BSE-Krise Mafiose Strukturen

Wenn sich die Futtermittelindustrie nicht radikal reformiert, wird die Ökowende scheitern


Der Forscher Klaus Hofmann hatte 19 deutsche Tiermehlsorten getestet und abends im Fernsehen angeprangert, dass fast ein Drittel nicht BSE-sicher hergestellt worden sei. Da klingelte am nächsten Morgen beim Beamten der Kulmbacher Bundesanstalt für Fleischforschung das Telefon.

Am anderen Ende der Leitung protestierte lautstark Staatssekretär Franz-Josef Feiter aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium und verlangte Korrektur ­ öffentlich, umgehend. Hofmanns Vergehen: Er hatte seine Anklage in der gleichen Sendung erhoben, in der Landwirtschaftsminister Jochen Borchert (CDU) deutsches Tiermehl mal wieder für "absolut sicher" erklärt hatte.

Das war im Februar 1997 ­ der Schutz für Schlamperei hat eben Tradition. Und wenn die Politik weiter akzeptiert, dass Mischfutter nicht sorgfältiger produziert, die Zutaten nicht gewissenhafter kontrolliert, die Inhaltsstoffe nicht genauer deklariert werden, scheitert die Wende in der Landwirtschaft schon am Anfang der Nahrungskette.

"Eine einzige Mischfutterpoke mit mafiosen Strukturen" nennt der Direktor der Radolfzeller Umweltstiftung Euronatur, Lutz Ribbe, die Branche. Es müsse endlich Schluss damit sein, dass in die Futterzutaten ­ weltweit möglichst billig zusammengekauft ­ hineingepanscht werde, was hineingehe.

Tatsächlich hatte die EU-Kommission Anfang der neunziger Jahre verboten, Klärschlamm, Kot und Urin ins Viehfutter zu kippen ­ ebenso Verpackungsmüll und Späne mit Holzschutzmitteln. Doch noch 1999 bilanzierte die Braunschweiger Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft, dass für den Futterzusatz Tiermehl auch fünf Prozent "Magen- und Darminhalte" verbraten werden; die Franzosen empörten sich im gleichen Jahr über Fleischmehlfabriken, die Klärschlamm untergerührt hatten. Auch Belgien hatte 1999 seinen Skandal: dioxinverseuchtes Fett im Hühnerfutter.

Begünstigt werden solche Ekel-Exzesse durch ein heilloses Durcheinander der Vorschriften. Nach einer Zählung des Agrarkritikers Ribbe gibt es auf EU-Ebene 62 Normen für Futtermittel. Nur bei der Deklaration, was das Futter enthält, setzte die Regelungswut plötzlich aus: Ab 1976 mussten die Zutaten auf den Sackanhängern nicht mehr prozentgenau aufgelistet werden ­ auf Druck der Industrie, gegen den Willen der deutschen Bauern.

1985 kehrten die Prozentzahlen auf die Futtertüten zurück, 1988 verschwanden sie erneut. Wie viel Weizen oder Rapsöl genau im Sack stecken, erfährt der Landwirt nun nicht mehr; nur für die Grundsubstanzen wie Rohproteine oder Rohfette gibt es noch Mengenangaben.

Dass etliche Viehfutterhersteller die Grauzone nutzen, zeigten Kontrollen des Veterinäruntersuchungsamts Potsdam. 1999 lagen bei einem Drittel der Proben die Inhaltsangaben um mehr als 15 Prozent neben der Wirklichkeit. In manchem Futter waren einige der deklarierten Stoffe sogar überhaupt nicht enthalten.

So gediehen Schlamperei und kriminelle Energie, besonders im Umgang mit dem BSE-Hochrisikostoff Tiermehl: Nicht nur, dass der Kulmbacher Forscher Hofmann deutsches Tiermehl fand, das nicht heiß genug hergestellt wurde, um mögliche BSE-Erreger abzutöten. Bis zum Tiermehlverbot im Dezember stellten Futtermittelfabrikanten auch in ein und derselben Anlage abwechselnd Schweine- und Rinderfutter her ­ das eine durfte Tiermehl enthalten, das andere nicht.

Die Folge: Obwohl seit 1994 strikt verboten, fanden etwa Wissenschaftler der Universität Hamburg bei Tests in 58 von 63 Rinderfuttermischungen tierische Bestandteile.

"Hinweise auf das Problem wurden nie ernst genommen", rüffelt Werner Kleinhanß von der Braunschweiger Bundesanstalt die Industrie. Doch deren Schuldbewusstsein ist begrenzt: "Ein Kraftfutterwerk ist nun mal keine Apotheke", doziert Hubert Grote, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Verbands Tiernahrung, der 300 der 510 deutschen Futterhersteller mit einer Jahresproduktion von knapp 19 Millionen Tonnen Mischfutter vertritt. Immerhin erwartet auch Dietrich Schwier, Marketingchef des Branchenführers Deuka in Düsseldorf, "dass die offene Deklaration jetzt kommen wird".

Ihre Nonchalance kann sich die Branche auch nur leisten, solange staatliche Kontrollen mangels Personal kaum stattfinden. Insider berichten, in einigen Bundesländern begnügten sich Kontrolleure oft mit einem Blick in die Wägungsbücher der Hersteller ­ geglaubt wie gesehen.

Dabei ließen sich unter dem Mikroskop noch Tiermehlspuren von 0,02 Prozent im Wiederkäuerfutter aufspüren. Doch schon 1997 zürnte die Fachgruppe Futtermittel im Verband der Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalten über das "Wegrationalisieren der Futtermittelmikroskopie".

So auch in der deutschen BSE-Hochburg Bayern. Dort wurde vor Jahren in der Landesanstalt für Ernährung die Mikroskopie dichtgemacht. Jetzt soll extra ein Mikroskopie-Spezialist aus dem Ruhestand zurückkehren, um neuen Mitarbeitern das Gerät zu erklären.

JÜRGEN DAHLKAMP, VOLKER MRASEK, NORBERT PÖTZL



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