CDU-Spitzenkandidat für Bürgerschaftswahl Bremer Stadtpraktikant

Die Christdemokraten wollen in Bremen nach 73 Jahren an der SPD vorbeiziehen. Zur Wahl Ende Mai schicken sie mit Carsten Meyer-Heder einen Selfmade-Unternehmer ohne politische Erfahrung ins Rennen.

Carmen Jaspersen/ DPA

Aus Bremen berichtet


Warum Carsten Meyer-Heder anders ist, wird an diesem Abend schon in den ersten Minuten deutlich. Der Bremer CDU-Spitzenkandidat ist in das Nachbarschaftshaus "Helene Kaisen" im Stadtteil Gröpelingen gekommen, die Veranstalter haben einen mehrreihigen Stuhlkreis aufgebaut, einen sogenannten Fish Bowl. In dessen Mitte sitzt Meyer-Heder mit der Moderatorin und einer Linkspartei-Abgeordneten.

Der 57-Jährige hebt sich mit seinen fast zwei Metern, dem markanten Bart und der Glatze schon optisch ab. Heute trägt Meyer-Heder immerhin Anzug über einem Poloshirt, mit Krawatte ist der Christdemokrat fast nie zu sehen. Dann, nachdem die Linken-Politikerin die erste Publikumsfrage zum Thema Gesundheitsversorgung beantwortet hat, betont Meyer-Heder, dass er sich mit seiner Mitdiskutantin ja in vielem einig sei.

Einigkeit zwischen Union und Linkspartei? Auf Bundesebene würde so ein Spruch sofort eine heftige innerparteiliche Debatte in Gang setzen.

Aber Ideologie, das interessiert Meyer-Heder nicht. Er sieht sich als Praktiker, als Macher. Und als solcher will er für die CDU nach 73 Jahren sozialdemokratischer Bürgermeister das Bremer Rathaus zurückerobern. Die Gelegenheit war wohl noch nie so günstig wie bei der Bürgerschaftswahl am 26. Mai. In der letzten Umfrage Anfang Februar lag die CDU mit 25 Prozent sogar einen Punkt vor der SPD.

Quereinsteiger gegen Politikprofi

Meyer-Heder ist ein politischer Quereinsteiger, er kommt aus der Wirtschaft, hat seine Softwarefirma in den vergangenen 25 Jahren zu einem Bremer Vorzeige-Unternehmen gemacht. Inzwischen arbeiten dort unter dem Namen "team neusta" 1500 Menschen.

So wie er sein Unternehmen führt, will Meyer-Heder auch Politik machen. Ob das funktioniert - das ist die Frage. Ein offensichtliches Problem liegt darin, dass seine Firma sein Leben war. Darin bewegte er sich mit schlafwandlerischer Sicherheit. Die Welt der Politik ist ihm dagegen noch fremd.

Das merkt auch das Publikum im Gröpelinger Stuhlkreis. Die Bürgerschaftsabgeordnete der Linken nennt und kennt Details, der CDU-Politiker flüchtet sich immer wieder in Allgemeinplätze und Managersprech: Die Arbeit des Senats müsse besser gesteuert, die Planung verbessert werden, man brauche flache Hierarchien, mehr Ergebnisorientierung.

Bald ruft eine Frau mit bunt gefärbten Haaren: "Sie beantworten die Frage nicht."

Es ist ein spannendes Experiment, dem sich Meyer-Heder aussetzt: Hat er ohne jegliche politische Erfahrung ("ich war auf dem Niveau eines normalen NDR-Info-Hörers") eine Chance gegen den amtierenden SPD-Bürgermeister Carsten Sieling? Der Sozialdemokrat zog 1995 in die Bremer Bürgerschaft ein, wurde später Fraktionsvorsitzender, wechselte in den Bundestag, war dort Chef der einflussreichen Parlamentarischen Linken. Ein absoluter Politikprofi.

