Wulff-Buch schildert Unions-Innenleben "Politik ist ein brutales Geschäft"

Exbundespräsident Christian Wulff und die CDU/CSU: In seinem Buch "Ganz oben Ganz unten" werden auch einige pikante Details aus dem Innenleben der Unionsparteien geschildert.

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Berlin - Am 31. Mai 2010 lud Horst Köhler die Hauptstadtpresse ins Schloss Bellevue. Nach wenigen Minuten war alles vorüber, der Bundespräsident trat zurück, völlig überraschend. Bereits am 1. Juni nachmittags ereilte Christian Wulff ein Anruf der Kanzlerin: "Ob ich es einrichten könne, am selben Abend ins Kanzleramt zu kommen."

So erinnert sich Wulff in "Ganz oben Ganz unten" an den entscheidenden Augenblick, der sein Leben verändern sollte. Das Buch ist nicht nur eine scharfe Abrechnung mit Medien und Justiz und ein selbstkritisches Bekenntnis zu eigenen Fehlern. Es eröffnet in einigen Passagen auch einen selten offenen Blick hinter die Kulissen von CDU/CSU.

Rückblick: Als Wulff am 1. Juni 2010 von Merkel nach Berlin gebeten wurde, war auch eine Frau als mögliche Bundespräsidentin im Gespräch - zumindest spekulierten darüber viele Medien. "Warum sich die Bundeskanzlerin letzten Endes gegen Ursula von der Leyen und für mich entschied, weiß ich nicht. Ich vermute, dass es am Ende meine Erfahrung gewesen sein könnte", hält Wulff seine Erklärung parat. Beim Treffen im Kanzleramt kam Merkel schnell zum Punkt. Ob er Vorschläge für das Amt hätte, sie sei da offen. "Während ich mich noch auf ihre Frage einstellte, meinte sie plötzlich: "Was ist eigentlich mit dir? Könntest du dir das vorstellen? Du bist lange dabei, du hast viel Erfahrung."

Es war der Abend, der den Weg in Schloss Bellevue ebnete. Und der anders endete, als es sich Merkel und Wulff gedacht hatten. Schon nach nur 598 Tagen musste Wulff am 17. Februar 2012 sein Amt aufgeben, nachdem die Staatsanwaltschaft Hannover gegen ihn ermittelte und um Aufhebung seiner Immunität bat.

Schon der Weg nach oben war nicht reibungslos verlaufen, es gab in Teilen der Medien Kritik, auch im SPIEGEL. Drei Wahlgänge brauchte die schwarz-gelbe Mehrheit in der Bundesversammlung - Wulff war auch in den eigenen Reihen kein unumstrittener Kandidat. In einer Telefonschalte des CDU-Bundesvorstandes Anfang Juni 2010 äußerte jedoch nur ein Einziger Bedenken: der damalige saarländische Ministerpräsident Peter Müller. Die CDU könne es sich nicht leisten, einen wichtigen jungen Ministerpräsidenten - Wulff war damals gerade einmal 51 Jahre alt - mit erst sieben Jahren Amtszeit zu verlieren. "Ich zollte Peter Müller stillen Respekt, weil er seine Meinung offen aussprach", schreibt Wulff.

Wulff kritisiert Kohl

Die offene Aussprache - schon früher war das in der CDU eher eine Seltenheit. 1991 kritisierte Wulff im Vorstand der CDU-Niedersachen den damaligen CDU-Chef und Kanzler Helmut Kohl: "Sie wirken selbstgerecht. Und das ist für Politiker schlicht eine Katastophe." Ihm selbst brachte es eine Einladung nach Bonn ein. "Das war Helmut Kohl: Wenn man ihm rundheraus sagte, er wirke selbstgerecht, akzeptierte er das und lud zum Gespräch ein. Gar nicht ausstehen konnte er Heckenschützen", erinnert sich Wulff.

Das Buch wirft auch einen Blick auf den "Andenpakt": Müller, Wulff, der damalige hessische Ministerpräsident Roland Koch und andere, die sich aus der Zeit bei der Jungen Union kannten, waren Mitglieder dieses informellen Kreises. Erst im Frühjahr 2002 erfuhr die damalige CDU-Oppositionsführerin von dessen Existenz - von Wulff. Merkel wollte wissen, warum keiner der anderen CDU-Politiker den Saarländer Peter Müller nach einem umstrittenen Beschluss des Bundesrats zum Zuwanderungsgesetz kritisiert hatte. "Politik ist ein brutales Geschäft", sagte ich zu ihr, "wir alle haben doch immer wieder Ärger am Hacken. Da ist man froh, wenn ein paar Freunde Rücksicht aufeinander nehmen und sich nicht auch noch öffentlich abwatschen", schreibt Wulff. Das habe Merkel höchst interessant gefunden, erinnert er sich: "Schutz durch alte Seilschaften, so etwas habe sie nicht."

Merkels Geheimbesuch

Merkel und Wulff - das war kein einfaches Verhältnis. Schon 2008 hatte er in einem Interview abgestritten, Ambitionen auf die Kanzlerschaft zu hegen. Völlig überrascht wurde er als Bundespräsident von ihrer Energiewende, beschlossen am Wochenende nach der Atomkatastrophe von Fukushima. "Ich war nicht unterrichtet worden", so Wulff, was zwar nicht zwingend, wegen der hohen Emotionalität aber "sicher nicht falsch gewesen" wäre. Er sei anderer Meinung als die Kanzlerin gewesen, "was die Vorgehensweise betraf und dies hätte ich ihr auch unumwunden gesagt."

