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Buchvorstellung Merkel ringt um DDR-Deutungshoheit

Kanzlerin Merkel nutzt die Vorstellung eines Erinnerungsbuchs des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière für ein paar Klarstellungen in ihrem Sinne: über das Unrechtsregime im Osten und die Rolle von Altkanzler Kohl. De Maizière hat da andere Erfahrungen gemacht.

Angela Merkel

Berlin - Sogar die Kanzlerin hat der Verlagschef im Programm. Deshalb hält er jetzt, bevor es richtig losgeht, erstmal dieses Büchlein mit den Reden von in die Höhe. "Machtworte" steht darauf. Oha.

Merkel, vorne in der ersten Reihe, nickt.

Klamauk in ihrer Koalition

Der Titel gefällt ihr. Gerade jetzt. Hat sie sich doch in den Sommerferien vorgenommen, dem ein Ende zu machen, öfter mal Klartext zu sprechen.

Lothar de Maizière

Das gilt natürlich bei jedem Anlass. Auch an diesem Berliner Septembertag im "Kulturkaufhaus" Dussmann, zu dem man die Kanzlerin als Laudatorin gebeten hat. Weil der letzte DDR-Ministerpräsident dort seinen Blick auf den Prozess der Wiedervereinigung vorstellt. Und weil Angela Merkel doch damals seine Vize-Regierungssprecherin war. Und weil sie ja nun überhaupt die Kanzlerin ist.

Deren Empfehlung tue dem Buch gut und seinem Verkauf vielleicht auch, meint de Maizière.

Ein paar Dinge zurechtrücken

Doch erstmal muss die Kanzlerin ein paar Dinge zurechtrücken, die ihr einstiger Chef da nun aufgeschrieben oder in letzter Zeit so gesagt hat.

Zum Beispiel die Sache mit dem Unrechtsstaat.

DDR

Die sei kein vollkommener Rechtsstaat gewesen, aber eben auch kein Unrechtsstaat, hat sich de Maizière jüngst in einem Interview zitieren lassen. Die Kanzlerin aus Ostdeutschland aber will von solch Staatsexegese nichts wissen: Das sei müßig. "Sie war ein Unrechtsstaat. Sie hat einen perfiden Druck auf alle ausgeübt, die in diesem Lande lebten", so Merkel über die DDR.

Helmut Kohl

Und dann kommt sie auf jenen Mann zu sprechen, von dem sie sich einst selbst abkehrte, den sie in Partei und Staat beerbte: . Bei Lothar de Maizière kommt der ewige Kanzler nicht erst im Buch schlecht weg. Der barock-biedere Pfälzer und der feingeistig-musische Jurist - sie kamen nicht miteinander aus. Zudem hält der Ostdeutsche die Kohl in den Geschichtsbüchern zugeschriebene Rolle für übertrieben.

deutsche Einheit

Es seien schließlich die DDR-Bürger gewesen, die sich erst selbst befreit und dann selbst demokratisiert hätten. "Uns wurde die Demokratie nicht von außen verordnet", sagt de Maizière. Bei den ersten freien Wahlen zur Volkskammer im März 1990 hätte sich dann eine Mehrheit für die abgebildet. Im Buch selbst liest sich manches wie eine Abrechnung. Kanzler Kohl und dessen damaligen CDU-Generalsekretär Volker Rühe beschreibt de Maizière oftmals eher als Gegenspieler denn als Partner.

Doch auch die Gegenseite ruht nicht. Schon im Vorfeld der Buchpräsentation hatte sich der Kohl-Vertraute und frühere Verteidigungsstaatssekretär Willy Wimmer per "Leipziger Volkszeitung" zu Wort gemeldet. De Maizière habe Anfang 1990 als Vorsitzender der Ost-CDU die Absicht gehabt, "mit seinen Freunden im Westen den Sturz von Helmut Kohl zu betreiben".

Kampf um die Deutungsräume nach 20 Jahren Einheit

Ein Putschversuch des DDR-Ministerpräsidenten gegen den Bundeskanzler? Lothar de Maizière schmunzelt: "Putsch, das ist nicht meine Sache." Er sei ja nicht "wahnsinnig oder verrückt".

Klar ist: 20 Jahre nach der Einheit haben sich Deutungsräume ergeben, die die Beteiligten nun mit ihren jeweiligen Wahrheiten zu füllen suchen.

