Buchvorstellung Wie Olaf Scholz einmal witziger war als Gregor Gysi

Der Generalsekretär der SPD will den "Demokratischen Sozialismus" aus dem Parteiprogramm streichen. Ironischerweise stellte Olaf Scholz heute das neue Buch des demokratischen Sozialisten Gregor Gysi vor. Zu neuen Erkenntnissen hat ihm das anerkannt schlecht geschriebene Werk nicht verholfen: "Schlauer bin ich jetzt nicht."


SPDS-Koalition: Gregor Gysi und Olaf Scholz
DPA

SPDS-Koalition: Gregor Gysi und Olaf Scholz

Berlin - So ein Leben als Wirtschaftssenator ist richtig hart: "Mein Arbeitstag begann in der Regel um neun und endete am nächsten Morgen um ein Uhr, gelegentlich erst um fünf. Denn immer dann, wenn ich alle Gremiensitzungen hinter mich gebracht hatte, galt es einen Abendtermin zu absolvieren. Solche Termine sind wichtig, um die eigenen politischen Vorstellungen zu verbreiten." Das Zitat stammt nicht aus der Stellenbeschreibung einer Personal-Service-Agentur für Politikanfänger, sondern ist ein Auszug aus Gregor Gysis neuem Buch "Was nun - über den Zustand Deutschlands und meinen eigenen."

Das Werk war noch gar nicht erschienen, da war es einmütig wie selten durch die Rezensenten der Republik von "Berliner Zeitung" ("Fünf-Minuten-Terrine") bis SPIEGEL ("Ich und Deutschland") abgelegt im Regal bei den Büchern, die die Welt nicht braucht. Dass nun zur offiziellen Präsentation am Mittwoch in Berlin doch ein Journalistenauflauf zu erleben war, liegt zum einen daran, dass Gysi zwar schlecht schreibt, aber immer für einen Spruch gut ist und zum anderen das neueste Stück aus der Gysi-Werkstatt ausgerechnet vom SPD-Generalsekretär Olaf Scholz vorgestellt wurde.

Das ist deshalb pikant, weil der SPD-Mann gerade mit Kanzler-Deckung hart daran arbeitet, seiner Partei den "demokratischen Sozialismus" auszutreiben und mitten in diesem Prozess den bekanntesten Vertreter der Partei des demokratischen Sozialismus hofiert. Das irritiert so manchen in der SPD, und so sahen sich die roten Kameraden genötigt zu erläutern, dass die Idee vom Verlag stammte, dem sich Scholz sehr verbunden fühle, und dass dieser Vorgang "in der Demokratie doch selbstverständlich sein muss" (Gysi).

Scholz und Gysi verbindet dann auch mehr, als man ahnen konnte. Der SPD-Mann wird von Journalisten und auch einigen Genossen für seine Schachtelsätze gefürchtet, in denen er wortreich kaschiert, dass er nicht viel zu sagen weiß, während Gysi in zwar knappen pointierten Sätzen, aber auch gerne im Ungefähren schwebt - vor allem wenn es um seine eigene politische Zukunft geht.

Beide outen sich als Schröder-Fans, was bei Scholz nicht richtig überrascht, weil er in der Partei weniger als programmatischer Entdecker gilt, eher als Vollstrecker des Kanzler-Willens. Gysi hingegen breitet mit Genuss aus, dass es doch einige Übernahmeangebote von Seiten der SPD gab, als er im vergangenen Sommer die Bonusmeilen-Affäre nutzte, um den harten Alltag als Wirtschaftssenator in Berlin hinter sich zu lassen. Publikumsliebling Gysi sollte so ein Magnet für die im Osten immer noch schwächelnde Sozialdemokratie werden, doch Gysi will erkannt haben, "dass ein Übertritt in die SPD nicht automatisch die Wähler mitnimmt".

