BSE Während die Politiker streiten, sterben die Rinder

Von einem BSE-Hof im bayerischen Sigmarszell ist am Morgen eine Herde von 72 Tieren zur Tötung abgeholt worden. Unter dem Protest von rund hundert Bauern. Derweil geht die Debatte um die Massentötungen weiter.





Renate Künast verteidigt die Herdentötung
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Renate Künast verteidigt die Herdentötung

Berlin - SPD-Fraktionsvize Michael Müller sprach sich dafür aus, das Keulen zunächst auszusetzen. "Solange die Übertragungs- und Verbreitungswege nicht genau erforscht sind, sollten wir das Töten von Rindern stoppen, sie aber entsprechend isolieren", sagte er der Kölner Tageszeitung "Express". In der Nacht zum Dienstag protestierten rund hundert Landwirte im bayrischen Sigmarszell bei Lindau gegen die Tötung ganzer Rinderherden. Dort wurden 72 Rinder eines Hofes, auf dem bei einem Tier die Rinderseuche festgestellt worden war, am frühen Morgen zur Tötung abtransportiert.

In drei Lastwagen wurden sie zur Tierkörperbeseitigungsanstalt in Kraftisried gebracht. Noch am Dienstagmorgen sollten die Tiere nach Angaben des Amtstierarztes getötet werden. Die Hirnproben würden anschließend in der Landesuntersuchungsanstalt in Schleißheim bei München analysiert.

Versetzen deutsche Politiker in Panik: Angsterreger Kühe
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Die neue Ministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft, Renate Künast (Grüne), hatte am Montag ungeachtet massiver Bauernproteste erklärt, sie halte angesichts des derzeitigen Kenntnisstandes an der Tötung ganzer Rinderbestände fest, auch wenn nur ein Tier mit BSE infiziert ist.

Die Bundesanstalt für Fleischforschung (Kulmbach) rechnet bis zum Jahresende in Deutschland mit 200 bis 500 BSE-Fällen bei Rindern. Diese Prognose ergebe sich, wenn man die Zahl der bisher durchgeführten BSE-Tests mit der Zahl der diagnostizierten Krankheitsfälle vergleiche und Erfahrungswerte aus anderen EU-Ländern heranziehe, sagte der BSE-Experte der Behörde, Manfred Gareis, der "Berliner Zeitung". In Deutschland werde Rinderwahnsinn nicht das Ausmaß wie in Großbritannien annehmen, wo bisher insgesamt 170.000 BSE-Fälle registriert seien.

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Essen Sie noch Rindfleisch?

Müller lehnte den Vorschlag ab, getestetes Rindfleisch ins Ausland zu exportieren. "Warum sollten die Menschen in ärmeren Ländern das Fleisch essen, das wir nicht wollen, weil es uns nicht sicher genug ist? Ich habe gegen solche Ideen erhebliche ethische Bedenken. Wir wissen noch immer nicht, wie BSE überhaupt übertragen wird." Auch die designierte Grünen-Chefin Claudia Roth sagte: "Ich finde es eigenartig und etwas zynisch, in einer Situation der Verunsicherung und der Angst vor Rindfleisch auf die Idee zu kommen, das Fleisch im Ausland zu verkaufen und noch einen Profit daraus zu machen."

Entsprechende Vorschläge hatten der Grünen-Haushaltspolitiker Matthias Berninger und auch der Berliner CSU-Landesgruppenchef Michael Glos gemacht.

Agrar-Staatssekretär Gerald Thalheim (SPD) machte die großen Einzelhandelsketten für die Ausbreitung von BSE mit verantwortlich. Der eigentliche Druck auf die Bauern, ihre Produkte zu den billigsten Preisen herzustellen, komme vom Lebensmitteleinzelhandel, sagte er der Chemnitzer "Freien Presse". Die Ketten "tragen ein gewisses Maß an Mitschuld für den BSE-Skandal". Mit dem "Ramsch auf der Ladentheke" seien die gesundheitlichen Gefahren für die Verbraucher wissentlich in Kauf genommen worden.

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