Briefe an Kohl Haben Sie eigentlich ein schlechtes Gewissen?

Sabrina (17) macht sich Sorgen darüber, dass Politik käuflich sein könnte. Wo bleibt dann die Demokratie? Die Spendenaffäre fördere die Politikverdrossenheit, und wenn Helmut Kohl der CDU mit dem Schwarzgeld etwas Gutes tun wollte, habe er nun genau das Gegenteil erreicht.


Sehr geehrter Herr Kohl,

ich werde in Kürze 18 Jahre alt und bin dadurch bei der nächsten Wahl ein Erstwähler. Da mache ich mir natürlich meine Gedanken darüber, welche Partei mich am besten vertreten könnte. Um uns über die Parteien zu informieren, haben wir im PB-Unterricht (Politische Bildung) Vorträge über die verschiedenen Parteien gehalten. Außerdem haben wir im Unterricht auch das Parteiengesetz durchgenommen. Als wir den Stoff beendet hatten, fingen die Diskussionen um den Parteispendenskandal an. Zu Anfang hat diesen kaum jemand so richtig ernst genommen. Als dann aber immer mehr von den Journalisten ans Tageslicht gebracht wurde, haben wir in fast jeder PB-Stunde darüber diskutiert. Als Vergleich zur aktuellen Situation behandelten wir im Unterricht die Flick-Affäre, die uns die Parteispendenaffäre und ihre Inhalte besser verstehen ließ.

Daraufhin stellten sich mir einige Fragen. Beispielsweise warum Sie, Herr Kohl, nicht aus der Flick-Affäre eine Lehre gezogen haben. Oder warum Parteien Geld über schwarze Konten beziehen, wenn sie sich doch durch den Staat und sonstige Gelder z.B. Spenden finanzieren können. Denken denn alle Menschen nur an das Geld und die Macht, die sie dadurch erhalten können? In den Augen der Öffentlichkeit sind doch die Politik und die Menschen, die Politik machen, noch korrupter geworden. Von vielen, die ich kenne und mit denen ich über diese Sache geredet habe, hörte ich den Satz: "Sobald die Politiker richtig Geld haben und die richtigen Beziehungen, können die sich doch alles erlauben." Hat somit ein Mensch, der viel Macht besitzt, auch gleichzeitig das Recht, das zu machen, wozu er Lust hat? Sie beispielsweise haben sich ja auch über das Gesetz gestellt, aber wenn das jeder machen würde, dann würde es, meiner Meinung nach, eine Katastrophe geben. Wozu sind denn Gesetze schließlich da?

Des Weiteren denke ich, ist ein Politiker der Vertreter des Volkes und muss diesem nach bestem Gewissen dienen. Haben Sie auch nur einen Augenblick einmal daran gedacht? Wenn man sich zum Beispiel meine Schule anschaut. Wir benötigen circa 12 Millionen um sie neu zu sanieren, da sie unter Denkmalschutz steht. Davon geht 1 Million schon allein für die Planung drauf. Um Ihnen die momentane Lage einmal zu verdeutlichen, werde ich einige Mängel anführen. Das größte Problem ist unsere Turnhalle. Wir haben eine wahre Schimmelpilzzucht an den Wänden und unter dem Dach des Gebäudes. Außerdem ist das Dach sehr undicht, wir könnten die Halle bei starkem Regen schon fast als Schwimmhalle verwenden und das ist bestimmt nicht übertrieben. Aber nicht nur unsere Sporthalle ist undicht, sondern auch unsere gesamten Fenster der Schule lassen den Regen an der Innenseite der Wände hinunterlaufen.

Ich frage mich auch, wo denn die Demokratie dabei bleibt, wenn politische Entscheidungen durch Spenden, die nicht im Rechenschaftsbericht auftauchen, käuflich sind. Dann machen also alle, die genug Geld in der Tasche haben, die Politik in unserem Land? Ich würde gern wissen, wie Sie sich jetzt fühlen, nachdem Sie Ihre Partei buchstäblich in den Dreck gezogen und nebenbei auch noch in den Ruin gestürzt haben. Wenn Sie Ihrer Partei etwas Gutes mit dem Geld tun wollten, haben Sie jetzt genau das Gegenteil erreicht. Haben Sie deshalb eigentlich ein schlechtes Gewissen? Denn über diesen Skandal wird man sicherlich noch in einigen Jahren reden und die CDU braucht diese Jahre auch, um ihren Ruf wiederherzustellen und das Vertrauen der Wähler wieder zu erlangen. Haben Sie eigentlich mal darüber nachgedacht, dass viele Wähler durch die von Skandalen geschürte Parteiverdrossenheit dazu übergehen werden, entweder überhaupt nicht mehr zu wählen oder ihre Stimme den rechtsextremistischen Parteien zu geben? Und das nur dadurch, weil sie von den anderen Parteien enttäuscht wurden. Haben Sie wirklich auch nur einen Augenblick geglaubt, dass die ganze Sache mit der Parteispendenaffäre nicht ans Licht kommt?

Zum Abschluss will ich Ihnen mitteilen, dass ich bei der Entscheidung, welcher Partei ich bei der nächsten Wahl meine Stimme und gleichzeitig mein Vertrauen schenken will, die in diesem Brief genannten Punkte berücksichtigen werde. Ich kann dazu nur sagen, dass die CDU dabei nicht sehr gut abschneiden wird.

Mit freundlichen Grüßen

Sabrina Gerth



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