Buchvorstellung in Berlin Sarrazin-Show bringt SPD in die Bredouille

Bundesbanker Sarrazin kann den Wirbel um seine Thesen nicht verstehen: Er habe nur ein "sachliches Buch" geschrieben, sagt der SPD-Mann. Doch sein Arbeitgeber distanziert sich, seine Partei drängt auf einen Ausschluss. Für beide könnte der Provokateur zum Dauerproblem werden.
Sarrazin bei Buchpräsentation: "Ich bekomme nur positive Reaktionen"

Sarrazin bei Buchpräsentation: "Ich bekomme nur positive Reaktionen"

Foto: DDP

Thilo Sarrazin

Berlin - , 65, lebt zurzeit in zwei Welten. Die eine genießt der Sozialdemokrat und Bundesbanker. "Wenn ich angesprochen werde, bekomme ich nur positive Reaktionen", erzählt Sarrazin vergnügt bei der Präsentation seines neuen Buches am Montagmorgen. Gerade erst am Vorabend sei dies passiert, in einem China-Restaurant im Westberliner Stadtteil Wilmersdorf. Schon beim Betreten des Lokals hätten ihn die Leute sehr freundlich angeschaut, behauptet er.

SPD

Die andere Welt ist am Montagmittag im Willy-Brandt-Haus zu erleben. Ein entschlossener -Chef hat sich in der Parteizentrale aufgebaut, Sigmar Gabriel will jetzt mal eines klarstellen: Sarrazin bewege sich mit seinen Gen-Thesen "in der Nähe der Rassenhygiene", die Argumentation des Ex-Senators sei "an der Stelle rassistisch". Deswegen wolle die SPD Sarrazin aus der Partei ausschließen.

In dieser Welt ist Thilo Sarrazin der Ausgestoßene, der Paria: Die SPD will ihn nicht mehr haben, die Bundesregierung fordert indirekt seinen Rausschmiss aus dem Bundesbank-Vorstand, Migrantenverbände laufen seit Tagen Sturm. "Nazi in Nadelstreifen" nennt ihn der Zentralrat der Muslime in Deutschland.

Die Vorstellung des Buches "Deutschland schafft sich ab" ist der Höhepunkt der jüngsten Sarrazin-Festspiele. Doch nach diesem Montag ist auch klar, dass der streitbare Autor im öffentlichen Diskurs keinen Unterstützer von Rang mehr hat. Je näher die Buchpräsentation rückte, desto entfesselter wirkten seine Thesen. Er ließ sich aus über den wirtschaftlichen Schaden durch Migranten, fürchtete sich um den deutschen "Volkscharakter", zuletzt philosophierte er in einem Interview gar über die genetische Eigenart von Juden und Basken.

Die große Thilo-Show

Es ist die große Sarrazin-Show an diesem Montagmorgen. So viele Journalisten kommen sonst nur zur Kanzlerin, wenn sie zu einem ihrer seltenen Auftritte in der Bundespressekonferenz lädt. Bis auf die Straße reicht die Besucherschlange. Als Sarrazin mit einiger Verspätung auf dem Podium Platz genommen hat, wird er minutenlang von Kameraleuten und Fotografen aufgenommen. Sarrazin, grauer Anzug, graue Krawatte, nimmt den Trubel gelassen hin.

In den vergangenen Tagen hatte er nach Kräften provoziert - zur Buchvorstellung ist nun der sachliche Herr Sarrazin erschienen. Erst erzählt der ehemalige Spitzenbeamte, Senator und jetzige Staatsbanker von der Zuneigung zu seinem Arbeitgeber: "Wenn man so lange dem Staat dient, bleibt es nicht aus, dass man ihn liebt."

Noch mehr allerdings liebt er Deutschland, um das sich Sarrazin ernsthafte Sorgen macht. Seine These: "Das deutsche Volk ist quantitativ dabei, sich abzuwickeln."

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Sarrazins Buchvorstellung: Großer Andrang in Berlin

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Darum geht es in seinem Buch, es ist ein schriller Hilferuf. Ein "sachliches Buch" habe er geschrieben, behauptet der Autor, für jedes seiner Argumente gebe es eine "empirische Grundierung". Sarrazin ist promovierter Volkswirt, er liebt Zahlen - aber offenbar auch krude Gedanken. "Autochthone Deutsche" ist so ein Schlagwort, das er gerne bemüht. Demgegenüber stehen seiner Meinung nach Millionen von Migranten, die von Staat und Gesellschaft eine Menge nehmen - ohne etwas zurückzugeben. Besonders die muslimischen Einwanderer. Berlins langjährige Ausländerbeauftragte Barbara John, eine CDU-Politikerin, sprach am Montag davon, das Buch zwar gelesen zu haben - "aber nur mit Aspirin im Hintergrund".