Als sich die Krise um sein Amt zuspitzte, wurde es einsam. "Die politische Klasse verfiel - von Ausnahmen wie Peter Hintze abgesehen - am Ende meiner Amtszeit in ein allgemeines Schweigen", aus "Populismus oder aus Angst, selbst Opfer von Medien zu werden". Nur auf eine Person habe er sich verlassen können: die Kanzlerin. Ende Januar 2012 war sie sogar noch in Wulffs Dienstvilla in Berlin erschienen, unter höchster Geheimhaltungsstufe. Wenn Redaktionen von diesem Besuch erfahren hätten, so Wulff, hätten die meisten am selben Abend noch online gestellt: "Merkel drängt Wulff zum Rücktritt."

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ornitologe 11.06.2014
1. Aber man kann
gut davon leben - nicht wahr, Herr Wulff? Das "brutale" Geschäft Politik wäre ja noch paradoxer, wenn man die Bezüge fürs Schlafen bekäme. Allerdings scheint das in einigen Fällen durchaus zutreffend zu sein. Der Schlaf mit offenen Augen wird unter einigen Politikern schon länger als Geheimtipp gehandelt. Wenn ich mir da Ihren Nachfolger anschaue, muss dieser Tipp auch schon bis zu ihm vorgedrungen zu sein, Herr Wulff. Na denn mal alles Gute; das Schlimmste haben Sie ja hinter sich. Und sooo lange hats ja nun auch wieder nicht gedauert...
opinio... 11.06.2014
2. am Wochenende nach der Atomkatastrophe von Fukushima
beschlossen Frau M. und ihr damaliger BMU Dr. jur. Röttgen die Energiewende!?! Jawoll, so läuft sie denn auch, die "größte Herausforderung". Über Einsparungen im einstelligen kWh-Bereich wird viel diskutiert und gedacht. Anlagen mit einem Potential zu Erzeugung von mindestens 8x1000x1000 kWx4000h= 32 000 000 000 kWh wirft man mitsamt Brennstoff mit lautem Gezeter über die Tsunami, Erdbeben- und Terrorgefahren auf den Müll. Kein Wort davon, dass eine der größten Naturkatastrophen überhaupt 2 der 6 Fukushima Blöcke ÜBERSTANDEN haben. Soweit zum Risikobewußtsein und zur Umsichtigkeit bei wichtigen Entscheidungen.
Palmstroem 11.06.2014
3. Schlecht bezahlt, viel geschmäht
Zitat von ornitologegut davon leben - nicht wahr, Herr Wulff? Das "brutale" Geschäft Politik wäre ja noch paradoxer, wenn man die Bezüge fürs Schlafen bekäme. Allerdings scheint das in einigen Fällen durchaus zutreffend zu sein. Der Schlaf mit offenen Augen wird unter einigen Politikern schon länger als Geheimtipp gehandelt. Wenn ich mir da Ihren Nachfolger anschaue, muss dieser Tipp auch schon bis zu ihm vorgedrungen zu sein, Herr Wulff. Na denn mal alles Gute; das Schlimmste haben Sie ja hinter sich. Und sooo lange hats ja nun auch wieder nicht gedauert...
Herr Wulff hätte statt Bundespräsident zu werden, auch einen Job wie Roland Koch bei einem großen DAX-Konzern annehmen können. Da hätte er in einem Jahr mehr verdient als 25 Jahren Bundespräsident. Seien Sie froh, dass sich noch Leute finden, die sich für mickrige 200.000 € schmähen lassen. Selbst im Dschungel-Camp gibt es heute schon mehr!
Herr_Peter 11.06.2014
4. Jeder weiß, dass das dämlich war
Zitat von opinio...beschlossen Frau M. und ihr damaliger BMU Dr. jur. Röttgen die Energiewende!?! Jawoll, so läuft sie denn auch, die "größte Herausforderung". Über Einsparungen im einstelligen kWh-Bereich wird viel diskutiert und gedacht. Anlagen mit einem Potential zu Erzeugung von mindestens 8x1000x1000 kWx4000h= 32 000 000 000 kWh wirft man mitsamt Brennstoff mit lautem Gezeter über die Tsunami, Erdbeben- und Terrorgefahren auf den Müll. Kein Wort davon, dass eine der größten Naturkatastrophen überhaupt 2 der 6 Fukushima Blöcke ÜBERSTANDEN haben. Soweit zum Risikobewußtsein und zur Umsichtigkeit bei wichtigen Entscheidungen.
und Milliarden Zusatzkosten verursacht hat. Aber wenn es Stimmen bringt, wirde es dennoch gemacht, da diejenigen, die so etwas entscheiden, ja nicht für den Schaden aufkommen, von den zusätzlichen Stimmen aber profitieren.
brendan33 11.06.2014
5. Als Gott.....
.....mich zu seinem Stellvertreter auf Erden machen wollte, trafen wir uns im Schloss Bellevue. Das Treffen stand unter keinem guten Stern. Das Ausrufen der höchsten Sicherheitsstufe hätte sofort den Verdacht des Protokolls geweckt. Nur meine Frau war dabei. In einer sehr eindringlichen Diskussion habe ich ihm klarmachen wollen, dass der Islam zu Deutschland gehört. Wir fanden in diesem Punkt keinen Konsens. Mit meinem Verständnis des Amtes habe ich dem Herrgott vor diesem Hintergrund leider absagen müssen, obwohl ich mich immer noch für den Richtigen für dieses wichtige Amt halte.
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