Gedenkstättenleiter Rechtsextreme treten in Buchenwald immer offener auf

Volkhard Knigge leitet die Gedenkstätte Buchenwald - und beklagt ein immer offeneres Auftreten rechtsextremer Besucher. Er sieht darin ein "ernst zu nehmendes Indiz, dass etwas wegbricht an Geschichtsbewusstsein".
Krematorium des ehemaligen KZ Buchenwald (2014): Gezielte, vorbereitete Störungen von Besucherführungen durch Rechtsextreme

Krematorium des ehemaligen KZ Buchenwald (2014): Gezielte, vorbereitete Störungen von Besucherführungen durch Rechtsextreme

Foto: Candy Welz/ DPA

Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Volkhard Knigge, beobachtet ein immer offeneres Auftreten rechtsextremer Besucher in dem ehemaligen Konzentrationslager. "In den Besucherbüchern finden sich zunehmend Eintragungen, die Nationalsozialismus und auch die Konzentrationslager als sinnvoll und gut für die Deutschen bewerten", sagte der Historiker der "Neuen Westfälischen".

Zudem komme es in der Gedenkstätte immer wieder zu "gezielten, vorbereiteten Störungen von Besucherführungen" durch Rechtsextreme. Als Reaktion seien die Besucherordnung in Buchenwald verschärft worden. Außerdem wurden Knigge zufolge die Mitarbeiter im Umgang mit Störern trainiert.

Rechte schmuggelten sich unter Besuchergruppen und warteten einen günstigen Moment ab, um Opferzahlen infrage zu stellen oder den Holocaust zu leugnen, sagte Knigge. Häufig werde das gefilmt - so profilierten sich die Täter im eigenen Umfeld. Äußerungen wie "wären die Lager noch in Betrieb, hätten wir kein Ausländerproblem" seien ein "ernst zu nehmendes Indiz, dass etwas wegbricht an Geschichtsbewusstsein, an mitmenschlicher Sensibilität und an politisch-demokratischer Orientierung", sagte Knigge der Zeitung. Er leitet die Gedenkstätte seit 1994.

Antisemitismusbeauftragter: Brauchen größere Solidarität mit Juden

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte, er erwarte im Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland von jedem Bürger Wachsamkeit. "Dass, wenn jeder Einzelne in seinem persönlichen Umfeld Antisemitismus wahrnimmt, dass er auch einschreitet, damit es unangenehm wird für Menschen, die sich antisemitisch äußern." Es sei wichtig, dass "wir auch eine neue und bedeutend größere Solidarität mit Juden in Deutschland an den Tag legen", sagte Klein gegenüber der Nachrichtenagentur dpa.

Auf die Frage, ob der Antisemitismus zunehme, sagte Klein, einerseits sei die Anzeigebereitschaft größer geworden. Dazu ermutige er die Opfer auch. "Denn sonst ändert sich nie was. Nur dann bekommen die Täter ja Druck." Andererseits sei festzustellen: "Die Hemmschwelle ist gesunken, gerade auch durch das Internet." Es gebe Menschen, die dort einen rechtsfreien Raum sähen, wo sie ihren Hass loswerden könnten. "Auch dagegen müssen wir gesellschaftlich und staatlich vorgehen."

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Am Montag, dem 27. Januar, jährt sich zum 75. Mal die Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz im von Hitler-Deutschland besetzten Polen. Am heutigen Donnerstag erinnern Staats- und Regierungschefs aus fast 50 Ländern in Israel an die Befreiung. Nach Angaben des israelischen Außenministeriums handelt es sich um das größte Staatsereignis seit der Gründung Israels 1948. Beim Holocaust-Forum wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als erstes deutsches Staatsoberhaupt überhaupt in Yad Vashem eine Rede halten.

aar/dpa
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