BSE-Krise Ökolust statt Körnerfrust

Der Rinderwahn als Tschernobyl der deutschen Landwirtschaft: Nie standen die Zeichen für eine Wende so günstig wie jetzt. Die Regierung Schröder fordert von den Bauern eine naturnahe Agrarproduktion, doch die Verbraucher müssen entscheiden, was ihnen Essen ohne Angst wert ist.


Ein deutscher Landmann, das verlangt das Selbstverständnis, läuft nicht einmal vor Naturgewalten davon. Zwar hatten die 200 Bauern, die im "Dörps-Krog" in Rathjensdorf am Rande der Holsteinischen Schweiz mit der BSE-Krise haderten, über Stunden vermieden, auch nur ein Wort über die aktuellen Nachrichten zu verlieren.

Doch dann mochte Altbauer Werner Blöcker, 85, nicht länger kneifen. Nicht nur, klagte er, "dass unser Wohlstand von BSE belastet wird ­ ab heute kommt auch noch eine neue Agrarpolitik dazu". Die vom Kanzler geforderte ökologische Revolution in Stall und Scheune als Heimsuchung wie Hagelschlag und Seuche, Dürre und Hochwasser ­ da war Blöcker dankbarer Applaus sicher.

Andere, sonst ebenso störrisch wie die Holsteiner, sind da schon weiter. Selbst der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV) brauchte nur einen Tag der Besinnung. Dann versicherte Gerd Sonnleitner, Verbraucherschutz, Umweltschutz und Tierschutz seien "für uns immer schon die oberste Prämisse unseres Handelns gewesen".

Nachhaltig haben sich bei den 80 Millionen Deutschen die TV-Bilder der Rindviecher eingenistet, die Tag für Tag in Lkw verfrachtet und zur Schlachtbank gebracht werden. Sie trafen ein Volk in der Seele und machen einen Kulturbruch möglich: der Rinderwahn als Tschernobyl der Landwirtschaft, ein neues Verständnis von menschenwürdiger Ernährung setzt sich durch.

Anders als bei Pestiziden im Babybrei, Maden im Fisch, Dioxin-Hühnern oder hormongefütterten Turbo-Kälbern kann diese Krise nicht nach den alten Mustern relativ folgenlos ausgesessen und vergessen werden. Nur scheinbar ist das Szenario wie immer ­ die derzeit unverkäuflichen Rinder sollen zu Hunderttausenden getötet werden.

Diesmal überschlagen sich die Denkmodelle für eine bessere Zukunft: Da sind die bereits teilerprobten Vorschläge der nordrhein-westfälischen Umweltministerin Bärbel Höhn, die als eine Art Jeanne d'Arc der Hausfrauen gefeiert wird, da schrieben sich die Staatssekretäre Martin Wille (Landwirtschaft) und Rainer Baake (Umwelt) ihren Frust von der Seele, da hinterließ der bockige Ex-Amtsinhaber Karl-Heinz Funke einen Gegenentwurf.

Und im SPD-geführten Kanzleramt wie auch im Umweltministerium des CDU-regierten Saarlandes wurden nicht nur Visionen, sondern auch schon konkrete Schritte hin zu progressivem Landbau und verträglicher Agrarwirtschaft vorgeschlagen.

Im Papier des Kanzleramts steht bereits der Satz, den alle Anleitungen atmen und der über das bisher übliche Lavieren bei Skandalen weit hinausweist: "Man kann mit Recht von dem Ziel einer kulturellen Veränderung sprechen, das läuft auf eine noch nie da gewesene Unterstützungsaktion des Staates zu Gunsten der deutschen Landwirte hinaus."

Auf eines aber kommt es an: Verbraucher wie Bauern müssen die Wende auch wirklich wollen, nicht nur heute, sondern auf Dauer.