Bewerbung für Höheres

Das überrascht ein wenig, weil Gysis Gang in den Senat seinerzeit durchaus als Bewerbung für Höheres verstanden wurde. Das Kalkül damals lautete, die SPD werde nach der Bundestagswahl auf eine Duldung durch die PDS angewiesen sein und Gysi wollte sich als Wirtschaftssenator schon mal warmlaufen und zeigen, dass PDS-Politiker keine Utopisten sind, sondern auch ganz real Politik machen können. Es kam dann etwas anders, was Gysi nun in die komfortable Situation bringt, jetzt eher wieder theoretisch über das Leben und die Politik nachzudenken.

Er widmet dabei dem Demokratischen Sozialismus ein ganzes Kapitel und der Buchtitel "Was nun?" mit seinem Anklang an Lenins "Was tun?" soll dabei klarstellen, in welcher historischen Linie und auf wessen Augenhöhe sich Gysi sieht. Unangenehm für den SPD-Denker Scholz, der nun also ein Buch und eine Idee erklären sollte, an die er nicht mehr glaubt. Er erledigte das eher hemdsärmelig, indem er schlicht das ganze Gysi-Gedankengebäude einriss und für hinfällig erklärte. Scholz sieht für die PDS und den Begriff des "Demokratischen Sozialismus" keine Zukunft. "Die Sache ist vorbei", verkündete er. Gysi stelle zwar Fragen zu dem Thema, gebe aber keine Antworten.

"Das interessiert keinen mehr"

"Wenn man das Kapitel zum Demokratischen Sozialismus gelesen hat, ist man auch nicht schlauer", sagte der SPD-Politiker und folgert daraus kühn: "Wenn niemand was mit dem Begriff anfangen kann, interessiert es auch keinen mehr." Ein Satz, den viele in der SPD mit Interesse zur Kenntnis nehmen werden.

Gysi nahm den linken Haken gelassen und erklärte die PDS kurzerhand zum Alleinerben des SPD-Schmuddelkindes "Demokratischer Sozialismus": "Ich dachte, Scholz organisiert eine Übergabe des Begriffs, so dass wir eine Art Monopolstellung haben", kalauerte Gysi. "Witzichkeit" kennt keine Parteigrenzen. Könnte also sein, dass Gysi anstatt PDS-Wähler in die SPD zu importieren, nun wieder versucht linke SPD-Wähler für die darbende PDS zu interessieren. Wie gewohnt ließ er es offen, ob nicht vielleicht 2006 wieder mit einem Politik-Comeback seinerseits zu rechnen ist. Damit würde er dann vermutlich einen neuen Rekord aufstellen im Sammeln von Ex-Titeln: Ex-PDS-Chef, Ex-Wirtschaftssenator, Ex-Fernsehmoderator, Ex-Ex-Politiker.

SPDS-Koalition

Scholz jedenfalls räumte bei der SPDS-Präsentations-Koalition das Feld "demokratischer Sozialismus" kampflos und verwies lieber auf die "eigentümliche Collage aus politischer Literatur und Zeitanalyse", die für seinen Geschmack mit "zu großer Detailliertheit" geschildert werde. Das Buch verrate aber viel über das "politische Koordinatensystem" des Autors, sagte Scholz und zitierte genüsslich Passagen, in denen Gysi Profitstreben verteidigt und mehr Wirtschaftsliberalität fordert - was den demokratischen Sozialisten in seiner Partei sicher gefallen wird.

So trennten sich die Demokraten und Sozialisten am Mittwoch friedlich und kehrten zum jeweiligen Alltagsgeschäft zurück. Gysi ging essen und Scholz sprach noch schnell in die vielen Mikrofone, dass er Ole von Beust in Hamburg für feige halte, weil der Neuwahlen ablehne. Dann versuchte er für die Fernsehkameras ein Resumee des Gysi-Buches in einem Satz: "Wer wissen will, wie es Gysi in den vergangenen zwei Jahren ergangen ist, kommt ganz gut auf seine Kosten." Aber wer will das wissen?



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.