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Breitscheidplatz-Mahnmal enthüllt Eine Wunde in Berlin

Ein goldener Riss soll am Berliner Breitscheidplatz künftig an die Opfer des Terroranschlags erinnern. Bei einer Gedenkveranstaltung kritisierte Bundespräsident Steinmeier den Umgang mit dem Attentat.

Mit einer Andacht und der Enthüllung eines Mahnmals ist am Dienstag der Opfer des Attentats am Berliner Breitscheidplatz gedacht worden.

Den Auftakt für den Gedenktag machte eine interreligiöse Andacht, an der Hinterbliebene und auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie Berlins Bürgermeister Michael Müller teilnahmen.

In der nicht-öffentlichen Zusammenkunft stellte Müller das Mahnmal für das Attentat vor. Mit einem symbolischen Akt wurde dabei an der Gedächtniskirche das letzte Stück eines knapp 17 Meter langen, goldenen Risses im Boden vervollständigt. Dafür sollten Opfer Metallblöckchen in einen Ofen schieben und das flüssige Metall dann von einem Fachmann in den Riss eingefügt werden.

Der Riss im Boden symbolisiere die tiefe Wunde, die das Attentat im Leben der Betroffenen hinterließ, erklärte Müller. In den Treppenstufen vor der Kirche sind zudem die Namen der Toten aufgeführt.

"Ein Moment der Stille kehrt im Zentrum Berlins ein, und viele Berliner teilen diesen Moment mit uns", sagte Müller anschließend vor Medienvertretern. Der Verlust, den der Anschlag verursacht habe, sei nach wie vor schmerzlich. "Das Attentat hat Spuren in den Herzen der Menschen in Berlin und darüber hinaus hinterlassen." Das Mahnmal solle nicht nur die Wunden symbolisieren, sondern auch ein Zeichen sein für Toleranz und gegen Verbohrtheit. Schließlich sagte Müller in Richtung der Hinterbliebenen: "Wir trauern mit Ihnen um geliebte Menschen und teilen Ihren Schmerz."

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Breitscheid-Mahnmal: "In Stille vereint"

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

Im Berliner Abgeordnetenhaus findet um 13 Uhr eine Gedenkstunde statt, gefolgt von einer Mahnwache am Breitscheidplatz, zu der auch die Öffentlichkeit geladen ist.

Manche Unterstützung zu spät und unbefriedigend

Genau vor einem Jahr, am Abend des 19. Dezember 2016, war der Attentäter Anis Amri mit einem gestohlenen Laster am Breitscheidplatz in einen Weihnachtsmarkt gerast. Elf Menschen starben, den polnischen Lastwagenfahrer hatte der Terrorist zuvor erschossen. Annähernd 100 Menschen wurden verletzt. Amri wurde wenige Tage später auf der Flucht in Mailand von italienischen Polizisten erschossen. Es war der bislang schwerste islamistische Anschlag in Deutschland.

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Am ersten Jahrestag haben nun Politiker Versäumnisse eingeräumt. Manche Unterstützung für die Angehörigen der Opfer und für die Verletzten sei spät gekommen und unbefriedigend geblieben, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier laut dem Reden-Manuskript bei der nicht öffentlichen Gedenkveranstaltung. "Viele Hinterbliebene und Verletzte - viele von Ihnen - haben sich nach dem Anschlag vom Staat im Stich gelassen gefühlt."

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hatte zuvor eingeräumt, dass die Hilfe für Betroffene mangelhaft war: "Wir waren nicht ausreichend auf die Folgen eines solchen Terroranschlags für die Betroffenen vorbereitet", schreibt Maas in einem Gastbeitrag für den Berliner "Tagesspiegel". "Dafür können wir uns bei den Opfern und Hinterbliebenen nur entschuldigen."

Kanzlerin Merkel hatte am Montag etwa 80 Opfer und Hinterbliebene im Kanzleramt empfangen. Sie hatten der amtierenden Regierungschefin zuvor in einem offenen Brief Versagen vorgeworfen und kritisiert, dass sie nicht persönlich kondoliert habe. Auch der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Kurt Beck, hatte zahlreiche Versäumnisse der Behörden bei der Betreuung der Opfer angeprangert und Änderungen gefordert.

Bei der Gedenkveranstaltung am Dienstag nannte Merkel das Gespräch mit den Opfern und Hinterbliebenen "schonungslos". Es habe gezeigt, welche Schwächen der Staat in dieser Situation offenbart habe. In ein paar Monaten wolle man sich erneut zusammensetzen. "Heute ist ein Tag der Trauer, aber auch ein Tag des Willens, das, was nicht gut gelaufen ist, besser zu machen", sagte Merkel.

Angehörige der Anschlagsopfer von Berlin (SPIEGEL TV Magazin vom 19.03.2017)

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vks/dpa/AFP
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