Buback-Mord "Geballert hat die Sola"

Neue Spekulation über den RAF-Mord an Siegfried Buback: Der verstorbene Verfassungsschützer Christian Lochte soll Verena Becker als Täterin und frühe Konfidentin des Verfassungsschutzes genannt haben. Doch wie glaubwürdig sind die Aussagen?
Ex-RAF-Mitglied Becker (vor Gericht in Stammheim): Spekulationen über Spekulationen

Ex-RAF-Mitglied Becker (vor Gericht in Stammheim): Spekulationen über Spekulationen

Foto: THOMAS KIENZLE/ AFP

Hamburg - Tote Zeugen sind zweifelhafte Zeugen. Dies gilt selbst für sehr gut informierte Verfassungsschützer. Christian Lochte starb 1991 im Alter von 55 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war der Jurist zehn Jahre Chef des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz und hatte sich durch unkonventionelle und liberale Ansichten ausgezeichnet.

RAF

Siegfried Buback

Nun hat ein ehemaliger enger Freunde von Lochte, der Hamburger Journalist Nils von der Heyde, öffentlich gemacht, was Lochte ihm über einen der spektakulärsten Mordfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte erzählt hat, über den -Mord an Generalbundesanwalt und seinen beiden Begleitern, am 7. April 1977 in Karlsruhe.

Verena Becker

Von der Heyde bezeichnete am Montag in einem Pressegespräch im Hamburger Institut für Sozialforschung als die Mörderin Bubacks. "Die Sola hat geballert", habe ihm Lochte erzählt, so von der Heyde. "Sola" sei der Deckname von Verena Becker bei der anarchistischen Terrorgruppe "Bewegung 2. Juni" gewesen, der sie vor ihrem Beitritt zur RAF angehört hatte.

Hat Becker seit 1976 für den Verfassungsschutz gearbeitet?

Er sei an jenem Gründonnerstag, an dem Buback ermordet wurde, in Bonn gewesen, berichtete von der Heyde, und habe als Chefreporter der "Bild"-Zeitung ein Visum für eine Reise nach Iran abgeholt. Dorthin sei er auch am Karfreitag aufgebrochen, habe aber mit seinem Freund Lochte aus Teheran telefoniert. Er habe den Verfassungsschützer gefragt: "Stichwort Buback, wer war es?" - "Die Sola" - "Aber seit gestern werden doch Folkerts, Klar und Sonnenberg gesucht?" Lochte habe geantwortet: "Entweder läuft da eine Intrige, oder der Boeden hat es vermarmelt." Gerhard Boeden war damals Leiter der Abteilung Terrorismus im Bundeskriminalamt (BKA).

Als er eine Woche später wieder nach Hamburg zurückgekehrt sei, habe Lochte ihm erklärt, er sei "erschüttert, weil ich fest glaubte, der Maier würde sie kontrollieren, er hätte sie im Griff". Richard Maier war zu dieser Zeit Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. "Sie hat für Euch gearbeitet?", habe von der Heyde Lochte gefragt. Der habe geantwortet: "So ist es. Mindestens seit einem Jahr."

Dies hieße, dass Becker mindestens seit 1976 ihre RAF-Genossinen und Genossen verraten hätte. Die Aussagen des Journalisten von der Heyde sind Wasser auf die Mühlen Michael Bubacks, der fest daran glaubt, dass Becker seinen Vater erschossen hat. Außerdem hat er schon lange vermutet, dass Becker nicht erst im Herbst 1981 mit dem Verfassungsschutz kooperiert hat. Stasi-Akten stützen seiner Meinung nach diese Hypothese.

Im Herbst 1981 - das ist unstrittig - offenbarte sich Verena Becker dem Verfassungsschutz und machte umfangreiche Aussagen. Sie bekam dafür Geld und wurde, obwohl sie zu zwei Mal lebenslang verurteilt worden war, nach weniger als zehn Jahren von Bundespräsident Richard von Weizsäcker begnadigt.

"Verfolgung der Wahrheit endet an einer Mauer"

Eine frühere Kooperation der Terroristin mit dem Verfassungsschutz wäre Dynamit. Dann wären Verfassungsschützer möglicherweise in die Aktionsplanung der RAF eingeweiht gewesen. Und hätten vielleicht nicht eingegriffen, um ihre wertvolle Quelle nicht zu gefährden. Oder Becker hätte die Pläne der RAF den Verfassungsschützern verschwiegen.

Peter-Jürgen Boock

Stefan Wisniewski

Spekulationen über Spekulationen. Der ehemalige RAF-Mann hat gerade wieder seine Vermutung bestätigt, dass das RAF-Mitglied bei dem Mordkommando dabei war. Brigitte Mohnhaupt, die zum Zeitpunkt der Tat in Amsterdam war, wurde dafür zu lebenslanger Haft verurteilt. Knut Folkerts, der sagt, er sei zum Zeitpunkt der Karlsruher Morde in Köln gewesen, bekam ebenfalls lebenslang. Der dritte mit lebenslang war Christian Klar, der wiederum laut Boock nicht dabei war.

Die Ermittlungen gegen Verena Becker und Günter Sonnenberg hingegen, die bei ihrer Verhaftung die Tatwaffe dabei hatten, stellte die Bundesanwaltschaft ein. Rätsel über Rätsel.

Michael Buback

Nachdem von der Heyde vor nicht langer Zeit seine brisanten Erinnerungen an übermittelt hatte, teilte er dem Oberlandesgericht Stuttgart mit, dass er in dem laufenden Verfahren gegen Verena Becker in Stuttgart als Zeuge aussagen wolle. Bisher bekam er keine Reaktion vom Gericht.

Bubacks Anwalt wandte sich an den Hamburger Verfassungsschutz mit der Frage, ob es Akten zu Verena Becker gäbe. Etwa 300 Bände, in denen auch Becker auftauche, antworteten die Verfassungsschützer. Sie könnten aber nicht für etliche Monate einen Sachbearbeiter für die Durchsicht der Akten abstellen.

Nils von der Heyde berichtete, dass Lochtes Amtsvorgänger Hans Josef Horchem dessen Version bestätigt habe. Warum er diese brisanten Äußerungen nicht schon viel früher veröffentlich habe, wurde er gefragt. "Ich war schon damals der Meinung", sagte der ehemalige Journalist, "dass die Verfolgung der Wahrheit an einer Mauer enden würde."

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