Brief nach Bayern "Liebe CSU, du beflügelst Gewalt und Radikalisierung"

SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim ist Sohn von Einwanderern, die nicht aus dem "christlich-abendländischen Kulturkreis" stammen. Von den rechtspopulistischen Tönen der CSU fühlt er sich deshalb angesprochen - und antwortet ihr.
CSU-Chef Horst Seehofer

CSU-Chef Horst Seehofer

Foto: AFP

Liebe CSU,

moin nach Bayern! Ich lese, dein Vorstand hat am Wochenende ein Papier beschlossen, in dem es heißt: "In Zukunft muss gelten: Vorrang für Zuwanderer aus unserem christlich-abendländischen Kulturkreis." Gestatte mir ein paar Worte dazu, da ich mich mit Eltern, die eben nicht aus dem "christlich-abendländischen Kulturkreis" stammen und nach Deutschland eingewandert sind, angesprochen fühle.

Meine Familie hat in der Helmut-Kohl-Zeit jahrelang um die deutsche Staatsbürgerschaft kämpfen müssen. Schon damals ließen die Behörden uns spüren, dass wir als Zuwanderer nicht erwünscht sind. Mit deiner Äußerung bringst du diese Haltung auf den Punkt: Schweden, Norweger oder Engländer wären noch okay, aber Pakistaner, Nigerianer oder Chinesen?

In deiner Haltung, die du in einen Mantel der kulturellen Differenzierung hüllst, steckt eine hässliche Portion Rassismus. Und deine Spitze, liebe CSU, ist intelligent genug zu wissen, dass sie genau mit diesen rassistischen Elementen spielt, um Wähler am rechten Rand für sich zu gewinnen. 'Ist doch nur Wahlkampfgetöse', magst du mir jetzt antworten. Und: 'Fühlen Sie sich doch nicht gleich getroffen, Leute wie Sie meinen wir doch gar nicht!'

Die Grenzen des Sagbaren

Ich verstehe das, CSU. Du lotest nur die Grenzen des Sagbaren aus. Das ist die Masche von Rechtspopulisten, und du bist dir nicht zu schade, dich zu ihnen zu zählen. Aber weißt du, was das Problem ist? Viele deiner Fans nehmen deine Worte für bare Münze. Und weiß du, was sie dann tun? Sie fühlen sich von deiner feindseligen Rhetorik ermutigt, Menschen wie mich in der S-Bahn als "dreckiges Ausländerpack" zu beschimpfen. Menschen in aller Öffentlichkeit zu bespucken. Oder mich wissen zu lassen, man müsste mir "tüchtig eins in die Fresse hauen", wie mir einer deiner Fans per E-Mail schrieb, "weil Fremde wie du aus Deutschland rausgeprügelt gehören!"

Mit deinen Worten beförderst du eine Radikalisierung der Sprache, du beflügelst die Gewalttätigen. Und das alles nimmst du nur für deine absolute Mehrheit in Bayern in Kauf? Du willst wirklich nach "kultureigener" und "kulturfremder" Herkunft selektieren? Solch eine Haltung, liebe CSU, finde ich, ist einer Demokratie unwürdig. Das ist weder christlich noch sozial. Aber mir scheint, das interessiert dich nicht. Dir geht es nur um Aufmerksamkeit, um Zustimmung der dumpfen Wählerschaft.

Wir alle, du wie ich, wissen, dass es, was die Zuwanderung angeht, Herausforderungen gibt. Dass es zum Beispiel unter Muslimen Islamisten gibt, also Menschen, die den politischen Islam befürworten und eine Islamisierung aller gesellschaftlichen Bereiche wollen. Dass es unter diesen wiederum einen Teil gibt, der bereit ist, Gewalt anzuwenden. Wir müssen diese Terroristen gemeinsam bekämpfen.

Dazu wäre es nötig, gerade in den islamischen Ländern die demokratischen Kräfte zu stärken. Stattdessen stößt du alle, die nicht genauso sind wie du in deinem "christlich-abendländischen Kulturkreis", vor den Kopf. Für deinen eigenen kurzfristigen Erfolg opferst du etwas viel Größeres.

Diese Heuchelei ist man von dir leider gewöhnt. Denn natürlich müsste man zum Beispiel mit Saudi-Arabien, einem Land, dessen Staatsideologie jener der Terrororganisation "Islamischer Staat" gleicht, ganz anders umgehen. Du hingegen befürwortest Handel, ja sogar Waffenexporte dorthin, denn bei all dem Erdöl und all der Kaufkraft ist dir das Kulturfremde dann doch egal. Wenn's um den eigenen Wohlstand geht, ist der "Kulturkreis" plötzlich zweitrangig, gell?

Deutschland - und auch Bayern - wird immer bunter, liebe CSU. Immer mehr Menschen mit Wurzeln aus fremden Ländern nennen sich Deutsche. Und weißt du was? Das ist gut so. Es ist der Lauf der Dinge. Wir sollten das gemeinsam gestalten. Was sind deine konstruktiven Vorschläge?

Ein herzliches Grüß Gott und Asalamaleikum

Hasnain Kazim

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