Jakob Augstein

Brief an eine Leserin Das Gefühl der Ohnmacht

Trump, Rechtsruck, Brexit, Klimakrise - wir alle wollen uns manchmal am liebsten verkriechen. Aber gibt es in der Demokratie ein Recht auf Rückzug?
Foto: imago/Future Image

Neben der Betreuung dieser im Zweifel linken Kolumne bin ich, wie mancher vielleicht weiß, mit einer ohne Zweifel linken Wochenzeitung befasst, die zwar "Freitag" heißt, aber am Donnerstag erscheint.

Rätselhafte Welt der Medien. Nun erreichte mich neulich die Nachricht einer Leserin, in der sie uns ihren Entschluss mitteilte, ihr Abonnement zu kündigen.

Das gedruckte Wort hat es bekanntlich schwer. Alle sagen, das Internet sei schuld - es ist zwar toll, aber es zerstört auch. Strukturwandel heißt das.

Allerdings hat manches gedruckte Wort es besonders schwer. Dann ist vielleicht nicht nur der Strukturwandel schuld. Der "taz" zum Beispiel geht es so schlecht, dass sie darüber nachdenkt, ihre Papierausgabe an Werktagen einzustellen. Davon sind wir beim "Freitag" - noch? - weit entfernt. Aber Abokündigungen kommen leider auch bei uns vor.

Die Begründung der Leserin hatte es jedoch in sich. Man kann da etwas lernen, über Journalismus, Demokratie und bürgerliche Gesellschaft.

Die Leserin lobte uns zunächst für unsere Arbeit, schrieb dann aber:

"Dennoch lassen mich auch beim Freitag viele Beiträge ratlos und mit einem Gefühl der Ohnmacht zurück, welches mich lähmt und hoffnungslos macht.

Denn was kann ich tun, wenn ich zum Beispiel über die politischen Zustände in Südamerika lese? Nichts. Aber es macht mich trotzdem traurig.

Um meine Energie und Lebensfreude zu schützen, habe ich mich daher entschieden, auf radikale Medien-Abstinenz zu setzen und mich ausschließlich auf mein tatsächliches Leben und dessen Verbesserung für mich und alle, mit denen ich zu tun habe zu konzentrieren.

Wenn Sie für Menschen wie mich guten Qualitätsjournalismus bieten wollten, müssten Sie ein Blatt herausgeben, was ausschließlich über positive Dinge berichtet und zum Nachmachen und Aktivwerden ermutigt."

Das Positive? Da fällt einem natürlich gleich Erich Kästner ein, der 1930 geschrieben hat:

"Und immer wieder schickt ihr mir Briefe, in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
'Herr Kästner, wo bleibt das Positive?'
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.
…

Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln.
Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis.
Es gibt genug Lieferanten von Windeln.
Und manche liefern zum Selbstkostenpreis."

In diesem Ton wollte ich also antworten. Der werde ich, dachte ich, jetzt mal etwas erzählen, von Pflicht und Würde und Staatsbürgerlichkeit und ihr heimleuchten, dass es in der Demokratie kein Recht auf Rückzug gebe. Sich einfach in die Büsche des Privatlebens schlagen? Das wäre ja noch schöner! Ich bereitete mich darauf vor, sie kästnermäßig beim Portepee zu fassen:

"Noch immer räumt ihr dem Guten und Schönen den leeren Platz überm Sofa ein. Ihr wollt euch noch immer nicht dran gewöhnen, gescheit und trotzdem tapfer zu sein."

Denn tapfer muss man schon sein, als Demokratiebürger, tapfer gegen Trump und Brexit, gegen Merkel und Mercedes, gegen Nolz und Schahles."

Und ich wollte diese Leserin auch mal daran erinnern, was unsere Rolle als Journalisten dabei angeht. Weil wir doch alle in der Tradition von Joseph Görres stehen sollen: "Ich will der Welt kundig machen, was es ist was Reiche verdirbt, Völker zu Schanden macht, und Teutschland an den Rand des Unterganges gebracht."

Ich fing also an, das alles so aufzuschreiben. Und dann merkte ich, es geht nicht.

Stattdessen habe ich einfach die Wahrheit gesagt. Nämlich, dass ich sie verstehe, weil ich dieses Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins gut kenne. Und dass der Sinn unserer Arbeit als Journalisten bei dieser kleinen Wochenzeitung auch darin besteht, dass wir uns hier in der Redaktion untereinander und mit unseren Texten den Lesern zu Hause Halt geben.

Damit man nicht so allein ist mit dem Staunen - und dem Entsetzen -, das einen angesichts dieser Welt erfasst.