Brüssel und der Brexit Der letzte Tag

Wie umgehen mit dem Ausstieg der Briten aus der EU? Der Brexit stellt die Spitzen der EU vor eine schwierige Aufgabe - auch symbolisch. Beobachtungen aus Brüssel.
Von Peter Müller, Brüssel
EU-Ratspräsident Michel, Parlamentspräsident Sassoli, Kommissionschefin von der Leyen: Was tun?

EU-Ratspräsident Michel, Parlamentspräsident Sassoli, Kommissionschefin von der Leyen: Was tun?

Foto: Francois Lenoir/ REUTERS

Am Vormittag des Tages, an dessen Ende die Briten die Europäische Union verlassen werden, stehen die drei Spitzen der EU-Institutionen auf einer kleinen Bühne und suchen nach Worten, die diesem Datum irgendwie gerecht werden sollen.

"Der heutige Tag stellt auch eine Wunde für uns dar", sagt Parlamentspräsident David Sassoli.

Ratspräsident Charles Michel gesteht "gemischte Gefühle" ein.

Und Ursula von der Leyen, die Chefin der EU-Kommission, spricht vom "neuen Kapitel", das die Europäer nun aufschlagen wollen.

Die drei stehen im Brüsseler Parlamentarium, einer Art Museum mit viel Hightech-Schnickschnack, wo sich Touristen ansonsten darüber informieren können, wie die EU funktioniert und wofür sie gut ist. An diesem Freitagvormittag wirkt es ein wenig so, als müssten auch die drei EU-Spitzenleute erst mal neue, überzeugende Antworten auf genau diese Frage finden. Was tun?

Während in London zumindest ein Teil der Bevölkerung feiert, als hätte eine Kolonie ihre Fesseln gesprengt, tun sich Brüssels Spitzenpolitiker schwer, die richtigen Worte für den Brexit zu finden. Die feierlichen Töne von "Auld Lang Syne" ("Nehmt Abschied, Brüder"), mit denen die EU-Parlamentarier am Mittwoch die Debatte zum Brexit beendeten, sind längst verklungen.

Am letzten Tag des Vereinigten Königreichs in der Gemeinschaft herrscht in der EU-Hauptstadt Katerstimmung. Und auch ein bisschen Nachdenklichkeit.

Zum ersten Mal verlässt ein Mitgliedstaat, zumal ein großer, die Gemeinschaft. Neben britischem Witz und Temperament verliert die EU:

  • 14 Prozent ihrer Wirtschaftskraft,

  • 13 Prozent ihrer Einwohner

  • und unschätzbar viel an diplomatischer und, ja, auch militärischer Schlagkraft.

Das Datum ist keines zum Feiern, das ist klar. Es gibt daher keine Gedenkveranstaltungen der EU-Spitze, keine offizielle Stunde, an der man sich der Briten erinnert. Die Pressekonferenz im Parlamentarium und ein paar Fernsehinterviews für die Abendnachrichten - für Kommissionschefin von der Leyen ist das zum Beispiel schon alles.

DER SPIEGEL

Die britische Flagge vor dem EU-Parlament soll freitags irgendwann am Ende des Arbeitstages eingeholt werden, wann genau wird nicht verraten. Trotzdem stehen schon am Vormittag Kameras bereit, um den Moment einzufangen. Später, das weiß man immerhin, wird eine der britischen Flaggen ins Haus der Europäischen Geschichte im Park nebenan gebracht. Das passt: Dort sind jetzt schon T-Shirts aus dem Referendums-Wahlkampf ausgestellt.

Die Briten in Brüssel teilen mit, dass ihre "Vertretung" künftig Botschaft heißen wird, und bitten, das Personal am letzten Tag nicht mit Kameras zu belästigen. Vor dem grauen Gebäude in der Avenue d'Auderghem ist am Freitagmittag tatsächlich nicht viel los, einzelne Passanten machen ein letztes Foto. Auch hier soll am Freitag noch eine Fahne eingerollt werden - das blaue Sternenbanner der EU.

Nun starten die Verhandlungen über die künftigen Beziehungen, und nach allem, was man hört, rechnet in Brüssel niemand damit, dass sie einfacher werden als die Scheidungsgespräche.

Die neue Woche wollen die neuen Nachbarn dann mit einer netten Geste starten: Für Montagabend lädt Tim Barrow, bisher ständiger Vertreter seines Landes bei der EU und künftig Botschafter, zu Drinks in seine Residenz ein. Die EU regelt derweil die praktischen Dinge. Im Rat, dem Gremium der Mitgliedstaaten, so berichtet es die "Financial Times", wurde am Donnerstag zur Sicherheit schon mal eine E-Mail verschickt, in der die Mitarbeiter aufgefordert werden, künftig keine vertraulichen Papiere mehr mit den Briten zu teilen.

