Jan Fleischhauer

Terror und Mitgefühl Die vergessenen Toten

Am 19. Dezember jährt sich der Terroranschlag vom Berliner Breitscheidplatz. Was ist von einer Regierung zu halten, die es bis heute nicht vermocht hat, den Angehörigen der Opfer ihre Anteilnahme zu zeigen?
Detail der Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz

Detail der Gedenkstätte für die Opfer des Terroranschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz

Foto: Bernd von Jutrczenka/ dpa

Ende Juli erhielt die Sprecherin der Hinterbliebenen der Opfer des Terroranschlags vom Berliner Breitscheidplatz eine Anfrage vom ZDF, ob sie als Gast in die Sendung "Klartext, Frau Merkel!" kommen wolle, um der Kanzlerin ein paar Fragen zu stellen. Wenn man nach einem Anschlag das Gefühl habe, "von Politik und Behörden alleingelassen zu werden, wird das Leid wohl noch viel größer", stand in dem Schreiben des Senders.

Astrid Passin, so heißt die Sprecherin, sagte zu. Sie hatte in der Tat ein paar Fragen an die Kanzlerin. Es gab auch einen Vertrag. Aber wenige Stunden vor Aufzeichnung der Sendung erhielt sie einen Anruf der Redaktion, sie solle doch nicht kommen. Es hätte nach der zwei Tage zuvor ausgestrahlten Sendung "Klartext, Herr Schulz!" Probleme gegeben, hieß es zur Begründung. Einige Gäste seien anschließend in sozialen Netzwerken attackiert worden, das wolle man ihr ersparen.

Frau Passin hätte die Anfeindungen in Kauf genommen, das ließ sie auch den zuständigen Redakteur wissen. Das ZDF beharrte trotzdem auf der Ausladung. Die Entscheidung sei gefallen, da könne man nichts mehr machen.

Die Episode war eine Randnotiz in einer Berliner Zeitung, die in den Wahlwochen kaum Beachtung fand. Mir fiel sie jetzt wieder ein, als ich am Wochenende im SPIEGEL einen Bericht über das Schicksal der Angehörigen der Toten vom Breitscheidplatz las. Am 19. Dezember jährt sich der Anschlag, der den islamistischen Terror in die Hauptstadt brachte.

Eine Rechnung für die Obduktion der Opfer

Meine Kollegen Britta Stuff und Wolf Wiedmann-Schmidt haben Überlebende aufgesucht und mit ihnen über das zurückliegende Jahr gesprochen. Das Ergebnis ist eine Geschichte, bei der einem der Atem stockt. Ich bin dagegen, etwas zu leichtfertig als Skandal zu bezeichnen. Ich habe es in dieser Kolumne, glaube ich, noch nie getan. Aber hier ist das Wort ausnahmsweise einmal angemessen.

Was einem den Atem raubt, ist die nahezu völlige Abwesenheit von Anteilnahme auf Seiten eines Staates, dessen Versagen dazu beitrug, dass der Attentäter trotz deutlicher Hinweise auf seine Absichten mehr oder weniger unbehelligt blieb, bis es zu spät war, ihn zu stoppen. Neun Wochen dauerte es, bis sich der Regierende Bürgermeister Michael Müller per Brief bei den Angehörigen und Verletzten meldete. Datenschutzgründe hätten ihn gehindert, früher auf die Angehörigen zuzugehen, hieß es. Auf ein Kondolenzschreiben der Bundeskanzlerin warten die Hinterbliebenen bis heute. Auch eine Begegnung mit der Regierungschefin ist nie zustande gekommen.

Am Trauergottesdienst, der unmittelbar nach dem Anschlag in Anwesenheit der Spitzen von Staat und Politik stattfand, konnten die Familien nicht teilnehmen. Die meisten irrten zu dem Zeitpunkt noch auf der Suche nach verlässlichen Informationen über das Schicksal der von ihnen Vermissten durch das kafkaeske Geflecht der Berliner Verwaltung. Das Bundeskriminalamt hatte sich 72 Stunden Zeit für die Identifizierung der Opfer gelassen, wie man einem offenen Brief an die Kanzlerin entnehmen kann, den der SPIEGEL ebenfalls dokumentierte.

