Buchrezension Franz Walters unangenehme Antworten

"Träume von Jamaika" heißt das neue Buch des Göttinger Politologen Franz Walter. Der SPIEGEL-ONLINE-Autor rechnet stilsicher mit der Parteienlandschaft ab - und bleibt doch manche Antwort schuldig, findet NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers in seiner Rezension für SPIEGEL ONLINE.


In seinem Klassiker "Per Anhalter durch die Galaxis" lässt Douglas Adams einen Super-Computer eine Antwort auf alle Fragen der Menschheit suchen. Und mit dem Internet ist dieser Super-Computer ein Stück weit Realität geworden. Es gibt fast keine Fragen mehr, auf die das Netz nicht eine wie auch immer geartete und wie auch immer sinnvolle Antwort zu geben vermag. Antworten, die auch für Politiker und politisch Interessierte von großem Erkenntniswert sein können – vor allem dann, wenn Sie in den zurückliegenden neun Monaten regelmäßig jene 45 Essays gelesen haben, die der Göttinger Politologe Franz Walter bei SPIEGEL ONLINE veröffentlicht hat – und die seit heute gesammelt und in Buchform erhältlich sind.

Rezensent Rüttgers über Franz Walter: "Essayist von bestem (westfälischen) Schrot und Korn"
MARCO-URBAN.DE

Rezensent Rüttgers über Franz Walter: "Essayist von bestem (westfälischen) Schrot und Korn"

Allerdings: Wie auch immer unsere Fragen zu Deutschland, zu den Parteien, zu den Politikern aussehen mögen – die Antworten Walters sind in aller Regel alles andere als angenehm: Die Christdemokraten seien früher keine "großartigen Präger" gewesen und heute "kulturell verstaubt". Sie hätten sich "bemerkenswert weit von der Mitte entfernt" und ihre Anhängerschaft spreize sich mehr und mehr auf, so dass die "schwarze Tünche" mittlerweile deutliche Risse zeige.

Nicht besser das, was Sozialdemokraten über sich lesen können: Die "Kollektivität in der Sozialdemokratie“ sei "zerstoben", "ihr programmatisches Feuer in jeder Hinsicht erloschen" und die "Klarheit auch nur über die Grundfragen von Politik ist perdu". Die Grünen dürfen sich wiederum über den zweifelhaften Genuss freuen, als Partei der doppelzüngigen Genussfreunde etikettiert zu werden, die sich auf grotesk-karnevaleske Weise zu Tode gesiegt habe – nicht aus Prinzipientreue, sondern weil ein "hipper lifestyle“ bedient worden sei. Summa summarum seien die Grünen aber "langweilig", "farblos", "angepasst" und "etabliert" – und interessant sei, dass sie das offenbar nicht störe. Und die FDP schließlich leide unter der "Achillesferse Guido" – mit der ließen sich "bodenständige, gemeinschaftsbildende und beruflich abkömmliche" Menschen, die "ein bestimmtes Maß an Altruismus" mitbringen, allerdings kaum anziehen.

Nun gehört es nicht zu den vergnügungsteuerpflichtigen Tätigkeiten in unserem Land, sich die Wahrheit sagen zu lassen. Insofern wird sich die Begeisterung eines jeden ehrenamtlich oder hauptberuflich tätigen Politikers bei der Lektüre des Buches in überschaubaren Grenzen halten. Es bekommt eben jeder sein Fett weg. Das ändert aber nichts daran, dass Walter an vielen Stellen die Wirklichkeit so beschreibt, wie sie ist. Und zwar ungeachtet der Tatsache, ob das konveniert oder nicht. Es mag einem beispielsweise gefallen oder nicht – aber die Grünen können heute als Prototypen derjenigen durchgehen, gegen die sie eigentlich immer noch einen verzweifelten Häuserkampf führen würden, wäre nicht die Altbauwohnung so schick und der Barolo so lecker. Allein für diesen klaren und unverstellten Blick auf die etwas hochtrabend "Tiefenstrukturen der deutschen Politik und Gesellschaft" apostrophierten Szenerie lohnt die Lektüre des Buches.

Doch Franz Walter bietet noch mehr. Gewagte Prognosen zum Beispiel: Bei der ersten wirklich elementaren Auseinandersetzung in der Großen Koalition würden die Zentrifugalkräfte im Unionslager freigesetzt – sagt Walter. Mit dem "alten Klebstoff, jenem probaten Kitt aus Antisozialismus, Heimattümelei, Kirche und Patriotismus" sei es dann vorbei. Nun sind Prognosen schwierig, vor allem dann, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen – und bislang überwiegt die Gravitationskraft der Großen Koalition noch alle Fliehkräfte. Das gleiche gilt für die These, die Volksparteien seien am Ende. Dergleichen ist seit Jahren zu hören, ohne dass die Vorhersagen sich jemals erfüllt hätten. Doch selbst wenn man Walter an dieser Stelle mit der Empirie widerlegen möchte, so hat er doch in einem Punkt recht: Die Volksparteien stehen vor Herausforderungen, auf die sie Antworten finden müssen, wollen sie auch künftig noch große Teile der Bevölkerung ansprechen.

