Grüne zwischen Pädophilie und Liberalismus Heikle Vergangenheit, unsichere Zukunft

Abhaken, vergessen, vom Tisch wischen: Die Grünen wollen das leidige Pädophilie-Thema loswerden - auch darum soll es beim Parteitag in Hamburg gehen. Doch wohin steuern die einstigen Revoluzzer? Wir erleben eine Partei auf der Suche.

Gründungsparteitag der Grünen (1980 in Karlsruhe): Ort repressionsfreier Basisbeteiligung
DPA

Gründungsparteitag der Grünen (1980 in Karlsruhe): Ort repressionsfreier Basisbeteiligung

Ein Debattenbeitrag von Franz Walter


Die Lasten und Schatten der eigenen Historie wird man durch Schweigegelübde nicht los. Irgendwann stellen neue Generationen Fragen zu den dunklen Seiten der Geschichte, die dann nach Jahren des kollektiven Beschweigens von denen, die ursprünglich Zeitzeugen waren, kaum noch beantwortet werden können.

Die Erinnerungen sind weg oder verdrängt, wie wir im Bundestagswahljahr 2013 bei den Grünen trefflich beobachten konnten. Sie hatten sich stets mit den angenehmen Fortschrittlichkeiten der bundesdeutschen Republik nach 1968 identifiziert, mit dem Wandel der Werte, mit dem Abschied von konfessionellen und konservativen Normen, mit den individuellen Emanzipationsschüben. Mehr noch: Die Grünen schrieben sich selbst die Rolle des Motors der gesellschaftlichen Enttraditionalisierungen und kulturellen Reformen zu. Deshalb betrachten sich viele dort ebenfalls als Avantgardisten der sexuellen Befreiung.

Indes, die Rolle des Eisbrechers für die sexuelle Revolution können - und sollten! - die Grünen nicht für sich beanspruchen. Die schon semantisch überhöhte sexuelle Revolution vollzog sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Schon Ende der Sechzigerjahre, also eine Dekade vor der Parteigründung, konnten die Sexualreformer triumphierend berichten, dass eine rasch wachsende Zahl der Bundesdeutschen sich nicht mehr, was ihr Liebesleben anging, durch den Moralkodex von Kirchen und Konservativen konditionieren ließ.

Stattdessen war für junge Leute aus dem neuen Bildungsbürgertum in der Zeit von Protest und Veränderungsrhetorik kaum etwas verlockender als das Versprechen von der gesellschaftssprengenden Kraft des Sexes. Die rasante Verbreitung älterer Schriften des früheren kommunistischen Sexualtheoretikers Wilhelm Reich, der eben das propagierte, vermittelten den hauptsächlich studentischen Lesern die Vorstellung, durch multiple Orgasmen einen zentralen Beitrag im Kampf gegen den vermeintlichen sexualfeindlichen Faschismus zu leisten. Und in einer rundum selbstbestimmten Sexualität der Kinder sah er die entscheidende Schwungkraft für eine herrschaftsfreie Gesellschaft und das Widerlager schlechthin zu autoritären Regimen.

Die gegenteilige Wirkung trat ein. Grundströmungen der rebellischen Zeit wie Hedonismus statt altbürgerliche Sparsamkeit, die Ermutigung zu starker Individualität und Authentizität, Entgrenzung und Deregulierung von überlieferten Moralvorstellungen lagen bald komplett auf der Linie und im Interesse eines modernen, flexiblen Kapitalismus. Der neue Kapitalismus brauchte nicht nur den ökonomischen Neoliberalismus, um die Begrenzungen der Marktdynamiken zu beseitigen. Er bedurfte zuvor des libertären Liberalismus auf dem Gelände der Mentalitäten und Alltagswerte.

Die Verheißungen der sexuellen Revolution

Dazu war die Deregulierung der früher verbindlichen Normen aus weltanschaulichen oder konfessionellen Kollektivzusammenschlüssen vonnöten. Was sonst hätte den Reiz des Neuen, der Freiheiten, wenn man so will: des aufregenden Anything goes gleichermaßen begehrenswert drapieren können wie die Symbole und Verheißungen der sexuelle Revolution, die somit zum Ferment von "1968", des libertären Liberalismus und wunderlicherweise eines Dynamisierungsschubs für den Kapitalismus wurde.

Die lustvollen Tabubrüche von 1968, die Fortschrittsfixierung der Rebellen, die libertären Plakatslogans von der grenzenlosen Freiheit des aller Bindungen entledigtem Individuums - das alles ließ sich bestens auf den Märkten nutzen und verwerten. Der kulturell auf diese Weise vitalisierte, mit libertärer Entschiedenheit deregulierte Kapitalismus florierte besser, da nun farbiger und insofern attraktiver denn je zuvor.

Die Märkte absorbieren und kommerzialisieren, was sich in Protestszenen in Kleidung, Musik und sonstigen Accessoires neu manifestierte. Und natürlich liefert ein Teil der Märkte ebenfalls Angebote für Kinderpornografie, wenn zahlungskräftige Konsumenten als Kunden dafür ihren Bedarf signalisieren. Kurzum, man muss sich nicht zwingend angetrieben fühlen, die Elternschaft für die sexuelle Revolution öffentlich erstreiten zu wollen. Und ob der libertäre Liberalismus, den zu beerben die Grünen in diesen Wochen eifrig ankündigen, im Unterschied zum bösen FDP-Liberalismus allein der guten Bürgerrechtlichkeit Raum gibt, eben das ist zu bezweifeln.