Noch fällt die Verständigung schwer. Es herrscht ein babylonischer Definitionswirrwarr. Da wird gestritten um "groß" oder "klein", "Bauernhof-Idylle" oder "Agrarfabriken", "ökologisch" und "naturnah". Sortiert wird nach Vorurteilen der Vergangenheit, in der nur diese eine Botschaft galt: "Wachsen oder weichen". Und in der das Geld nach dem Motto verteilt wurde: "Die Masse bringt's."

Es geht um 215 Milliarden Mark, die der agrarindustrielle Komplex hier zu Lande umsetzt, um rund 15 Milliarden Subventionen aus der Bundeskasse und weitere 15 Milliarden Mark aus den Töpfen der Europäischen Union. Es geht um Sieg oder Niederlage im Verteilungskrieg.

Der führte bisher zu Milchseen und Butterbergen, Stilllegungsprämien und Massenproduktionen. Die Ernährung der Deutschen wurde konsequent von Stall und Legebatterie aus gedacht ­ Landwirtschaft, der alltägliche Irrsinn.

Und jetzt, gab Schröder der Neuen, dem Großstadtkind Renate Künast, als Leitlinie der Zukunft vor, sei Agrarpolitik "von der Ladentheke her zu denken".

Ob das durchzuhalten ist, hängt wesentlich von der Beantwortung der beiden entscheidenden Fragen ab: Essen ohne Angst ­ was ist das den Deutschen wert? Und: Grüne Landwirtschaft ­ lässt sich die im Zeitalter der Globalisierung überhaupt rechnen und durchsetzen? Dass eine "Wende", wie sie Schröder fordert, oder wenigstens eine "Kurve", womit sein luxemburgischer Kollege Jean-Claude Junker EU-weit schon zufrieden wäre, möglich ist, glauben inzwischen viele Experten.

"Klasse statt Masse" lautet die Quintessenz aller Positionspapiere. Sie soll erreicht werden durch

· Abkehr von der Massentierhaltung ohne eigene Futterbasis;

· Abschied von der Prämierung bloßer Massenproduktion für den Weltmarkt;

· Beendigung der materiellen Benachteiligung der Bauern, die Natur- statt Kraftfutter verfüttern;

· Koppelung der landwirtschaftlichen Subventionen an Umwelt- und Qualitätskriterien;

· transparente Nahrungsmittelketten, die dem Verbraucher den Durchblick über Herkunft und Produktion erlauben;

· regionalisierte Märkte;

· Einführung einer Positivliste für Tierfutter.

Was jetzt als neuer deutscher Weg bejubelt wird, ist so revolutionär nicht. Einige Punkte waren schon in der Agenda 2000 enthalten, mit der die Europäische Union die Agrarpolitik neu ordnen wollte ­ doch vor allem der französische und auch der deutsche Landwirtschaftsminister leisteten erbitterten Widerstand.

Und Ende 1999 hatten die Außenministerien beider Länder ebenfalls schon eine Kehrtwende der EU-Agrarpolitik angemahnt. Eine Förderpolitik, die ohne Rücksicht auf die Qualität der Produkte fortwährend Überschüsse stimuliere und dabei systematisch große Betriebe zu Lasten der kleinen stütze, sei im Zeichen von EU-Osterweiterung und grenzenlosem Handel nicht durchzuhalten.

Alle Beihilfen sollen "von der Produktion abgekoppelt" und stattdessen an Umwelt- und Qualitätskriterien gebunden werden. Dazu kämen Prämien für neue Arbeitsplätze, von denen in kleinen Betrieben mehr entstehen als in den großen automatisierten Fabriken.

Die Agrarlobby wird mit dem Verweis auf einen Zangenangriff von außen geködert: Die geltenden Vereinbarungen mit der Welthandelsorganisation WTO lassen die derzeitige Förderpraxis ohnehin nur noch bis zum Jahr 2003 zu. Und die bevorstehende EU-Erweiterung mit den landwirtschaftlich geprägten Beitrittskandidaten Polen und Ungarn werde die Fördertöpfe sprengen.

