Brechmitteleinsatz Schwarzafrikaner noch immer in Lebensgefahr

Der Zustand des mutmaßlichen Drogendealers, der in Hamburg nach einem Brechmitteleinsatz einen Herzstillstand hatte, ist weiter kritisch. Innensenator Ronald Schill will an dem Vorgehen dennoch weiter festhalten.


Verteidigt den Brechmitteleinsatz: Innensenator Schill
AP

Verteidigt den Brechmitteleinsatz: Innensenator Schill

Hamburg - "Es sieht nicht gut aus", sagte die Sprecherin der Hamburger Justizbehörde, Simone Käfer. Der 19-Jährige aus Kamerun schwebe weiterhin in Lebensgefahr. Der Mann hatte am Sonntag einen Herzstillstand erlitten und war ins Koma gefallen, nachdem ihm im rechtsmedizinischen Institut ein Brechmittel eingeführt worden war.

Der Schwarzafrikaner war dabei beobachtet worden, wie er offenbar mit Drogen gefüllte Kügelchen herunter geschluckt hatte. Der mutmaßliche Dealer, der sich heftig wehrte, wurde nach einer entsprechenden staatsanwaltlichen Genehmigung ins rechtsmedizinische Institut gebracht, wo ihm nach zwei gescheiterten Versuchen das Brechmittel durch eine Nasensonde eingeführt wurde. Zuvor hatte er nach Aussagen des Institutsleiters Klaus Püschel wiederholt geschrien: "I will die" ("Ich werde sterben").

Kurz nachdem ihm die übliche Ration des Brechmittels verabreicht worden war, brach er zusammen. Nach mehreren Wiederbelebungsversuchen wurde er auf die Intensivstation des Universitäts-Krankenhauses gebracht. Bei einer Magenspiegelung wurden 41 Kügelchen mit Drogen sichergestellt.

Die Hamburger Ärztekammer kritisierte das Vorgehen gegen den Schwarzafrikaner und sprach sich gegen einen Brechmitteleinsatz unter Gewaltanwendung aus. Zumindest sollte dafür gesorgt werden, dass die mutmaßlichen Dealer im Notfall schnell versorgt werden könnten. "Der tragische Vorfall vom Wochenende zeigt, dass eine unverzügliche medizinische Nothilfe möglich sein muss. Schließlich sind auch Drogendealer Menschen und in diesem Fall unsere Patienten", sagte Ärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery. "In einem Institut, das nicht auf die Akutversorgung von Patienten ausgerichtet ist, sind die notwendigen Voraussetzungen dafür nicht vorhanden."

Der Chef der Polizeigewerkschaft, Konrad Freiberg, betonte dagegen im NDR, der Einsatz von Brechmitteln sei alternativlos. Den Vorfall bezeichnete er als "Verkettung unglücklicher Umstände". Es komme häufig vor, dass jemand sich bei polizeilichen Maßnahmen wehre, aber "unter Berücksichtigung der Verhältnismäßigkeit" müssten diese trotzdem durchgesetzt werden. Püschel gestand ein, dass die vorgeschriebenen Untersuchungen auf bestehende Krankheiten bei einem Menschen, der sich so heftig wehre, nicht sehr gründlich durchgeführt werden könnten.

Schill: Brechmittel weiter einsetzen

Innensenator Ronald Schill und Justizsenator Roger Kusch bedauerten den Vorfall und kündigten eine eingehende Untersuchung an. Die Staatsanwaltschaft wird zunächst untersuchen, ob ein Fehlverhalten der Ärzte vorlag.

Schill betonte jedoch, Brechmittel sollten auch weiterhin eingesetzt werden. Sie seien ein wichtiges Instrument zur Beweismittelbeschaffung. Freiberg von der Polizeigewerkschaft erklärte, es sei wichtig, dass den Dealern das Rauschgift entzogen werde. "Wir brauchen diesen Einsatz, sonst ist die Bekämpfung nicht mehr möglich." Es dürfe in einem Rechtsstaat nicht sein, dass jemand durch das Verschlucken von Beweismitteln versuche, polizeiliches Handeln zu verhindern.



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