Launen einer sprunghaften Telezuschauerschaft

Die wichtigste dieser Herausforderungen benennt Walter aber bestenfalls in Ansätzen – ob nämlich unser Wirtschaftssystem noch zu unserem Gesellschaftssystem passt. Oder mit anderen Worten: Hecheln wir nicht mittlerweile an viel zu vielen Stellen Lebensentwürfen hinterher, die zwar sehr gut in das mit grellen Farben gemalte Bild einer globalisierten Marktwirtschaft passen, die aber mit der uns eigenen und tradierten Vorstellung von einer sozialen Marktwirtschaft nichts mehr zu tun haben? Wir müssen in den Volksparteien tatsächlich Antworten finden auf die Frage, wie wir den Menschen Sicherheit in dieser von Unwägbarkeiten, Bindungslosigkeit und Individualisierung gezeichneten Zukunft geben wollen. Doch leider stellt Walter diese Frage nicht – und er gibt auch keine Antwort darauf.

Walter stellt andere gewagte Fragen: Er spricht von programmatisch entkernten Parteien. Davon, dass diese Parteien abhängiger geworden seien von den "Einflüsterungen und Kurzatmigkeiten der Demoskopen, von den Konjunkturen der politischen Leitartikel, von den Launen einer sprunghaften Telezuschauerschaft". Und er bilanziert dann: "Vielleicht sollten es Parteien daher tatsächlich einfach mal mit Politik versuchen. Warum eigentlich nicht?"

Ja, warum eigentlich nicht? Allerdings ist eine zweite Frage mindestens ebenso berechtigt: Warum wird nicht einfach mal über Politik berichtet – anstatt über vermeintliche oder tatsächliche Taktierereien oder über Nebensächlichkeiten aus dem Politikbetrieb? Und eine dritte Frage drängt sich auch gleich auf: Warum versuchen es Wählerinnen und Wähler nicht einfach einmal mit Politik statt mit Homestorys und Fernsehduellen?

Warum eigentlich nicht? Die Antwort kann nicht in einem Schwarze-Peter-Spiel zwischen Politik, Medien und Wählern liegen. Es geht schließlich nicht um "schuldig" oder "nicht schuldig". Es geht um echte, wichtige Probleme. Und eine Lösung bietet uns Walter leider nicht an. Vielleicht ist das aber auch zu viel verlangt.

Walter bleibt Antworten schuldig

Nicht zu viel verlangt ist es allerdings, dass den Leserinnen und Lesern der Sinn von Sätzen erläutert wird, in denen es heißt, dass "in den modernen postindustriellen Gesellschaften gleichwohl ein stattliches Segment von Kultur-, Sozial- und Humandienstleistern existiert, deren kommunikativ-partizipatorische und prononciert bildungsbürgerlich geprägte Lebensweise einer leicht elitären linkslibertären, auch kulturell expressiven Diskurspartei durchaus zugeneigt ist". Und nicht zu viel verlangt ist es letztlich auch, dass Walter – bei allem Respekt vor der messerscharfen Analyse – letztlich doch eine Antwort geben sollte auf die Frage, was denn nun aus seinen Essays folgt. Denn wenn Walter mit allem, was er schreibt, Recht hätte – die Wahlbeteiligung müsste im Promillebereich liegen und das Land wäre längst in Chaos versunken. Zu wünschen ist deshalb ein zweites Buch, in dem sich Walter konstruktiver mit den Tiefenstrukturen der deutschen Gesellschaft auseinandersetzt.

Der Rezensent gibt allerdings zu: Eine solche Kritik hat immer auch etwas beckmesserisches – denn Walter ist ein scharfzüngiger Formulierer und ein Essayist von bestem (westfälischen) Schrot und Korn. Keiner seiner Beiträge erhebt den Anspruch, einer Fotografie gleich die Wirklichkeit detailgetreu abzubilden. Es sind eben Essays, vielleicht noch Miszellen, in jedem Fall aber eher impressionistischen Kunstwerken vergleichbar, deren Wirklichkeit sich dem Betrachter nicht wie bei einer Gebrauchsanleitung durch reine Lektüre erschließt, sondern erst durch intensives Betrachten und genaues Nachdenken. Deshalb sind Übertreibungen und Überspitzungen nicht nur erlaubt – sie sind geradezu notwendig. Und sie sind bei Walter unterfüttert durch ein offenbar ebenso großes wie tragendes Fundament an Wissen über Geschichte und Strukturen der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Davon zeugen nicht zuletzt die lesenswerten Porträts über Hans-Jochen Vogel, Willy Brandt und Herbert Wehner.