Amtsinhaber fehlt das Charisma

Doch nach mehr als sieben Jahrzehnten wirkt es so, als hätten die Bremer genug von den Sozialdemokraten. Auch wenn die Wirtschaft wächst, steht die Hansestadt in vielen Ranglisten immer noch auf dem letzten Platz aller Bundesländer. Bürgermeister Sieling scheint auch deshalb schlagbar, weil ihm das Charisma prominenter Vorgänger wie Hans Koschnick oder Henning Scherf fehlt.

Meyer-Heder vor Koschnicks letzter Dienstlimousine
Florian Gathmann/ SPIEGEL ONLINE

Meyer-Heder vor Koschnicks letzter Dienstlimousine

Koschnicks letzten Mercedes-Dienstwagen hat sich der Autofan Meyer-Heder im vergangenen Jahr gekauft. Aber der Weg in die Senatskanzlei ist immer noch weit. Denn Meyer-Heders Problem ist nicht nur, dass er ein Politiklehrling ist. Von ihm hat auch bislang kaum jemand in Bremen gehört.

Die für die Christdemokraten so mutmachende jüngste Umfrage ergab nämlich auch, dass 75 Prozent der Bürger den CDU-Spitzenkandidaten gar nicht kennen - oder zu wenig, um sich ein Bild von ihm machen zu können.

Meyer-Heder versucht, mit dieser Schwäche selbstironisch umzugehen. Seine Internetseite findet sich unter der Adresse carsten-meyer-wer.de, in den sozialen Medien ist er unter dem Hashtag #carstenmeyerwer unterwegs. Neulich tourte er mit einem Shantychor durch die Innenstadt und beschallte mit dem Song "Carsten Meyer-wer?" sogar eine Straßenbahn.

Das wirkt locker und sympathisch. Aber reicht das, um es in die Regierung des kleinsten deutschen Bundeslands zu schaffen?

Als Meyer-Heder im Frühjahr vergangenen Jahres vom Bremer CDU-Landesvorstand als Spitzenkandidat nominiert wurde, war er gerade erst in die Partei eingetreten. Aus der Kirche ist Meyer-Heder ausgetreten, er ist Vater dreier Kinder, hat in einer Kommune gewohnt, spielte lieber Schlagzeug, anstatt - wie er sagt - vernünftig zu studieren. In die Softwarebranche kam er erst durch eine Umschulung nach einer schweren Erkrankung.

Politische Seiteneinsteiger haben es in Deutschland schwer

Ein bewegtes Leben - mit dem er im liberalen Bremen mehrheitsfähig sein könnte. Einige Stunden vor dem Auftritt im Gröpelinger Nachbarschaftshaus besucht ihn am Nachmittag die CSU-Politikerin Dorothee Bär, ein paar Journalisten und ein Kamerateam sind dabei. "Wir haben in der Politik zu wenige mit wilden Lebensläufen", sagt die Digital-Staatsministerin im Kanzleramt. Sie will ihm Mut machen. Aber selbst Seiteneinsteiger mit geraderen Biografien haben es in der deutschen Politik immer wieder versucht, selten waren sie erfolgreich.

Meyer-Heder ist der Respekt vor der Aufgabe anzumerken. Er hat sie wohl unterschätzt. Der CDU-Spitzenkandidat lässt sich jetzt coachen, hat einen Beraterkreis etabliert, büffelt Details. Aber die Zeit rennt ihm davon: In zwei Monaten wird gewählt.

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Seine öffentlichen Auftritte sind besser geworden - aber ein Volkstribun wird aus Meyer-Heder in diesem Leben nicht mehr. Sein Glück: Gegner Sieling ist das auch nicht. Aber der CDU-Spitzenkandidat muss den Bremern so langsam sagen, was er konkret anders machen will. Sonst können sie auch die sich immer irgendwie durchwurschtelnde SPD behalten.

