Gedenken zum Breitscheidplatz-Attentat Schonungslos still

Anna und Georgiy Bagratuni. Sebastian Berlin. Nada Cizmár. Dalia Elyakim. Christoph Herrlich. Klaus Jacob. Angelika Klösters. Dorit Krebs. Fabrizia Di Lorenzo. Lukasz Urban. Peter Völker.
Das Gedenken an den Weihnachtsmarktanschlag von Berlin stellte die Opfer in den Mittelpunkt - und die Versäumnisse der Behörden.

Mahnmal in Berlin
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Mahnmal in Berlin

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Angela Merkel steht still da, in schwarzem Mantel, den Kopf gesenkt. Neben ihr versammelt sind die Söhne, Töchter, Männer, Frauen, Väter und Mütter der Opfer des Terroranschlags von vor einem Jahr. Vor ihnen, über die Treppe an der Gedächtniskirche, verläuft nun ein goldener Riss, eine Narbe im steinernen Boden.

In die Stufen sind die Namen der zwölf Toten eingraviert, sie kommen aus Deutschland, Italien, Tschechien, der Ukraine, Polen und Israel:

Anna und Georgiy Bagratuni. Sebastian Berlin. Nada Cizmár. Dalia Elyakim. Christoph Herrlich. Klaus Jacob. Angelika Klösters. Dorit Krebs. Fabrizia Di Lorenzo. Lukasz Urban. Peter Völker.

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Breitscheid-Mahnmal: "In Stille vereint"

Die Kanzlerin selbst hält zur Einweihung des Mahnmals keine Rede, das übernimmt der Regierende Bürgermeister Berlins, Michael Müller. Danach ist Merkel aber die Erste, die eine Kerze entzündet und sie zeitgleich mit Angehörigen vor der Gedächtniskirche abstellt, in ein Meer von weißen Rosen.

Merkels Auftritt ist voller Demut. Vor dem Jahrestag hatten ihr die Hinterbliebenen in einem Brief, den der SPIEGEL zuerst veröffentlichte, schwere Vorwürfe gemacht: Sie habe zu wenig getan, um der Terrorgefahr vorzubeugen, und nach dem Anschlag die Betroffenen allein gelassen.

Am Vorabend des Gedenkens hatte Merkel sich nun erstmals mit Opferangehörigen und Verletzten getroffen, gut zwei Stunden saßen sie im Kanzleramt zusammen. Die Gespräche haben bei der Kanzlerin offenkundig einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Gespräch mit den Betroffenen für Merkel "ein sehr schonungsloses"

Nach der Gedenkfeier am Dienstagmittag stellt sie sich für ein kurzes Statement vor die Kameras. Merkels Botschaft: Wir haben verstanden.

Das Gespräch mit den Betroffenen, sei "ein sehr schonungsloses" gewesen, sagt die Kanzlerin, ein Gespräch, "das gezeigt hat, welche Schwächen unser Staat in dieser Situation auch gezeigt hat".

Sie versprach, die Regierung werde in Zukunft alles "Menschenmögliche tun, nicht nur die Sicherheit zu gewährleisten, sondern den Menschen, deren Leben zerstört oder deren Leben getroffen wurde, auch die Möglichkeit zu geben, möglichst gut wieder in das Leben hineinzukommen".

Merkel betont: "Heute ist ein Tag der Trauer, aber auch ein Tag des Willens, das, was nicht gut gelaufen ist, besser zu machen." In ein paar Monaten, so kündigt sie an, wolle sie sich erneut mit Angehörigen und Verletzten treffen, "um deutlich zu machen, (...) was werden wir in Zukunft anders machen".

"Im Stich gelassen"

Auftakt des Gedenkens war am Vormittag eine interreligiöse Andacht, an der Hinterbliebene und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin sowie Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller teilnahmen.

Bundespräsident Steinmeier ging dabei ebenfalls auf Behördenfehler und den Schmerz der Opfer ein. Bei seiner Rede, die er nicht öffentlich hielt, räumte er laut Redemanuskript ein, dass die Unterstützung für die Angehörigen der Opfer und für die Verletzten spät gekommen und unbefriedigend geblieben sei. "Viele Hinterbliebene und Verletzte - viele von Ihnen - haben sich nach dem Anschlag vom Staat im Stich gelassen gefühlt."

Im Video: Kanzlerin Merkel zum Breitscheidplatz-Attentat

REUTERS

Die Gesellschaft dürfe dem Terror nicht nachgeben, forderte Steinmeier. "Aber das darf nicht dazu führen, dass wir den Schmerz und das Leid verdrängen." Denn: "Dass wir miteinander traurig, miteinander wütend, miteinander fassungslos sind - auch das gehört zum Zusammenhalt, den wir brauchen, um gemeinsam unsere Freiheit zu verteidigen."

Müller bittet Hinterbliebene um Verzeihung

Sicher, Behörden und Politik waren seit dem Anschlag vor einem Jahr nicht untätig: Mehr Personal wurde für die Terrorabwehr abgestellt, islamistische Gefährder sollen besser überwacht werden oder gegebenenfalls rigoroser abgeschoben werden.

Doch zu Recht stand am Dienstag der Schmerz im Mittelpunkt aller Reden und Wortbeiträge - und die Einsicht, dass es den Hinterbliebenen und Verletzten wenig hilft, wenn seitdem Dinge verbessert und nach chaotischen Tagen danach viele Fehler aufgedeckt und behoben wurden.

Berlins Regierender Bürgermeister Müller sagte, manches lasse sich - wenn überhaupt - nur mit einer nie dagewesenen Ausnahmesituation für alle Beteiligten in den Tagen nach dem Anschlag erklären, aber nicht entschuldigen.

"Und dennoch: Als Regierender Bürgermeister bitte ich Sie, die Angehörigen und Verletzten, für diese Fehler um Verzeihung", sagte Müller. "Wir können nun ahnen, wie tief Ihr Schmerz sitzt und dass das auch Wut auslöst." Umso mehr bewundere er ihre Kraft, sich dem Leben zuzuwenden.

Stimmenfang #31 - So hat Anis Amri den Staat verhöhnt - ein Jahr nach dem Breitscheidplatz-Anschlag

Mit Material von dpa

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