Die Angst, die EU-Bürokraten könnten den neuen Reformeifer der Deutschen ausbremsen, ist unbegründet. Von den inzwischen etwa 86 Milliarden Mark, die jährlich die gemeinsame EU-Agrarpolitik verschlingt, können die Mitgliedsländer rund zehn Prozent für die Entwicklung des ländlichen Raums aufwenden. Seit der Verabschiedung der Agenda 2000 im Frühjahr 1999 kann sich Deutschland aus diesem Topf jährlich etwa 700 Millionen Mark greifen. Doch die Mittel für den Sektor ökologischer Landbau dümpelten auch bei Rot-Grün unter der Wahrnehmungsgrenze.

In Kombination mit nationalen Fördermitteln wäre also vorerst genug Geld für den Neuanfang da, es müsste nur noch konsequent eingesetzt werden. In einem internen Papier rechneten Beamte des parteilosen saarländischen Umweltministers Stefan Mörsdorf für einen real existierenden 105-Hektar-Betrieb einmal aus, wie sich die Förderung nach Umsetzung ihrer Vorschläge ändern würde.

Der Hof (35 Milchkühe, 60 Rinder, 20 Kälber) erhielt im Jahr 2000 nach insgesamt sechs Kriterien eine Gesamtsubvention von 93 646 Mark. Nach dem neuen Konzept ergäben sich 42 000 Mark Grundförderung, 30 000 Mark an Ökoprämie sowie 13 000 Mark Sondersubventionen ­ insgesamt also ein Zuschuss von 85 000 Mark. Die Differenz müsste der Hof über höhere Produktpreise wieder reinholen.

Den Preis für das Fleisch treiben zusätzlich die höheren Produktionskosten bei ökologischem Betrieb. Der Fleischverbund Thönes aus Wachtendonk, der Tiere aus naturnaher Produktion vermarktet, beziffert die Erzeugungskosten eines Mastschweins, das dem Billig-Standard des Supermarkts entspricht, mit 264 Mark; "Natur"-Schweine aber kosten den Mäster 533 Mark. Bei Rindern stehen den 1793 Mark der Billigversion 2222 bei naturnaher Erzeugung gegenüber.

Was nun die Hausfrau im Supermarkt, in der Metzgerei oder im Bioshop für Schnitzel und Steak zahlen muss, ist derzeit nur ungefähr zu beziffern. Massenfleisch, sagt Thomas Thönes, sei in Fachgeschäften bis zu 30 Prozent günstiger zu haben, im Einkaufsmarkt, der seinen Preiskampf über die Fleischtheke führe, mitunter gar für weniger als die Hälfte.

Damit der Griff nicht wie bisher fast automatisch zum Billigangebot geht, haben auch die Strategen im Kanzleramt erkannt, bedürfe es wohl eines "massiven mehrjährigen PR-Programms".

Dabei sind zunächst einmal die Begriffe zu klären. "Ökobauer" oder "Biolandwirt" setzen eine ausschließlich biologische Anbau- und Zuchtweise voraus. Der Aufwand dafür ist so groß, die Produkte sind letztlich so teuer, dass selbst die optimistischsten Reformer hierfür bis zum Jahr 2005 nur einen Marktanteil von zehn Prozent für denkbar halten.

Entscheidend für die Akzeptanz gesunder Nahrungsmittel wird also sein, wie die Produkte der gewünschten naturnahen Landwirtschaft den übrigen Markt von dann 90 Prozent erobern können. Erfahrungen dafür fehlen, es sind allenfalls Prognosen möglich, die sich an das Kaufverhalten für Ökoprodukte anlehnen.

"Wir wissen ganz genau, was der Verbraucher will", sagt Professor Stephan Dabbert, Experte für Ökolandbau von der Universität Hohenheim. "Das Produkt darf nicht mehr als 30 Prozent teurer sein als das normale, es muss im Supermarkt erhältlich sein, es muss ein großes Sortiment geben, und es muss ganz leicht als Bio erkennbar sein."

