenwageneskorte begutachtete er schließlich die trostlose Ruine. Was nun daraus werden soll, war beim neuen Eigentümer zunächst nicht zu erfahren.

Ein paar Schritte vom Gutshaus entfernt türmen sich auf einem Platz am Rande der Dorfstraße Holz und Abfälle. Seltener als früher entfachen die Dorfbewohner hier ein großes Feuer - illegal.

Ein Konzert als Neuanfang?

"Naja, so ist das halt auf dem Dorf, da brennt eben mal ein Feuer", sagt Horst Lohmeyer und zuckt mit den Schultern. Seit mehr als drei Jahren wohnt er mit seiner Frau Birgit in Jamel. Die Lohmeyers sind nicht rechts, niemand würde auf die Idee kommen, sie in diese Schublade zu stecken. Der Musiker mit den langen grauen Haaren und den DDR-Insignien am Revers hat mit seiner Frau, einer Autorin, den alten Forsthof aus dem 19. Jahrhundert am Dorfrand hergerichtet, irgendwann wollen sie die Scheune zum alternativen Kulturzentrum ausbauen. Erst nach und nach hatten sie 2004 von den Schlagzeilen erfahren, die Jamel als braunes Dorf machte. Abschrecken ließen sie sich nicht. "Wir sind nie bedroht worden", sagt Lohmeyer, nie habe er etwas mit K. zu tun gehabt.

Muss er auch nicht, wenn er nicht will, und andersherum ist es genauso. Lohmeyers wohnen etwas abseits, die Aufschrift auf den Fahrzeugen der Abbruchbrigade ist von dort nicht zu entziffern. Geschützt von riesigen Linden und Ahornbäumen stehen dort die paar Häuser der Bewohner, die auch der Bürgermeister nicht dem rechtsextremen Klan zurechnen würde.

Trotz der gesunden Distanz - die Lohmeyers wollen das Dorf nicht den Neonazis überlassen. Anfang Juli stellte das Ehepaar auf seinem Hof ein kleines Musikfestival auf die Beine. Unter dem Motto "Jamel rockt den Förster" traten an einem Wochenende Rock-, Latin- und Folk-Bands auf einer kleinen Bühne hinter dem Forsthof auf. Bei miesem Wetter kamen zwar nur rund hundert Zuhörer in die dörfliche Abgeschiedenheit - "aber es war ein schöner Anfang", sagt Horst Lohmeyer.

Trügerische Ruhe

Vor allem, weil alles ruhig blieb - kein Störer von rechts oder links suchte den Weg nach Jamel, wie manch einer zuvor befürchtet hatte. Offenbar in Sorge, gewaltbereite Linksradikale könnten das Konzert zum Angriff auf ihre Wagenburg nutzen, hatten die K.s am ersten Abend extra Wachen aufgestellt, die das Geschehen misstrauisch beäugten. Als der schwarze Block sich nicht blicken ließ, trauten sie sich am Sonntag sogar selbst zum Frühschoppen, "mit Kind und Kegel, ganz normal und friedlich", erinnert sich Lohmeyer.

Vielleicht ist das Konzert tatsächlich ein Anfang für Jamel, vielleicht auch der symbolische, wenn auch sehr späte Kurzbesuch der Politiker - Jahre nach der letzten Brandstiftung im Ort. Es ist ruhiger geworden in Jamel. "Es gibt derzeit keine Ermittlungen, weder staatsschutzrechtlich noch strafrechtlich", sagt Polizeisprecher Wiechmann. Schon seit Jahren zeigten Uniformierte dort immer wieder Präsenz, betont der Schweriner Beamte.

Aber Bürgermeister Wandel weiß auch, dass die Ruhe womöglich trügerisch ist - vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Rechtsradikalen sich die Vorherrschaft gesichert haben. Der Innenausschuss-Vorsitzende Norbert Nieszery (SPD) warnte nach der Kurzvisite im Januar: "Ruhe ist in Jamel nur, weil fast ausschließlich Neonazis im Ort wohnen."

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