Meyer-Heder stellt ein Dogma der Bremer CDU in Frage

Einen ersten Aufschlag hat er kürzlich gemacht, als er vorschlug, bei der Tilgung der Bremer Altschulden flexibler vorzugehen und gegebenenfalls mehr zu investieren. Damit berührt der Spitzenkandidat ein Dogma seiner Bremer Partei. An diesem Donnerstagabend soll sein Vorschlag vom Landesparteitag ins Wahlprogramm geschrieben werden - dann wird sich zeigen, wie einig die chronisch zerstrittene Bremer CDU tatsächlich hinter Meyer-Heder steht.

Der eigentliche Wahlkampf beginnt erst so langsam, auch aus Berlin wird der Spitzenkandidat dann Unterstützung bekommen. Angesagt haben sich unter anderem Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer, Generalsekretär Paul Ziemiak und Gesundheitsminister Jens Spahn.

Die Bremer Bürgerschaftswahl steht nämlich wie lange nicht mehr im Fokus der Bundesparteien - und der gesamten deutschen Öffentlichkeit. Es ist einerseits gemeinsam mit der parallel stattfindenden Europawahl die erste unter der neuen CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer. Aber besonders bang blickt die SPD-Führung Richtung Bremen. Fliegen die Sozialdemokraten dort aus der Senatskanzlei, dürften sich die Anti-GroKo-Kräfte innerhalb der Partei bestärkt fühlen.

Und ausgerechnet das hat auch der Politikneuling Carsten Meyer-Heder in der Hand.

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Seite 1
harke 28.03.2019
1. Fusion
Mit Niedersachen wäre ein sinnvolles Wahlkampfprogramm. Kein anderes Bundesland leider so stark unter seinem Stadtstaat Status wie Bremen.
shalidor 28.03.2019
2. Hoffnung
Ich wirklich, dass es diese Seniorenpartei bald gar nicht mehr gibt
carlitom 28.03.2019
3.
Naja, das überzeugt mich nicht. Warum diskutiert er mit der Linken, wo doch die SPD seine Konkurrenz ist? Wieso denkt er, es sei attraktiv, mit der eigenen Unwissenheit zu kokettieren? Der Shantychor und die gewollte lustige Internetseite sind vor allem unseriös. Inwiefern sollte beides dazu beitragen, dass der Wähler sein Vertrauen in den Kandidaten setzt, der das Wohl der Stadt befördern soll (durch Singen?)? Ihre Fotos belegen übrigens nicht, dass er sich optisch irgendwie abheben würde. Auch CDUler tragen heute nicht mehr ständig Schlips. Ansonsten sehe ich nichts Besonderes an der Optik des Mannes.
widower+2 28.03.2019
4. Schon richtig
Zitat von harkeMit Niedersachen wäre ein sinnvolles Wahlkampfprogramm. Kein anderes Bundesland leider so stark unter seinem Stadtstaat Status wie Bremen.
Andererseits sind die Bremer da nach vielen Jahrhunderten Unabhängigkeit auch ein wenig stur und es ist äußerst zweifelhaft, ob es dafür eine Mehrheit gäbe. Zudem müsste Niedersachsen zustimmen, das bisher massiv von Bremen profitiert und nach einer Fusion unter dem Strich schlechter dastünde als zuvor.
schwaebischehausfrau 28.03.2019
5. Typische "Politik-Profis"...
sind Menschen, die noch keinen Tag in ihrem Leben in einem Unternehmen gearbeitet haben, das sein Geld verdienen muß und sich täglic im Wettbewerb gegen andere Unternehmen durchsetzen muß: Ich würde mein Steuergeld und das "Management" meiner Heimatstadt oder meines Landes zehnmal lieber einem gestandenen Familien-Unternehmer anvertrauen, der in seinem Leben sein eigenes Unternehmen aufgebaut hat und dabei auch Verantwortung für hunderte Mitarbeiter übernommen hat, als den üblichen Gewerkschafts-Sekretären, Kinderbuchautoren oder Menschen, die seit ihrem (abgebrochenen) Studium als Partei-Funktionärin gearbeitet haben. Na ja, und man muß sich Bremen ja nur mal anschauen. Als "Unternehmen" wäre dieser Stadtstaat bereits lange pleite.
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