Dass die muslimischen Einwanderer sich durch Sarrazins kategorische Bewertung verleumdet fühlen? Kümmert Sarrazin wenig. Außerdem: Die gedruckte Fassung sei "ausgewogener als meine normale Sprache", sagt Sarrazin und kichert. Seine Frau und etliche weitere Probeleser, erzählt er, hätten eifrig redigiert.

Die SPD ringt mit ihrem Problem-Mitglied

Man mag sich nicht vorstellen, wie die Urfassung des Buches ausgefallen ist. Der SPD reicht schon das nun vorliegende Werk. Mit seinen Thesen zur genetischen Disposition von Intelligenz hat Sarrazin den Sozialdemokraten eine Steilvorlage für ein Ausschlussverfahren geliefert. In einer Partei, zu deren Glaubenssätzen es gehört, dass Menschen sich entwickeln und emanzipieren können, gerade auch aus schwierigen sozialen Lagen, wirken Sarrazins Gen-Thesen wie Gift. Deshalb drängt sie mit aller Macht auf einen Ausschluss.

Es ist nicht so, dass der SPD die Entscheidung besonders leicht gefallen ist. Spätestens seit Wolfgang Clement wissen die Genossen, dass Ausschlussverfahren immer schwierig zu erklären sind und von der Bevölkerung oft als unsouverän und unverhältnismäßig empfunden werden. Und: Das Verfahren könnte Monate dauern.

Zudem muss die Partei den Eindruck vermeiden, als ducke sie sich weg vor unliebsamen Diskussionen über Integration. Das Thema ist in der SPD ein heikles - genau wie die CDU haben es die Sozialdemokraten jahrzehntelang ignoriert. Zudem spiegelt sich die gesellschaftliche Öffnung im eigenen Parteiapparat nicht wider. Gabriel weiß, dass andere Parteien - etwa die Grünen - die Sozialdemokraten auf diesem Feld überholt haben. Während dort mit Cem Özdemir ein Sohn von Einwanderern Vorsitzender ist, sitzt im SPD-Vorstand kein einziger Migrant - ein Fakt, den Gabriel auch öffentlich schon kritisierte.

Hinzu kommt: Längst nicht alle Genossen wärmen sich am Multikulti-Ofen. Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky etwa hat noch nie einen Hehl aus den großen Integrationsproblemen in seinem Kiez gemacht. Gabriel, der die Partei gerne wieder dorthin führen will, wo es "brodelt und stinkt", schätzt Buschkowsky und sieht ihn als Beispiel dafür, wie wichtig es ist, dass Sozialdemokraten auch vermeintlich unangenehme Wahrheiten aussprechen können.

Sarrazin und die rote Linie

Viele an der Basis sehen das offenbar ähnlich. "Fast ausschließlich positiv" seien die Reaktionen auf die Äußerungen Sarrazins gewesen, die im Willy-Brandt-Haus in den vergangenen Tagen angekommen seien, gab Gabriel am Montag offen zu. Und so waren einige seiner Sätze als Appell zu verstehen. "Man darf in Deutschland, auch als Sozialdemokrat, über misslungene Integration reden", sagte er, "man muss das sogar." Es sei ebenso erlaubt, zu schauen, was in Moscheen eigentlich so passiere. Doch mit seinen Gen-Thesen habe Sarrazin eben eine "rote Linie" überschritten.

Auch die Bundesbank hadert mit ihrem Mitglied Sarrazin. Nach einer Vorstandssitzung teilte das Gremium am Montagnachmittag zwar mit, dass man sich von den "diskriminierenden Äußerungen" Sarrazins distanziere. Aber noch zögern Vorstandschef Axel Weber und seine Kollegen offenbar, den entscheidenden Schritt zu gehen. Immerhin wäre Sarrazin der erste Bundesbanker in der Geschichte des Instituts, der ausgeschlossen wird. "Der Vorstand der Deutschen Bundesbank wird unverzüglich ein Gespräch mit Herrn Dr. Sarrazin führen, ihn anhören und zeitnah über die weiteren Schritte entscheiden", heißt es am Ende der Erklärung. Ein Teilerfolg für Sarrazin? Möglicherweise ist der Rausschmiss auch nur vertagt.

Natürlich macht Thilo Sarrazin diese zweite Welt zu schaffen, in der man ihn so behandelt. Aber das würde er nie zugeben. Einer wie Sarrazin hat immer Recht. Merkel, Gabriel, Weber und wie sie alle heißen - soll doch erst mal jeder von ihnen sein Buch lesen. Und wenn Sarrazin am Ende dennoch aus SPD und Bundesbank fliegt? Geht er eben zum Chinesen nach Wilmersdorf. Da ist ja noch seine erste Welt.

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