Wahl in Bremen Alles grün?

Das erste Linksbündnis im Westen - oder eine neue Chance für Jamaika? An den Grünen kommt in Bremen keiner vorbei. SPD-Bürgermeister Sieling macht Druck auf den Juniorpartner. Aber der will sich nicht festlegen.

Maike Schaefer will sich nicht auf eine Koalitionsoption festlegen
Carmen Jaspersen/ DPA

Maike Schaefer will sich nicht auf eine Koalitionsoption festlegen

Aus Bremen berichtet


Wahlkampfpicknick nennt sich das, was die Grünen auf der Wiese zwischen den Neubauten der Bremer Überseestadt veranstalten. Es gibt Vollkornkuchen und Waffeln, Fladenbrot mit Tsatsiki, Bionade und Kaffee. Kinder laufen auf Stelzen, springen mit dem Hüpfball. Maike Schaefer, 47, Spitzenkandidatin der Grünen, wirft ein Diabolo in die Höhe, fängt es gekonnt wieder auf.

Die Stimmung ist entspannt und familiär. Aber Wahlkampf? Eigentlich schauen fast nur Grüne beim Picknick vorbei. Als Schaefer aufbrechen will, sagt eine Parteifreundin zu ihr: "Tut mir leid, dass nicht viel los war." Schaefer schüttelt den Kopf. Nicht schlimm.

Läuft ja für die Bremer Grünen.

In dem kleinsten Bundesland der Republik finden am Sonntag nicht nur Europawahlen statt. Die Menschen in der Hansestadt wählen auch eine neue Bürgerschaft. Die Grünen liegen in den Umfragen seit Wochen bei 18 Prozent. Man muss dazu sagen: Bremen ist seit Jahrzehnten eine Hochburg der Partei. Seit 1983 haben sie nur einmal ein einstelliges Wahlergebnis geholt, das war 1999. Seit 2007 regieren die Grünen als Juniorpartner der SPD.

Richtig glücklich sind die Bremer nicht damit, im Mai gaben laut dem ARD-"Brementrend" 59 Prozent an, sie seien weniger oder gar nicht zufrieden mit ihrer Regierung. Bestraft wird dafür aber, wenn man den Demoskopen glauben kann, nur die SPD von Bürgermeister Carsten Sieling, sie könnte bei der Wahl am Sonntag auf 24 oder 25 Prozent abstürzen. Die Grünen würden dagegen zulegen. (Lesen Sie hier eine Analyse über die politische Situation in Bremen).

Bürgermeister Sieling, Maike Schaefer (bei einer Talkrunde von Radio Bremen)
Carmen Jaspersen / dpa

Bürgermeister Sieling, Maike Schaefer (bei einer Talkrunde von Radio Bremen)

Warum ist das so? "Auch für die Bremerinnen und Bremer wird Klimaschutz immer wichtiger", sagt Maike Schaefer. Und die Bürger honorierten, dass die Grünen in Bremen einen Generationenwechsel vollzogen hätten. Sie räumt ein, dass die Bremer Grünen auch vom Bundestrend profitierten.

Schaefer wurde 2007 das erste Mal in die Bürgerschaft gewählt, heute ist sie Fraktionsvorsitzende. Als Spitzenkandidatin war sie nicht gesetzt, der Landesvorstand wollte eigentlich mit Finanzsenatorin Karoline Linnert als Spitzenkandidatin in die Wahl gehen. Doch die Basis rebellierte, die Mitglieder bestanden auf einer Urwahl. Schaefer gewann, Linnert hat sich für die Wahl am Sonntag nicht mehr aufstellen lassen.

An Schaefer und ihrer Partei wird hängen, wer Bremen künftig regiert. Bürgermeister Sieling hat in den vergangenen Tagen eine große Koalition ausgeschlossen. Reicht es nicht mehr für Rot-Grün, wonach es aussieht, will er die Linke mit ins Boot holen.

Die Grünen können sich darüber freuen. Denn Sielings Nein zur GroKo ist für sie eine Regierungsgarantie - wobei sie sich nicht zwingend mit den Sozialdemokraten zusammentun müssen. Sie könnten auch mit CDU und FDP ein Jamaika-Bündnis bilden. Kommt die FDP nicht rein, könnte es sogar für Schwarz-Grün reichen.

Grüne legen sich nicht fest

Ein Vormittag in Bremen-Borgfeld, vor dem Rewe-Supermarkt haben CDU, SPD, FDP und Grüne ihre Wahlkampfstände aufgebaut. Bei den Grünen gibt es ein Gläschen Honig zu den Flugblättern. Ein Mann kommt auf Schaefer zu. "Sie reden aber schon noch mit der CDU, oder? Nicht wie die SPD?" fragt er. "Wir reden mit allen", sagt sie. Dem Mann gefällt das. Den Sieling, sagt er, habe doch keiner gewählt.

