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13. Mai 2019, 16:03 Uhr

Henning Scherf zur Bremen-Wahl

"Die große Mehrheit ist für Rot-Rot-Grün"

Ein Interview von

Mehr als 40 Prozent holte die Bremer SPD bei Wahlen mit Henning Scherf. Davon ist die Partei heute weit entfernt. Hier spricht der Altbürgermeister über die Krise der Genossen, mögliche Koalitionen und Kevin Kühnert.

Seit dem Kriegsende stellte die SPD immer den Bürgermeister in Bremen. Im Rathaus regierten viele Jahre immer Politiker, die auch außerhalb des kleinen Stadtstaates bekannt waren: Wilhelm Kaisen, Hans Koschnick und natürlich Henning Scherf. Doch jetzt könnten die Sozialdemokraten eine ihrer letzten Hochburgen in Deutschland verlieren.

Denn rund zwei Wochen vor der Bürgerschaftswahl liegt die SPD in den Umfragen nahezu gleichauf mit der CDU. Bürgermeister Carsten Sieling droht eine Niederlage gegen seinen Herausforderer Carsten Meyer-Heder. Beide Spitzenkandidaten werden einen oder vielleicht sogar zwei Koalitionspartner zum Regieren brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Scherf, wie geht die Wahl in Bremen aus?

Henning Scherf: Es sieht ja nach einem spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen aus. Das trägt hoffentlich zu einer höheren Wahlbeteiligung als beim letzten Mal bei.

SPIEGEL ONLINE: Mit wem geht Ihre SPD, wenn sie kann, nach der Wahl ein Bündnis ein?

Scherf: Die ganz große Mehrheit in der Partei wird für Rot-Rot-Grün sein. Grüne und Linke sind in Bremen ohnehin auf Koalitionskurs. In einem Bündnis mit der CDU der Juniorpartner zu sein ist nur schwer durchsetzbar. Andersherum kann ich mir eine rot-schwarze Koalition vorstellen, bei der die SPD wieder den Bürgermeister stellt. Die beiden Spitzenkandidaten gehen schon jetzt sehr behutsam miteinander um.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie denn vom CDU-Kandidaten Carsten Meyer-Heder?

Scherf: Das ist kein eingefleischter Parteipolitiker. Ich bin mit seinen Eltern befreundet und war sehr überrascht, dass ein erfolgreicher Unternehmer wie er plötzlich etwas Neues probieren will. Er hat offenbar nicht annähernd geahnt, was da jetzt im Wahlkampf auf ihn zukommt. Er ist ein untypischer Kandidat, kein erfahrener Stratege.

SPIEGEL ONLINE: Amtsinhaber Carsten Sieling ist außerhalb Bremen aber auch nur wenigen bekannt...

Scherf: Das war bei mir am Anfang ja auch so. Ich hatte damals auch das Gefühl, dass die Medien mich gar nicht ernst nehmen. Wenn Sieling aber bei der Wahl gegen den Trend der SPD 30 Prozent holt - also doppelt so viel wie die Bundes-SPD -, wird seine Rolle schon eine andere sein. Sieling braucht einen Wahlerfolg.

SPIEGEL ONLINE: Hat Juso-Chef Kühnert der SPD vor den Wahlen mit seinen Sozialismus-Thesen geschadet?

Scherf: Nein, das war völlig okay, wir brauchen das. Ich war ja selber mal Juso, das kam mir alles bekannt vor, was Kevin sagt. Wir brauchen solche Diskussionen, wir müssen uns öffnen. Wir müssen den vielen jungen Leuten eine Perspektive bieten, die unzufrieden sind mit ihrem Leben und frustriert, weil Pleitebanken vom Staat gerettet werden und deren Manager trotzdem Boni kassieren. Es ist auch toll, dass der DGB-Bundesvorsitzende jetzt Kühnert unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Bremen war immer eine sichere Bank für die SPD. Hätte eine Niederlage Konsequenzen für die Bundesspitze um Andrea Nahles?

Scherf: Das glaube ich nicht. Die Große Koalition in Berlin wird vor allem die Legislaturperiode überstehen wollen. Wir wären zwar nicht mehr der Hoffnungsträger wie sonst, aber im Vergleich zu den anderen Ergebnissen werden wir immer noch ein ausgesprochen positiver Ausreißer im bundesweiten Vergleich zu den anderen Resultaten sein, die bei der Europawahl am selben Tag veröffentlicht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark schätzen Sie die Rechtspopulisten in Bremen ein?

Scherf: Ich habe die AfD hier im Parlament als völlig unsortiert und miteinander zerstritten erlebt. Jemand, der umsichtig mit seiner Stimme umgeht, kann diese Leute nicht unterstützen. Ich glaube, die AfD muss um den Wiedereinzug in das Bremer Parlament bangen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die SPD in Bremen heute so weit entfernt von den mehr als 40 Prozent, die zu Ihrer Zeit bei Wahlen selbstverständlich waren?

Scherf: Die Gesellschaft hat sich massiv verändert. In meiner Schulzeit zum Beispiel gab es kein einziges Ausländerkind. Heute sprechen häufig in vielen Bremer Schulen mehr als die Hälfte der Kinder zu Hause kein Deutsch. Die Industriearbeitsplätze mit Schichtdiensten am Band sind dramatisch zurückgegangen, wir haben uns stattdessen zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt. Das ist aber nicht mehr die typische SPD-Wählerklientel.

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