Auch Merkel mischt mit, schreitet zur Ehrenrettung Kohls. Es sei während des Lesens "spürbar" gewesen, "dass du mit manchen Entscheidungen Kohls haderst", sagt sie zu de Maizière. Deshalb wolle sie hier und heute die "historische Leistung" Kohls herausheben, so die Nachfolgerin: "Ohne ihn wäre es nicht gelungen."

Die Plätze in den Geschichtsbüchern sind bisweilen hart umkämpft.

Das ist auch der Fall, wenn de Maizière jüngsten Äußerungen von Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck entgegentritt. Der SPD-Mann hatte dem SPIEGEL gesagt, es sei 1990 "auf einen schnellen Anschluss statt gleichberechtigter Vereinigung" gedrängt worden. Es sei aber ein "Beitritt" nach Artikel 23 Grundgesetz gewesen, beharrt de Maizière. Und es gebe dazu einen Beschluss der frei gewählten Volkskammer, des letzten DDR-Parlaments.

Bei Merkels Deutungen hingegen spielt in Wahrheit wohl aktuelles politisches Kalkül die entscheidende Rolle. So hat sie ohnehin schon ein Problem mit den Restbeständen des konservativen Flügels ihrer Union, da kann die Aufstellung an der Seite Kohls nicht schaden. Denn im Rückblick wird sich zeigen: Kohl hat zwar das Land tiefgreifend verändert wie kein Kanzler vor ihm, Merkel aber hat die CDU umgemodelt wie keiner zuvor.

"Tüchtige" Merkel

Oder wie Lothar de Maizière das sagt: "Sie hat diese sehr westdeutsche Partei zu einer gesamtdeutschen Partei weiterentwickelt." Sie sei eine "tüchtige" Regierungssprecherin gewesen und sei nun eine ebensolche Kanzlerin. Während er selbst "stärker als Angela" DDR-sozialisiert sei und sich immer eher als Anwalt der Ostdeutschen verstanden habe, könne die politische Sozialisation der Kanzlerin erst aufs Jahr 1989 datiert werden.

Nicht zuletzt diese Tatsache verschont Merkel von jenen Fragen nach der persönlichen Geschichte, denen sich Lothar de Maizière auch an diesem Tag stellen muss. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Deutung von Geschichte - sondern um die konkrete Rolle eines Individuums in der Diktatur. Die "Welt" hatte - wie bereits schon zum zehnten Jahrestag der Einheit - berichtet, de Maizières Vater Clemens sei ein Stasi-Spitzel gewesen. Er habe dem Geheimdienst sogar Informationen über Merkels Vater Horst Kasner geliefert.

Das würde eine neue, besonderes pikante Verbindung der Laudatorin Merkel mit dem Autor de Maizière bedeuten. Doch der will dazu nichts sagen: Er kenne die Beziehung zwischen Kasner und seinem eigenen, 1980 verstorbenen Vater nicht. Er habe auch nicht die Absicht gehabt, ein Buch über seine Familie zu schreiben. In seinen Memoiren selbst weist de Maizière zudem erneut frühere Vorwürfe zurück, er selbst sei Stasi-Spitzel gewesen.

Am Ende gibt es dann aber doch noch eine besondere Verbindung zwischen Merkel und ihrem früheren Dienstherr de Maizière. Besonders schön finde sie einen Satz in dessen Buch, sagt die Kanzlerin: Er schreibt dort, dass "Politik im Wesentlichen das Schaffen von Recht ist, das Ermöglichen und Ordnen der menschlechen Freiheit mit Hilfe des Gesetzes".

Was der gelernten Physikerin Merkel hier poetisch in den Ohren klingelt, erscheint wohl den meisten anderen als doch recht technizistisch. Macht aber nichts. Denn Merkel hat es wohl genau dieses Prosaische bei de Maizière angetan: Ein paar Sätze zuvor heißt es, der Autor verspüre eine Abneigung gegen "Große-Linien-Rhetorik", die einen Masterplan nur vorgaukele.

Im Rückblick auf ihre Regierungszeit wird dies sicher einst auch Angela Merkel so oder ähnlich zu Papier bringen.

Lothar de Maizière: Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen. Herder-Verlag, 19,95 Euro.
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.