Bruchlandung eines Regierungsjets Hinweise auf Wartungsfehler durch Lufthansa-Tochter

Im Fall der Bruchlandung eines Regierungsjets gibt es nach SPIEGEL-Informationen Hinweise auf Mängel während der Wartung bei einer Lufthansa-Tochter. Offenbar wurde ein Teil falsch eingebaut. Dem Konzern droht ein massiver Imageverlust.

Notlandung in Schönefeld
Marcel Russ

Notlandung in Schönefeld

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Der Luftfahrt-Konzern Lufthansa räumt erstmals ein, dass eine seiner Tochterfirmen für die Probleme und die gefährliche Notlandung eines Jets der Bundesregierung vor knapp zwei Wochen verantwortlich sein könnte.

"Wir haben die Berichte zu den möglichen Ursachen des Vorfalls genau gelesen und nehmen diese sehr ernst", sagte ein Sprecher der Lufthansa Technik auf eine SPIEGEL-Anfrage. Man werde deswegen die Wartungsarbeiten an der verunglückten Maschine durch eine Lufthansa-Tochtergesellschaft "auf das Gründlichste" überprüfen.

Der sogenannte Vorfall war die bisher gefährlichste Panne der Regierungsflotte überhaupt. Am vorvergangenen Dienstag hatten zwei Bundeswehrpiloten einen frisch gewarteten VIP-Jet vom Typ "Global 5000" bei Lufthansa Bombardier Aviation Services (LBAS) in Berlin abgeholt.

Das Joint Venture von Lufthansa und dem Hersteller der "Global 5000" wurde 1997 gegründet, die Kranich-Airline hält mit 51 Prozent die Mehrheit an dem Unternehmen.

Offenbar setzten Techniker ein Teil verkehrt ein

Nach dem Start in Richtung Köln verloren die erfahrenen Piloten sehr schnell die Kontrolle über den Jet. Ohne Steuereingabe aus dem Cockpit rollte die Maschine von rechts nach links, dabei kam es sogar zu einem gefährlichen Strömungsabriss.

Nachdem sich die Piloten zu einer sofortigen Notlandung in Schönefeld entschieden hatten, kamen sie in eine noch brenzligere Situation. Kurz vor dem Aufsetzen steuerte der Jet plötzlich stark nach rechts und verfehlte die Landebahn.

Die Situation geriet außer Kontrolle: Nachdem der Pilot den Jet mühsam auf dem Vorfeld des Airports auf den Boden bekam, schlitterte die Maschine über Rasen und Rollwege. Beide Tragflächen krachten auf den Boden und durchbrachen ein Hinweisschild.

Die Ermittler der Bundeswehr haben die Ursache der lebensgefährlichen Panne mittlerweile eingegrenzt. Bei Tests mit der Unglücksmaschine stellten sie nach SPIEGEL-Informationen schon am Tag nach dem Unglück fest, dass ein zentrales Teil für die Steuerung, im Fachjargon "torque tube assembly" genannt, offenbar bei der Wartung durch die Lufthansa-Tochter falsch eingebaut worden ist.

Das Bauteil ist zentral für die Steuerung des "Global"-Jets. Vereinfacht gesagt übersetzt es wie eine Art Kupplung die Steuerbefehle der Piloten für die Hydraulik des Fliegers, steuert das Ruder und die Spoiler-Klappen auf den Tragflächen an. Die Klappen verstärken die Rollbewegungen des Jets nach rechts und links.

Der General Flugsicherheit, der den schweren Zwischenfall für die Bundeswehr untersucht, hat mittlerweile die Wartungsunterlagen der Lufthansa-Tochterfirma LBAS beschlagnahmt. Die Papiere bestätigen, dass das Bauteil bei der Wartung in Berlin ausgetauscht wurde. Offenbar setzten Techniker das neue Teil jedoch falsch ein, so dass die Spoiler-Klappen seitenverkehrt reagierten und ein Lenken des Jets unmöglich machten.

Bei den Ermittlungen wird auch geprüft, ob die Piloten die falsche Einstellung der Spoiler vor dem Start hätten bemerken können. Nach Angaben von Insidern ist ein Test der Spoiler zwar Teil der sogenannten Check-Liste vor jeden Start. Allerdings können die Piloten bei dem Flugzeugtyp im Cockpit über eine Anzeige nur sehen, ob die Spoiler überhaupt funktionieren - aber nicht, auf welcher Seite sich die Klappen bewegen.