Die SPD hat mit Sieling einen erfahrenen Politikprofi aufgestellt, dem manchmal vorgeworfen wird, nicht genug zu begeistern. Die CDU setzt dagegen auf einen Quereinsteiger, einen Manager ohne Politikerfahrung. Seine politische Unkenntnis wird als Makel gesehen, und doch hat CDU-Mann Carsten Meyer-Heder Chancen, die SPD von Platz eins zu verdrängen. In den jüngsten Umfragen liegt die CDU drei Prozentpunkte vor der SPD.

Maike Schaefer will sich in einer künftigen Koalition stärker durchsetzen
Carmen Jaspersen/ DPA

Maike Schaefer will sich in einer künftigen Koalition stärker durchsetzen

Mit wem würde sich Schaefer lieber die Macht teilen? "Ich mag das Wort Macht nicht", sagt Schaefer, sie sei kein machtorientierter Mensch.

Eigentlich ist Schaefer promovierte Biologin, sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Umweltforschung und nachhaltige Technologie in Bremen. Bei der Beiratswahl 2003 hätten die Grünen eine Frau für einen vorderen Listenplatz gesucht - deswegen sei sie angetreten. Im gleichen Jahr wurde sie in den Landesvorstand gewählt, 2007 in die Bremische Bürgerschaft. Von 2011 bis 2015 war sie Fraktionsvize, seit 2015 ist sie Chefin der Fraktion.

Wie hat sie es so weit gebracht ohne Machtwillen? "Ich hatte immer den Mut, Verantwortung zu übernehmen", sagt sie.

Rot-Rot-Grün oder Jamaika

Für Schaefer und die Grünen kann in Bremen wenig schiefgehen. Doch egal, wofür sie sich entscheiden - für den Bund wird es Signalwirkung haben. Lassen sie sich auf Rot-Rot-Grün ein, würde das sofort Spekulationen über ein Linksbündnis auf Bundesebene befeuern. Es wäre das erste westdeutsche Bundesland, in dem eine solche Koalition zustande käme. Regieren die Grünen am Ende mit CDU und FDP, bekäme Jamaika eine neue Chance.

Tatsächlich gilt der grüne Landesverband eher als links, was für Rot-Rot-Grün spricht. Zuletzt erhöhte Bürgermeister Sieling den Druck, warnte öffentlich: "Wer Grün wählt, darf sich am Ende nicht wundern, wenn er Schwarz sieht."

Schaefer aber will sich partout nicht festlegen. Sie steht auf dem Bremer Bahnhofsvorplatz. Werder hat gespielt, die Passanten tragen grün-weiße Fahnen. Sie hat ihr Auto stehenlassen und ist mit einem Elektroroller gekommen. Die Stadt, sagt sie, sei gespalten. In die, die wollen, dass alles bleibt wie es ist und die, die wollen, dass es nach 73 Jahren SPD einen Wechsel gibt.

Die Grünen können beides mitmachen.



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insgesamt 54 Beiträge
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stumpen89 22.05.2019
1. Bitte nicht Jamaika
Bitte keine neoliberal-pseudogrüne Jamaika-Koalition, die die Armen noch ärmer und die Reichen noch reicher macht. RGR ist das einzig soziale Bündnis der Zukunft, nachdem sich CDU und FDP komplett von der Wirtschaft haben kaufen lassen.
harke 22.05.2019
2. Bildung
Na da freut man sich ja auf die grüne Bildungspolitik. Letzter ist Bremen ja eh schon.
Pfaffenwinkel 22.05.2019
3. Nicht nur in Bremen,
auch bei der Europawahl werden m.E. die Grünen die Nase vorne haben. Es wird einfach Zeit zum Umdenken.
hardeenetwork 22.05.2019
4. Grün ist ein Muss!
Ob Klimawandel oder Artensterben, ob ökologisch-ökonomisch ausgerichtete Sozialpolitik oder soziale Gerechtigkeit, die Grünen setzen auf die wichtigsten Themen der nächsten Jahrzehnte. Und das ohne Machtgehabe.
Strandvej 22.05.2019
5. Darum DIE LINKE
Kenne viele Grünwähler, die diese Partei schon seit Jahren in Bremen wählen und nun lieber bei der LINKEN ihr Kreuz (fünf Kreuze in Bremen) machen, da sie Jamaika fürchten.
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