Und was hinzukommt: Walter überrascht immer wieder mit sympathisch undogmatischen und unkonventionellen politiktheoretischen Volten – manchmal offenbar sogar sich selbst, so dass er seine eigenen Worte als "furchtbar altmodisch, provinziell katholisch, nachgerade vorgestrig" bezeichnet, wenn er beispielsweise an mehreren Stellen konstatiert, dass die Ökonomisierung aller Lebensbereiche die Zivilgesellschaft existenziell in Frage stellt. Die "Leitprinzipien der neuen Ökonomie“ hätten jenes "Sozialkapital" aufgezehrt, auf die bürgergesellschaftliche Solidarität zwingend angewiesen sei. Gemeinsinn brauche "eine spezifische Sozialmoral, einen motivierenden Ethos, eine normative Grundierung, den Fixpunkt einer Orientierung auf das Ganze". Und auch die Parteien seien auf "ein bestimmtes Maß an Altruismus", auf Menschen, die "bodenständig, gemeinschaftsbildend und beruflich abkömmlich" sind, angewiesen. Alles das sei für die Protagonisten der globalisierten Wissensgesellschaft aber "uninteressant". Eine Erkenntnis, die nicht neu ist, und die für viele Strategen bereits nach der Bundestagswahl 1998 diskutiert wurde – aber offenbar folgenlos, so dass Walters mahnende Stimme eben doch ihre Berechtigung hat.

Jamaika liegt noch in der Karibik

Gleiches gilt im Übrigen für diejenigen, die in rousseauistischer Naivität glauben, die demokratische Urgesellschaft mit all ihrer Einfachheit und Minderkomplexität in die hoch differenzierte Moderne übertragen zu können oder die in der Bürgergesellschaft die Möglichkeit zur Beseitigung allen Übels zu erkennen glauben, das ein überbordender Sozialstaat erzeugt hat. Ohne Tocqueville expressis verbis zu erwähnen, greift Walter doch dessen weise Demokratiekritik von der "Tyrannei der vielen" auf, der sich der einzelne nicht mehr entziehen könne. Doch er denkt mit Tocqueville über Tocqueville hinaus. Denn in der repräsentativen Demokratie gelte schließlich wenigstens noch, dass die Stimmen gezählt und nicht gewichtet würden. In der "Partizipationsdemokratie der Bürgergesellschaft" aber müsse nurmehr auf die "Partizipatoren" gehört werden, "die sich artikulieren, organisieren, Aufmerksamkeit erzielen können".

Und schließlich setzt Walter sich erfrischend originell mit jenem Thema auseinander, dem das Buch seinen Titel zu verdanken hat: Der Option von einer Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen. Dabei spielt dieses Thema in dem Band schon rein mengenmäßig gar nicht die Rolle, die der Buchtitel suggeriert. Aber es ist dennoch interessant zu lesen, dass Walter im "Bildungsbürgerlichen" nach wie vor eine tragende Ligatur erkennt, die vor den Grünen eben nicht haltmacht. Im Gegenteil. Gerade weil die Grünen die Annehmlichkeiten des Establishments zu schätzen gelernt hätten und nicht nur "gesäßgeographisch in der Mitte des Plenarsaals", sondern eben auch programmatisch in der Mitte der Gesellschaft angekommen seien, existiert für Walter sehr wohl ein Raum für den "Traum von Jamaika". Allerdings gibt Walter völlig zu recht zu bedenken: Jamaika wäre eben nicht nur die "Wiedervereinigung des kulturell zerfasernden Bürgertums" – es wäre für ihn auch die "politische Kriegserklärung der gesellschaftlichen Beletage an die Souterrains der Nation". Daran aber hat – das weiß der Rezensent sehr genau – zumindest die CDU als christlich geprägte Volkspartei kein Interesse – und deshalb liegt Jamaika wohl doch bis auf weiteres in der Karibik.

Franz Walter hat mit dem vorliegenden Buch Neuland beschritten: Erstmalig wurden hier Essays veröffentlicht, die zuvor allesamt und ausschließlich im Internet publiziert worden sind. Das birgt selbstverständlich das Risiko, dass manche Einschätzung bei der Lektüre überholt wirkt oder sich der Leser fragt, warum nun gerade zu diesem oder jenem Thema geschrieben worden ist (ein Makel, der schon dadurch hätte behoben werden können, indem jedem Text das Veröffentlichungsdatum beigestellt worden wäre). Und es entbehrt für den Rezensenten nicht einer gewissen Ironie, dass das erste Kapitel des Buches von der "mentalen Depression" und der "Übellaunigkeit", dem "Abwarten" und dem "Nichtstun" erzählt – und mit einer bissigen Replik auf die Sozialdemokratie Kurt Becks endet, die nun "endlich Geschäftsleitung spielen, nicht mehr Betriebsrat sein möchte".



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