Gefordert ist also ein Deklarierungssystem, das, wie Bärbel Höhn fordert, "etwas über die Produktionsweise und die Inhaltsstoffe aussagt". Das allein reicht aber nicht: Nach den Schlampereien bei der Überprüfung der Futtermittelherstellung wird viel Geld nötig sein, um das Vertrauen des Konsumenten in wesentlich verbesserte Kontrollen zurückzugewinnen.

Selbstverständlich aber wird der Griff zum guten Stück Fleisch künftig nur, wenn tatsächlich eine Änderung im Bewusstsein des Verbrauchers eintritt. "Auf Dauer hat sich am Kaufverhalten nie etwas grundlegend geändert", warnt Christoph Römer, Ernährungsexperte der Berliner Verbraucherzentrale.

Gegen die Hoffnung, dass nun alles besser, bewusster, alles Bio wird, spricht auch die Tatsache, dass die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) vor 15 Jahren noch einen gleich großen Markt in der Discount-, Mittel- und Premium-Preisklasse ausgemacht hatte, das Geschäft jedoch inzwischen in der Mitte auseinander riss. Nach Beobachtungen von CMA-Geschäftsführer Hans Otzen legte auch die Gourmet-Klasse zu; doch die sattesten Umsatzzuwächse machten die Supermarktketten mit Billigfleisch.

"50 Prozent der Verbraucher kaufen immer nur über den Preis, das ist ein unerschütterlicher Wert", bilanziert Elmar Damke, Sprecher beim Ökoschlachter Thönes. Das sind die Konsumenten, die es einfach klasse finden, dass sich ein Industriearbeiter in den fünfziger Jahren vom Stundenlohn nur acht Eier kaufen konnte ­ der heute für 136 Eier reicht.

Mehr zahlen für ein Stück Lebenskraft vom Biohof wollen bisher nur 2,5 Prozent der Deutschen. Doch Barbara Bujny, Ernährungswissenschaftlerin in der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, hat allein in den sechs Wochen BSE-Krise 100 Broschüren mit den Adressen der Düsseldorfer Ökobetriebe verkauft, in den Zeiten vor dem ersten deutschen Rinderwahn-Fall waren es im vergleichbaren Zeitraum gerade mal 20.

Aber die Bewährungsprobe für alle hehren Ziele bleibt der Markt, und nie war er für eine Umkehr so schwierig wie jetzt. Solange sich Supermarktketten wie Wal-Mart und Metro bekriegen und um Pfennig-Bruchteile feilschen, ist der Druck aufs Agro-Biotop und seine wohlfeilen Erzeugnisse gewaltig. "Da ist es kaum möglich, ökologische Produkte zu vermarkten", ahnt Thomas Dosch, Vorstandsmitglied von "Bioland", dem größten Verbund von Ökolandwirten in Deutschland. Er erwartet bei der Operation Verbraucher jedenfalls keinen schnellen Erfolg. "Die Erfahrung lehrt, dass es fünf bis acht Jahre dauert, bis die Kunden gute Vorsätze auch tatsächlich umsetzen."

Hinzu kommt: Nirgendwo sonst in Europa ist Biolandbau so hochgradig ideologisch belastet. "Öko riecht immer noch nach Askese, dafür kann man junge Leute nicht begeistern", sagt Professor Ulrich Hamm von der Fachhochschule Neubrandenburg. "Die Werbung sollte besser Genuss ohne Reue rüberbringen."

Moderne Ökolust statt Körnerfrust. Genau in diese Ecke sollten Maßnahmen der Regierung zielen, so Hamm. "Die Förderung muss in die Vermarktung gehen, nicht in die Produktion."

Praktiker wie Dosch fordern vehement jene Imagekampagne, über die im Kanzleramt auch schon nachgedacht wurde. Dosch wünscht sich, die Regierung möge die Republik mit Broschüren bombardieren wie einst in Sachen Gentechnik, "in jedes Zugabteil eine". So ein Werbefeldzug würde auch Thönes-Sprecher Damke gefallen, denn: "Bei einem IQ ab 100 steigt die Chance, dass einer Biofleisch kauft."