Dafür erhielten die Angehörigen zeitnah eine Rechnung der Charité für die Kosten der Leichenschau, zahlbar innerhalb von 30 Tagen. Es gibt Details, die man nicht mehr vergisst, wenn man sie gelesen hat. Dies ist ein solches.

Wie soll man diesen Umgang nennen? Gleichgültig? Kaltschnäuzig? Meine Kollegen haben daran erinnert, dass im Ausland anders verfahren wurde. Fünf der zwölf Toten waren Ausländer. In Italien nahm der Staatspräsident den Leichnam eines Opfers vom Breitscheidplatz in Empfang, der polnische Staatspräsident kniete vor dem Sarg des in Berlin ermordeten Lkw-Fahrers nieder.

Diese Toten kamen ungelegen

Auch der deutsche Staat kann sich mitfühlend zeigen, wenn er will. Als ein Flugzeug der Germanwings mit 150 Menschen an Bord in den französischen Alpen zerschellte, ordnete die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen einen Staatsakt an. Die Bundeskanzlerin sagte am Tag des Unglücks alle Termine ab, der Bundespräsident beendete einen Staatsbesuch in Südamerika, mehrere Minister machten sich auf den Weg, um sich vor Ort "ein Bild zu verschaffen", wie es hieß. Ich habe die Entscheidung für einen Staatsakt damals falsch gefunden, weil ich der Meinung war, dass man sich solche symbolischen Akte für Momente aufsparen sollte, in denen der Staat wirklich herausgefordert ist. In Berlin war er es und hat vorgezogen zu schweigen.

Eine Erklärung für die Unfähigkeit, auf das Leid angemessen zu reagieren, wäre Behördenchaos. Die zwölf Opfer des Anschlags hatten das Pech, in Berlin zu sterben, wenn man so will. Von einer Stadt, die nicht einmal in der Lage ist, binnen drei Monaten nach der Geburt eines Kindes eine Geburtsurkunde auszustellen, kann man in der Stunde möglicherweise nicht mehr erwarten. Aber die Berliner Unfähigkeit erklärt nicht das Versagen nahezu aller Institutionen.

Man kommt, glaube ich, nicht umhin, einen Zusammenhang zwischen dem offenkundigen Desinteresse und der Natur des Anschlags zu sehen. Wenn ein depressiver Pilot Amok läuft, fragt niemand nach der politischen Verantwortung. Das ist Schicksal, wie man so schön sagt. Bei einem Anschlag liegen die Dinge anders. Hier stellt sich sofort die Frage, ob das, was geschehen ist, auch hätte verhindert werden können. Oder ob man sich an verantwortlicher Stelle Illusionen gemacht hat über die Natur einiger der Leute, die man ins Land ließ. Die Wahrheit ist vielleicht: Diese Toten kommen der Politik einfach ungelegen.

Der unangenehmen Wahrheit ausgewichen

Es ist menschlich durchaus verständlich, wenn man sich einer Begegnung, die man als schwierig empfindet, zu entziehen versucht. Jeder kennt das aus dem Privaten, dass man einer unangenehmen Wahrheit lieber ausweicht als sich ihr zu stellen. Aber so sollte man als Repräsentant des Staates nicht handeln. Und wenn man es doch tut, darf man sich nicht wundern, wenn die Leute das Vertrauen in einen verlieren.

In den kommenden Tagen will sich Merkel mit den Hinterbliebenen treffen, so hat es Regierungssprecher Seibert Anfang der Woche angekündigt. Im Kanzleramt legt man Wert auf die Feststellung, dass die Entscheidung dazu gefallen sei, bevor der Brief der Angehörigen an die Kanzlerin im SPIEGEL stand. Aber schon die Wortwahl ist verräterisch. Man habe den Brief erhalten und werde ihn "mit großem Respekt" lesen und auswerten, erklärte Seibert. Was gibt es da auszuwerten, frage ich mich? So redet man, wenn man einen Erpresserbrief erhalten hat oder eine komplizierte diplomatische Note, nicht wenn jemand einem schreibt, um seiner Enttäuschung und seinem Leid Ausdruck zu verleihen.

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