Ein PR-Desaster für Lufthansa

Für die Lufthansa ist der mögliche Wartungsfehler mehr als ein kleines Malheur. Schon kurz nach den ersten Berichten über die dramatische Notlandung schickte der Konzern aus Hamburg den Projektleiter für die Betreuung der sogenannten Weißen Flotte nach Berlin. Zusammen mit den Experten von Bombardier wurde umgehend ein Krisenstab aufgestellt, um die Ursachen und Folgen des gravierenden Fehlers zu untersuchen.

Als Premium-Unternehmen für die Ausrüstung von Privatflugzeugen ist die Panne für Lufthansa ein PR-Desaster. Ein solch lebensgefährlicher Lapsus, ausgerechnet bei der Wartung eines Regierungsflugzeugs, das regelmäßig von Kanzlerin Angela Merkel und ihren Ministern für Europaflüge benutzt wird, spricht sich bei der zahlungsstarken Kundschaft schnell herum.

Lufthansa kündigte deswegen auch eine interne Untersuchung an, um zu ermitteln, wie es zu der Panne kommen konnte. "Wir sind auch unabhängig von den behördlichen Nachforschungen dabei, die Arbeit bei unserem gemeinsam mit Bombardier und Execujet betriebenen Tochterunternehmen LBAS auf das Gründlichste zu untersuchen".

Video: Planespotter fotografiert Notlandung

Marcel Russ

Das Verteidigungsministerium wird die internen Recherchen der Lufthansa genau verfolgen. Umgehend nach dem Beinahe-Crash in Berlin-Schönefeld hatte Ministerin Ursula von der Leyen eine Überprüfung angeordnet, ob es bei der Wartung der Regierungsflieger durch Lufthansa abseits des Einzelfalls systemische Probleme gibt. Auch dazu soll der General Flugsicherheit in den nächsten Wochen einen Bericht abliefern

Die Luftwaffe geht bei den drei anderen "Global 5000"-Jets vorerst auf Nummer sicher. So sollen Techniker am Boden vor jedem Start optisch prüfen, ob die Spoiler auf den Tragflächen korrekt angesteuert werden. Da bisher bei den anderen Jets keine Auffälligkeiten entdeckt wurden, dürfen sie wieder fliegen. Einer der ersten Gäste war Wirtschaftsminister Peter Altmaier, er flog am Mittwoch mit einer "Global5000" nach China.

insgesamt 78 Beiträge
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VolkerSvoboda 26.04.2019
1. Kim Jong Un als Vorbild
Die deutschen Spitzenpolitiker sollten sich Kim Jong Un zum Vorbild nehmen: Nicht ohne Grund verschmäht dieser Flugzeuge jeder Art und reist lieber in seinem gepanzerten Sonderzug.
TS_Alien 26.04.2019
2.
Wie man ein wichtiges Bauteil überhaupt falsch einbauen kann, ist bereits absurd. Dass jedoch nach dem Austausch des Bauteils niemand die Reparatur überprüft und abnimmt, ist ein Wahnsinn.
Frietjoff 26.04.2019
3. Legt das Leben der Kanzlerin in die Hände irgendeines Subunternehmers!
Nochmal: Solche Aufgaben gehören nicht in die Hände eines Subunternehmers eines profitorientierten Unternehmens. Ja, ja, die Bundeswehr hat nicht Expertise, solche Wartungen selbst zu machen (oder wenigstens fachkundig zu überwachen), aber das ist eben das Problem.
conrath 26.04.2019
4. Mich wundert inzwischen in DE...
...gar nichts mehr. Fusch und mangelndes Verantwortungsbewusstsein sowie fehlende Sachkenntnis sind inzwischen in vielen Bereichen der Wirtschaft gang und gäbe. Wer so arbeitet, verliert mit Recht sein Image und den Job.
ackermart 26.04.2019
5. Bei so exklusiver Kundschaft ...
denkt man an weiland das Hoflieferantentum und die herrschaftliche Hoffnung, dass diese die Besten seien. Dabei wussten die wie noch heute wohl nur am besten, wer die wahren Hofnarren noch immer sind wie waren. Möge die Kundschaft dessen, an unsere so hochmögend fliegenden Herrschaften, nicht scheitern am leider auch noch nicht indessen verschwundenen Hofberichterstattertum.
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