Dabei waren die Deutschen schon mal weiter, galten vor zehn Jahren in Europa gar als führend. Heute ist man in Dänemark oder Österreich dem Ziel viel näher, dass 10 Prozent der landwirtschaftlichen Naturfläche Bioland sein sollte ­ Deutschland blieb bei 2,6 Prozent hängen. Man streitet sich lieber, was nun wirklich ökologisch ist und was nicht.

So mancher Naturschützer träumt noch immer vom kleinen romantischen Bauernhof. Die meisten der bislang auf Ökowirtschaft umgestellten Betriebe sind auch eher klein. Aber in Mecklenburg-Vorpommern, wo der Ökolandbau flächenmäßig am stärksten ist, und in Brandenburg haben sich riesige Ex-LPGs mit Tausenden von Hektar und Tieren dazu entschlossen, ökologisch zu wirtschaften. "Die Betriebe müssen effizient sein", fordert Professor Dabbert. "Ein Biobauer muss nicht die Vorfahren seiner 15 Kühe bis ins dritte Glied kennen, ein Landwirt mit 500 Kühen kann genauso ökologisch wirtschaften."

Entscheidend ist, welcher Betrieb genug Reserven hat, die zweijährige Umstellungsphase durchzustehen. Denn da werden die Produkte zwar schon teurer hergestellt, können aber nur zum alten, niedrigen Preis verkauft werden. Was beim Ackerbau noch relativ einfach geht, ist für Tiermastbetriebe, wie sie im Raum Weser-Ems weit verbreitet sind, wesentlich problematischer.

"Die dortige Landwirtschaft ist gefangen im festgelegten Kapital", sagt Ulrich Ebert vom Ökoring Niedersachsen, einer Beratungsstelle für ökologischen Landbau in Walsrode. Die Betriebe haben riesige Ställe, die sie nach Maßgabe der Ökoverbände umbauen müssten, um mit deren Siegel vermarkten zu dürfen. Licht und Luft müssten hinein, Vollspaltenböden beseitigt werden, und die Tiere brauchen Platz ­ da sind schnell 400 000 Mark verbaut.

Aber selbst solche Problembetriebe kommen kaum an einer Kurskorrektur vorbei, sollte der Weg in eine gesündere Zukunft so dynamisch verlaufen, wie es sich das saarländische Umweltministerium wünscht. Dort träumen die Experten gar davon, die konventionelle gegen die naturnahe Landwirtschaft EU-weit einzutauschen wie bald die Mark gegen den Euro. Als Termin für eine schlagartige Umstellung der Agrarsubventionen schlagen sie den 1. Januar 2002 oder wegen der zu erwartenden EU-Ost-Erweiterung den 1. Januar 2006 vor.

Ähnlichen Vortrieb entwickelt auch die EU-Kommission. "Die Qualität braucht eine Chance", sagt Agrarkommissar Franz Fischler. Er wird in dieser Woche auf der "Grünen Woche" in Berlin eine Grundsatzrede über den Aufbruch halten, er will über die Rückgewinnung von Naturkreisläufen in der Landwirtschaft sprechen, wird Fragen aufwerfen über den Nutzen der Bauern für die Gesellschaft, aber auch über die Zwänge, denen sich Europa auf dem Weltmarkt ausgesetzt sieht.

Immerhin gilt auch Deutschland als eine Größe im Spiel. Die Bundesrepublik ist nach Frankreich der zweitgrößte Rindfleischproduzent innerhalb der Gemeinschaft. Von den 7,6 Millionen Tonnen Rind- und Kalbfleisch in der EU werden auf deutschem Boden fast 1,4 Millionen jedes Jahr erzeugt. Auch die ostdeutschen Getreidebauern mit großen Hektarflächen gelten nach den EU-Maßstäben als weltmarktfähig.

