Nikolaus Blome

Der Brexit und die Konservativen Wut statt Wehmut

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Großbritannien ist raus aus der EU. Die Lügner und Dilettanten auf der Insel haben gewonnen. Sie sind eine ewige Schande für alle Konservativen.
Boris Johnson nach der Pressekonferenz zum Brexit-Abkommen mit der EU am 24. Dezember 2020

Boris Johnson nach der Pressekonferenz zum Brexit-Abkommen mit der EU am 24. Dezember 2020

Foto: Paul Grover / Getty Images

In liberal-konservativen Milieus hält man darauf, die Dinge von Grund auf gelassen zu sehen und gegebenenfalls mit Fassung zu tragen. Aber wir sind auch nur Menschen.

Darum möchte ich an dieser Stelle jetzt die Fassung verlieren und mich kolossal über den Brexit aufregen: In all den Jahren als Journalist habe ich kein so beschämendes Schurkenstück erlebt wie dieses, noch dazu ins Werk gesetzt von einer Partei, die sich »konservativ« nennt.

Am Brexit ist nichts, absolut nichts Gutes, weswegen mich aber auch das Rationalisieren oder Beschwichtigen empört, dessen sich viele Kommentare dieser Tage befleißigen: Dass Europa mit einem gut assoziierten Großbritannien besser fahren werde als mit einem dauernörgelnden EU-Mitglied. Dass man Reisende ziehen lassen solle. Dass die EU durch solche Abgänge nur stärker werde. Dass die Briten ja zurückkommen können.

Was für ein Schwachsinn. Die Europäische Union ist an diesem Austritt noch kein Stück gewachsen, und sie wird es auch nicht (außer es geschieht ein Wunder). Seit dem Brexit-Votum hat die EU nichts zuwege gebracht, was sie mit den Briten als Mitgliedstaat nicht auch hätte zuwege bringen können. Wer also nach irgendeinem kontinentaleuropäischen Nutzen des Brexits sucht, der findet: nichts. Lediglich haben sich die verbleibenden Mitgliedstaaten nicht gegeneinander ausspielen lassen, und keiner ist den Briten über die Klippe gefolgt. Manche der Vollpfosten in London mögen geglaubt haben, man könne das erreichen. Aber das sagt nur etwas über den Grad ihrer Verblendung aus und nichts über die Stärke der EU.

Nicht wenige auf dem Kontinent beklagen andersherum vermeintliche Fehler der EU im Umgang mit den Briten. Demnach hätten die »Eurokraten« mit ihrem Übermaß an marktfeindlicher Bürokratie die Briten aus der Union gegrault. Oder Angela Merkel mit ihrer Flüchtlingspolitik. Oder der Klub der nimmersatten Nettoempfänger. Oder der EuGH, weil europäisches Recht britisches bricht.

Aber auch das ist himmelschreiender Blödsinn, weil es am Eigentlichen vorbeigeht: Es hätte den Brexit nie und nimmer gegeben, wenn verschnöselte konservative Politiker nicht ihr Volk in einer bis dato ungekannten Art und Weise getäuscht und belogen hätten. Große britische Medien haben sich mit ihrer »Berichterstattung« zu Komplizen gemacht und Fairness und Fakten fortwährend mit Füßen getreten, what a f***ing disgrace. Die Kontinentaleuropäer, von Merkel bis Jean-Claude Juncker, haben damals nicht dagegengehalten, sondern die Briten es unter sich ausmachen lassen. Es war unterlassene Hilfeleistung in der Stunde der Not.

Deshalb geht mir sogar die Wehmut auf die Nerven, die in vielen Kommentaren zum Brexit jetzt abendmilde schimmert. Ich fühle keine Wehmut, nur Wut: Großbritannien ist von zockenden Lügnern, leichtfertigen Clowns und ihren Claqueuren gekapert worden. Sie haben mein Europa kaputtgemacht, zu dem die Insel genauso gehörte wie Frankreich oder Deutschland.

Ein trunksüchtiger Prolet wie Nigel Farage, Anführer der Ukip-Party, hat ungezählte Lügen über die Europäische Union in die Welt gesetzt, aber er wäre nie auch nur in die Nähe von politischem Einfluss gelangt, hätten ihn die Torys nicht für ihre Machtkämpfe benutzt. David Cameron, Anführer der Konservativen, war so sehr in seine magischen Wahlkampfmomente verliebt, dass er meinte, in einigen wenigen Wochen vor dem Referendum die vielen Jahre wettmachen zu können, in denen er und seine Partei die EU zum Sündenbock für alles gemacht hatten, was auf der Insel schiefläuft, und das ist eine Menge. Als Boris Johnson sich schließlich zu entscheiden hatte, wo er in diesem Referendum stehen wollte, lagen zwei Texte zur Veröffentlichung in seinem Schreibtisch: einer für und einer gegen den Brexit. Das wäre so, als hätte Willy Brandt zwei Konzepte in der Schublade gehabt, eins für die Ostpolitik und eins dagegen. Oder Helmut Kohl hätte einen Plan für die Wiedervereinigung und einen dagegen gehabt. Das ist alles so lächerlich.

Johnson schickte einen roten Bus durchs Land, auf dem in sehr großen Buchstaben dermaßen dreist über den britischen EU-Beitrag und das heimische Gesundheitssystem NHS gelogen wurde, dass es selbst Farage zu viel war. Die Invasion von Millionen Muslimen aus der Türkei und dem Mittleren Osten wurde als beschlossener EU-Plan dargestellt, und die Risiken des Brexits systematisch kleingequatscht, weil die EU ja stärker auf Großbritannien angewiesen sei als umgekehrt. In Wahrheit jedoch ist Großbritannien für die EU nur der fünftgrößte Handelspartner, die EU für Großbritannien aber der größte.

»Take back control«, log Johnson den Bürgern vor, erreicht hat die britische Regierung freilich nur: take back control of our Schäufelchen und our kleine Sandburg. Was das wert ist, wenn es ernst wird, haben der Premier und seine Lurche kurz vor Weihnachten erfahren, als Frankreich den Kanaltunnel sperrte. Immerhin: Dass die französischen Austern und der Champagner knapp werden könnten, ist die einzige Sprache, welche die elitistischen Johnsons der Insel verstehen, das Brexit-Abkommen kam doch noch zustande. Ein zentraler Punkt darin ist jene das Vereinigte Königreich teilende Warengrenze zwischen Nordirland und Großbritannien, für die Johnson erst seine Vorgängerin Theresa May verteufelte, um sie als Premier in neuen Verhandlungen selbst zu akzeptieren, später dann zu leugnen und, als das nichts mehr half, sie zu brechen.

Aber Sarkasmus und Schadenfreude passen nicht zum Brexit, nur nacktes Entsetzen: Großbritannien verlässt als Erstes das Erasmus-Programm für die Auslandssemester aller europäischen Studenten. Zwei meiner Kinder haben solch ein Erasmus-Semester machen dürfen, es gibt nichts Besseres. Im Januar 2020 hatte Boris Johnson im Unterhaus hoch und heilig versprochen, Großbritannien bleibe Teil des Programms. Nun erklärte er, es sei zu teuer für sein Land. Noch Fragen?

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