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18. Januar 2017, 12:03 Uhr

Grünen-Urwahl

Özdemirs Wackelpartie

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Die Grünen haben ihr Spitzenkandidaten-Duo bestimmt, das Ergebnis war extrem knapp. Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt könnten die Partei beflügeln - und konservativer machen. Drei Thesen zur Urwahl.

Man ahnte schon bei der Begrüßung von Grünen-Wahlkampfmanager Michael Kellner, dass es eine Überraschung geben würde: "Seitdem meine Kinder durchschlafen, habe ich keine so aufreibende Nacht mehr erlebt", sagte er über die Auszählung der Urwahlstimmen bis in die frühen Morgenstunden.

Zwar ist das Kernergebnis der Grünen-Urwahl wie erwartet ausgefallen: Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, als einzige Bewerberin auf dem Frauenplatz gesetzt, wird gemeinsam mit Parteichef Cem Özdemir die Grünen in den Bundestagswahlkampf führen.

Özdemir lag als Option nahe, weil er der mit Abstand bekannteste Bewerber auf der Männerseite war. Allerdings ist sein Sieg extrem knapp ausgefallen - das ist die eigentlich Erstaunliche an der Urwahl, die in dieser Form keine andere Partei in Deutschland durchführt. Nur 75 Stimmen trennten Özdemir von seinem größten Konkurrenten, Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (lesen Sie hier die Ergebnisse im Detail nach).

Ein Blick in das Ergebnis verrät viel über den Zustand der Grünen - drei Thesen zur Bedeutung dieser Urwahl:

1. Özdemir muss mit Widerstand rechnen.

Özdemir kann sich nach neun Jahren an der Grünen-Spitze über eine Beförderung freuen. Er hat das Votum seiner Partei bekommen, im Wahlkampf gemeinsam mit Göring-Eckardt das Gesicht, die Stimme, das Profil der Grünen zu sein. Das ist auch eine Genugtuung für ihn: Lange hat der 51-Jährige auf seine große Chance gewartet. Bei der letzten Urwahl war er gar nicht erst angetreten, wohl auch aus Furcht, gegen Jürgen Trittin zu verlieren. Jetzt kann er in seiner Doppelfunktion als Parteichef und Spitzenkandidat die Grünen näher an die Möglichkeit Schwarz-Grün rücken.

Doch auf tiefe Sympathien seiner Leute kann Özdemir nicht bauen. Außenseiter Robert Habeck - ein Schriftsteller, Philosoph und Landesminister ohne bundespolitische Erfahrung - ist extrem dicht an Özdemir herangerückt. Özdemir bekam 12.204 der Stimmen (35,96 Prozent), Robert Habeck 12.129 Stimmen (35,74 Prozent).

Habeck war mit dem Versprechen angetreten, die Grünen verändern zu wollen, fiel mit scharfer Kritik an der eigenen Partei auf. Am Umfragetief seien die Grünen selbst Schuld, sagt er. Das knappe Ergebnis ist ein Achtungserfolg für Habeck - und eine Warnung für Özdemir, dass ein beträchtlicher Teil der Basis zutiefst unzufrieden mit dem Zustand der Grünen ist. Das könnte sich, etwa durch chronische Querschüsse aus den eigenen Reihen, auch auf den Wahlkampf der Partei auswirken.

2. Die Urwahl allein reicht nicht für einen Aufschwung.

Die Grünen haben "einen Hänger", konstatiert selbst der erfolgreiche Ministerpräsident Baden-Württembergs, Winfried Kretschmann. Sie verzetteln sich in der Sicherheitspolitik und in Streitigkeiten über Polizeieinsätze. Sie haben seit dem vergangenen Sommer vier bis fünf Prozentpunkte in Umfragen eingebüßt. Sie bemühen sich um Geschlossenheit, doch Ego-Politiker wie Boris Palmer und Trittin schreddern regelmäßig die Parteilinie.

In diesem Grundchaos wirkt die Urwahl wie ein Befreiungsschlag: Seht her, signalisieren die Grünen, wir haben fair und demokratisch entschieden.

Und tatsächlich: Während Angela Merkel ewig zauderte, und die SPD sich noch immer nicht entschieden hat, schaffen die Grünen Fakten über ein Basisvotum. Allerdings: Wenn die Urwahl das Einzige bleibt, worauf die Partei in den nächsten Monaten stolz sein kann, wird es schwierig mit dem Umfrageaufschwung (hier können Sie an der Sonntagsfrage teilnehmen).

3. Die Realos haben sich durchgesetzt.

Mit Göring-Eckardt und Özdemir haben die Grünen zwei Realos zum Spitzenduo gewählt (hier und hier lesen Sie SPIEGEL-ONLINE-Interviews mit beiden Kandidaten). Der einzige Parteilinke im Rennen, Anton Hofreiter, wurde mit nur 8886 Stimmen abgestraft. Viele dürften den Öko-Politiker als authentisch und fachlich fit bewerten - doch das Format eines Spitzenkandidaten trauten ihm offenbar viele doch nicht zu.

Programmatisch stellen sich die Grünen mit Göring-Eckart und Özdemir jetzt klarer auf und rücken weg von linken Positionen. Das Ja zur Vermögensteuer dürfte im Wahlkampf verhaltener kommuniziert und der Pragmatismus vorangestellt werden. Das heißt im Zweifel auch, dass man mehr Wirtschaftsnähe oder härtere Asyl- und Sicherheitsgesetze fordert.

So spricht sich Özdemir für eine Ausweitung der Videoüberwachung aus, Göring-Eckardt für eine nachträgliche Überprüfung von Asylbewerbern. Der linke Flügel der Grünen, in den Ländern und im Bund ohnehin kaum mehr prominent vertreten, ist nach dieser Urwahl stark geschwächt. Interessant wird es zu sehen, ob das der Partei langfristig mehr Anhänger bringt - oder ob sich urgrüne Fans dauerhaft abwenden.

Einen ersten Eindruck des neuen Duos bekommt man am Mittwochmittag: Um 13 Uhr wollen sich die gewählten Spitzenkandidaten in einer Pressekonferenz vorstellen.

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