YouGov-Umfrage Beim Brexit liegen Gegner und Befürworter gleichauf

Die Abstimmung über den EU-Austritt Großbritanniens rückt näher. In Berlin wurden alarmierende Umfragedaten vorgestellt - demnach gibt es einen Gleichstand der Brexit-Gegner und Befürworter.

Fahne Europas und von Großbritannien
AFP

Fahne Europas und von Großbritannien

Von und (Grafik)


In rund drei Wochen ist es soweit. Dann werden die Bürger Großbritanniens darüber entscheiden, ob ihr Land in der Europäischen Union bleibt. Es dürfte am 23. Juni ein äußerst knapper Ausgang werden, wie jüngste Umfragen nahelegen. Die Befürworter eines Ausstiegs (Brexit) holen auf den letzten Metern mächtig auf.

Das wurde auch am Dienstag auf einer Konferenz in Berlin deutlich, die von der British Chamber of Commerce, dem Aspen Institute und dem Umfrageinstitut YouGov veranstaltet wurde und an der die Medienpartner "Handelsblatt Global Edition" und die britische Zeitung "The Guardian" beteiligt waren.

Besondere Aufmerksamkeit lösten die Ergebnisse aus Großbritannien aus, die das britische Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov in einer Umfrage vom 19. Mai bis 24. Mai unter 1764 britischen Bürgern ermittelte. Demnach herrscht im Vereinigten Königreich zwischen Befürwortern und Gegnern des Brexit Gleichstand - 40 Prozent wollen den Austritt, 40 Prozent den Verbleib in der EU. 14 Prozent sind noch unentschlossen, weitere sechs Prozent wollen nicht am Volksentscheid teilnehmen. Die Umfrage lag SPIEGEL ONLINE vorab vor.

Und wie sieht es auf dem europäischen Festland aus? Im Gegensatz zu den Briten sind die Bürgerinnen und Bürger in fünf von sechs ebenfalls befragten Ländern - Deutschland, Frankreich, Finnland, Schweden, Dänemark und Norwegen - für den Verbleib in der EU. In Deutschland wären im Fall eines Volksentscheids (der allerdings auf Bundesebene rechtlich nicht möglich ist) 54 Prozent für den Verbleib der Bundesrepublik in der EU, 29 Prozent für einen Austritt. Insgesamt wurden von YouGov im Mai in der Bundesrepublik 2056 Bürger befragt. Wenig überraschend: In Norwegen, das nicht der EU angehört, sprechen sich nur 17 Prozent für die Mitgliedschaft aus, 64 Prozent dagegen.

Immerhin: Grundsätzlich wünscht sich - außer in Großbritannien selbst - eine deutliche Mehrheit in den befragten Ländern den Verbleib der Briten in der EU. In Deutschland sind dies 52 Prozent, in Frankreich 42 Prozent, in Dänemark 56 Prozent, in Schweden 51 Prozent, in Finnland 56 Prozent. Nur im Nicht-EU-Mitgliedstaat Norwegen fällt das Ergebnis knapper aus - 37 Prozent für den Verbleib Großbritanniens in der EU, 27 Prozent dagegen. Hier ist auch die Zahl der Unentschlossenen mit 36 Prozent unter allen Befragten am höchsten.

Was aber würde der Brexit in der EU auslösen? Wird das Votum der Briten zum Austritt weiterer europäischer Staaten führen? Die Sorgen sind groß: In allen sieben Ländern hält eine Mehrheit dies für die wahrscheinlichste Variante. In Großbritannien sind das 51 Prozent, in Deutschland 54 Prozent und in Frankreich sogar 55 Prozent. Am stärksten glauben die Dänen (66 Prozent) und die Schweden (69 Prozent), dass ein Ja der EU-Gegner aus der Insel die Debatte über weitere Austritte in der EU anfachen wird.

Alarmierend ist für Anhänger der EU auch das Bild, das die befragten Bürger in den sieben europäischen Ländern von der Europäischen Union haben. In Großbritannien nennen 48 Prozent der Befragten die EU "verschwenderisch", fast ebenso viele in Deutschland (43 Prozent) und 36 Prozent in Frankreich. Für "unnahbar" halten die EU 36 Prozent der Briten und 34 Prozent der Deutschen und sogar 41 Prozent der Franzosen.

Besonders schlecht fallen die Zustimmungswerte für positive Attribute aus: "Demokratisch" finden die EU nur jeweils acht Prozent der Briten und Franzosen und elf Prozent der Deutschen. Am unteren Ende rangieren die Werte für "Ehrlichkeit" - drei Prozent der Briten, zwei Prozent der Deutschen und fünf Prozent der Franzosen. Auch beim Stichwort "Effizienz" wollen nur wenige Befragten der EU positive Bewertungen geben: Vier Prozent der Briten, drei Prozent der Deutschen und fünf Prozent der Franzosen.

Die Daten zeigen: Wie auch immer die Abstimmung in Großbritannien im Juni ausfällt, es gibt für die Verantwortlichen in der EU viel zu tun, um gegen das tief sitzende negative Image bei den europäischen Bürgern anzugehen.

*Hinweis: Die Umfrage erfolgte im Zeitraum zwischen dem 19. und 24. Mai. Laut YouGov wurden in Großbritannien 1764, in Deutschland 2056, in Frankreich 1001, in Dänemark 1006, in Schweden 1021, in Finnland 950 und in Norwegen 561 Erwachsene befragt.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels war Norwegen auch in der ersten Grafik ("Möchten Sie, dass Ihr Land in der EU bleibt?") aufgeführt. Im Zusammenhang mit der gewählten Fragestellung ergibt die Einbindung von Norwegen jedoch keinen Sinn, da das Land kein EU-Mitglied ist. Wir haben die Grafik entsprechend angepasst.

sev



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