Die Stadt Brüssel immerhin weiß, was sie dem historischen Datum schuldig ist. Am Donnerstagabend erstrahlt das Rathaus in den Farben des Union Jack, viele Bürger schauen trotz Dauernieselregens kurz vorbei. Im gotischen Saal empfängt der Bürgermeister britische Einwohner. Ausgerechnet dem Lokalpolitiker gelingt es, was den EU-Größen so schwerfällt, er findet die richtigen Worte für den historischen Tag. Philippe Close erinnert an die lange gemeinsame Geschichte - er beginnt bei der Schlacht von Waterloo vor den Toren Brüssels und vergisst auch die vielen Briten nicht, die im Ersten Weltkrieg in den Schützengräben Flanderns ihr Leben gelassen haben.

Eine Stunde später und ein paar U-Bahn-Stationen weiter feiert der Grünenabgeordnete Magid Magid aus Sheffield seine "Brexit's shit"-Party. Die Abschiedsfeier vermischt sich mit der lärmenden Party, mit der sich Parlamentspraktikanten am Place du Luxembourg regelmäßig ins Wochenende verabschieden.

Ein paar Schritte weiter hat die Grünenabgeordnete Ellie Chowns eine Art Vereinsheim für Segel- und Militärflieger angemietet. Hier üben Abgeordnete und EU-Personal zu den Klängen von "The Hoggies" schottische Tänze. Am Freitagabend lädt dann ein prominenter Brexit-Kritiker zur Vernissage. Die neue Ausstellung des Fotografen Wolfgang Tillmans startet offiziell am Samstag im Kulturzentrum Wiels. Ihr Titel: "Today is the first day".

All die großen und kleinen Events unterstreichen, wie schwer sich die EU damit tut, einen passenden Rahmen für den Brexit zu finden.

Der 31. Januar ist eine Zäsur, aber eine, die man erst mal kaum merkt. Mit dem Brexit beginnt die Übergangszeit bis Ende 2020, die EU-Regeln bleiben daher für die Briten erst mal in Kraft.

Dazu kommt, dass der schwierige Teil des Abschieds erst bevorsteht. Denn nun starten die Verhandlungen über die künftigen Beziehungen, und nach allem, was man hört, rechnet in Brüssel niemand damit, dass sie einfacher werden als die Scheidungsgespräche. Schon am Montag will Brexit-Unterhändler Michel Barnier verraten, wie er das Kunststück schaffen und bis Ende des Jahres ein Freihandelsabkommen mit den Briten auf die Beine stellen will.

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Das wüsste sicher auch Ursula von der Leyen gern.

Am Mittwochabend steht sie auf einer kleinen Bühne im Erdgeschoss des Berlaymont-Gebäudes, des mächtigen Sitzes der EU-Kommission. Die Kommissionspräsidentin hat zum Neujahrsempfang geladen. Eigentlich ein Grund für gute Laune. Das diplomatische Korps der EU-Hauptstadt ist in Limousinen vorgefahren worden, livrierte Kellner reichen Sushi und, etwas spärlich, andere Häppchen.

Von der Leyen kann nicht umhin, sie muss den Brexit ansprechen. Der Abschied von den Briten sei "emotional" und "schmerzhaft", sagt sie, und: "Wir werden immer Freunde bleiben." Am Montag will sie mit Vertretern der rund tausend Briten frühstücken, die weiterhin für die EU-Kommission arbeiten.

"Wir werden immer Freunde bleiben"

Wie schwer es ist, mit dem Brexit umzugehen, zeigte schon die Unterzeichnung des Austrittsabkommens durch von der Leyen und Ratspräsident Michel. Interessanterweise fand diese Zeremonie zu später Stunde irgendwann kurz nach Mitternacht am vergangenen Freitag im Ratsgebäude statt. Am Morgen gab es dann nur einen kurzen Tweet mit Foto, das die beiden bei der historischen Unterschrift zeigt, Brexit-Chefunterhändler Michel Barnier überwachte die Sache im Hintergrund.

Offiziell werden die Reisepläne der beiden EU-Spitzen als Grund für die seltsame Uhrzeit genannt. Doch es passte eben auch, den Akt ohne großen Kameraauflauf und sonstiges Brimborium zu vollziehen.

Ähnlich geschäftsmäßig nahm schon am Dienstag der letzte britische Minister Abschied von seinen Kollegen. Europaminister Christopher Pincher bat am Ende des Allgemeinen Rats um das Wort und sprach die letzten Sätze eines britischen Regierungsmitglieds bei einem offiziellen EU-Termin. Die Agenda des Treffens allerdings schien fast schon ein kleiner Nadelstich für die Briten zu sein.

Es ging um die "Konferenz zur Zukunft Europas".

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