Ganz neue Zwänge für die heimische bäuerliche Landwirtschaft wird es in wenigen Jahren nach der Ost-Erweiterung geben, wenn die gewichtigen Agrarmärkte der osteuropäischen Nachbarn wie Polen, Ungarn oder Tschechien in den EU-Binnenraum integriert sein werden. Sind ihre Waren erst einmal auf europäischen Standard gebracht, sehen sie eine Riesenchance im Ökomarkt.

Polnische Bauernhöfe haben vielfach nur zwei oder drei Rinder, ihre Kühe grasen auf der Weide, für Kraftfutter oder Fleischdopingmittel fehlt häufig das Geld, sie haben riesige Flächen für naturnahe Geflügelhaltung und viele Arbeitskräfte ­ ideale Ausgangsbedingungen also für die ökologische Wirtschaft.

Der mögliche Biodruck aus dem Osten müsse für den Westen jedoch nicht zwangsläufig wieder zur naturfernen Massenproduktion zurückführen, meint Agrarkommissar Fischler: "Mit dem neuen Qualitätsverständnis erhält die Nähe zwischen Konsument und Agrarproduzent wieder mehr Bedeutung. Die regionalen Qualitätsmärkte haben Zukunft."

Weil also die Vorzeichen so günstig wie nie stehen, soll jetzt, so heißt es im Kanzleramtspapier, mit dem Bauernverband, der immer mehr "zum Problem wird, öffentlich Tacheles geredet werden".

Die Gelegenheit dazu könnte schnell kommen. Wenn nicht bald etwas passiere, kündigte DBV-Vizepräsident Wilhelm Niemeyer erregt an, "werden wir auf den Bundesstraßen, auf den Autobahnen frei laufende Kühe, Jungrinder und Bullen zu erwarten haben". Des deutschen Landmanns liebste Tiere als lebende Schikanen ­ das wäre so, als hätten vor vier Monaten die Spediteure bei der Besetzung der Hauptstadt ihre Lkw einfach stehen lassen und wären nach Hause gegangen.

Den überkommenen Vorstellungen möchte die Regierung ihr "Leitbild: Biobauer" entgegensetzen. Denn auch auf dem Land hat der Generationswechsel längst begonnen. Die jungen Herren auf den Höfen sind meist gut ausgebildet, haben oft sogar studiert.

Eine solche Konstellation hat schon einmal einen ganzen Erwerbszweig aus der Krise geführt ­ die Winzer nach dem Glykolskandal. Die Jungwinzer hatten sich nach der Übernahme der Weingüter auf die alten Anbaurezepte besonnen und trotz höherer Preise den Markt nach und nach mit Qualität zurückerobert.

Der Umbau der Landwirtschaft, sagt Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsminister Johann Konrad Keller (SPD), habe eine weitaus größere Dimension. "Das ist vergleichbar mit dem Ausstieg aus der Atomenergie." Da gebe es nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische und soziale Aspekte. Es bedürfe eines politischen Diskurses, der Zeit brauche: "Das wird ein Prozess von mindestens zehn Jahren."

Gerade der Osten Deutschlands, sagt Keller, lege Wert darauf, dass es gelinge, eine europaweite Zielsetzung hinzukriegen. Bei einem Alleingang würden sonst die Mitbewerber "die von uns aufgegebenen Märkte besetzen ­ mit gravierenden sozialen Problemen für unsere ländlichen Gebiete".

Dass es womöglich notwendig sein wird, Druck auf die Nachbarn auszuüben, haben auch Schröders Vordenker erkannt. Sollten andere den Weg in die neue deutsche Biowelt nicht mitgehen wollen, empfehlen sie, müsse das europäische Exportland Nummer eins prüfen, "ob Importverbote ausgesprochen werden".

DIRK LAABS, CORDULA MEYER, CONNY NEUMANN, IRINA REPKE, HEINER SCHIMMÖLLER, BARBARA SCHMID, FELIX ZIMMERMANN



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