Die Grünen sammelten dann in den frühen Achtzigerjahren ein, was zuvor heterogen entstanden war. Die Partei kam erst am Ende des Prozesses; gesellschaftlich fing - anders als im politischen System - mit ihr nichts Neues an. Was immer im libertären Teil einer neuen Generation im bundesdeutschen Bildungsbürgertums seit Mitte der Sechzigerjahre an Experimenten, Mentalitäten und Moden herumvagabundiert war - jetzt bündelte es sich zu der Partei der Grünen, ob nun überspannte und fixe Ideen oder originelle und ernsthafte Zusammenschlüsse. Jedenfalls: Der grünen Partei fiel nun in den Achtzigerjahren die erfahrungsgemäß schwierige Aufgabe zu, die ungebärdig auftretenden, sich oppositionell aufführenden Sprösslinge des Bürgertums politisch wieder zu behausen und im Anschluss zu domestizieren.

Die Bändigung und Eingliederung des politisch chronisch labilen Bürgertums in Deutschland gehörten zu den regelmäßigen Herausforderungen im Parlamentarismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Was die CDU nach dem Zweiten Weltkrieg zu meistern hatte, wurde zur historischen Mission der Grünen gut 30 Jahre später. Ihre beiden Modelle zur Integration und Einpassung des sonst ruhelos schweifenden Bildungsbürgertums ähnelten einander. Der CDU gelang der Aufstieg zur bürgerlichen Führungskraft der frühen bundesdeutschen Republik, indem sie zunächst von einer fixen Parteibildung Abstand nahm und es strikt vermied, eine straff strukturierte wie programmatisch homogenisierte Zentralorganisation zu etablieren.

Die Grünen gingen vergleichbar vor. Sie ließen zunächst ebenfalls vieles nebeneinander laufen, was zur programmatischen Klarheit währenddessen natürlich nicht beitrug. Auch sie griffen zum Mittel kalkulierter Proporze und Quotierungen, um Gegensätze abzumildern. Die Grünen ließen in ihrer Aufbauphase all den autonomen Initiativen ihre je besondere programmatische Position und gaben ihnen ein gemeinsames Dach. Nur so konnten sie in ihrer Entstehungszeit bei Wahlen die Fünf-Prozent-Hürde erfolgreich meistern.

Ein neuer Ort repressionsfreier Basisbeteiligung

Doch gewährten sie Minderheiten nicht allein aus taktischen Gründen ihren Sonderstatus, sondern sie sahen in einem solchen eigenen Raum den neuen Ort repressionsfreier Basisbeteiligung. Eben das bot Minoritäten in der Gründerzeit der grünen Partei die Chance, sich auf Veranstaltungen der Partei unangemessen viel Geltung zu verschaffen. Das wurde zum zwischenzeitlichen Resonanzboden der pädophilen Konventikel innerhalb der grünen Partei.

Doch je stärker die Parteibildung voranschritt, die sozialen Bewegtheiten ermüdeten und die Akteure des Alternativen an Alter zulegten, desto mehr verringerte sich die alles verstehende, dadurch wertlose Toleranz gegenüber bizarren Politforderungen. Die zunächst noch als ehern geltenden Essentials der neuen Alternativpartei - unbedingte Transparenz, Rotation, Primat der Basis - verschlissen und verbrauchten sich. In diesem Transformationsprozesses überwanden die Grünen auch die pädophilen Begehren, die übrigens auch in diesen frühen Achtzigerjahren regelmäßig Gegenredner auf den innerparteilichen Plan gerufen hatten.

Doch bleibt die Verantwortung dafür, dass die Grünen als Bundestagspartei der Pädophilie zwischenzeitlich überhaupt Gelegenheit zur Artikulation und Organisation ihres Tuns eingeräumt und dadurch Gewicht, ja Legitimation verliehen haben. Die Ideologen der Pädophilie hatten bei den Grünen in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre frei verfügbare Nischen gefunden und als Ausgangsort für ihre innerparteilichen Interventionen nutzen und programmatische Teilerfolge erzielen können.

Schweigen, wo man erklären müsste

Bedrückend war, dass die Grünen 2013 zu dieser Historie ihre Stimme verloren. Die sonst als Dauerredner, Kommunikatoren, Diskursprediger bekannten Propagandisten einer anderen, glaubwürdigeren politischen Kultur verstummten. Weil sie erklären sollten, überzeugen mussten. Sie schwiegen, als man - nicht zuletzt die Jüngeren im eigenen Lager - Begründungen für das Vergangene hören wollten.

Am kommenden Wochenende ist der grüne Umgang mit der Pädophilie Thema auf dem Parteitag in Hamburg. Man will die leidige Sache endlich "vom Tisch haben", wie man zuweilen aus der Partei hört. Erst schweigen, dann durch Resolution und öffentlichen Auftritt bedauern, schließlich abhaken und hernach neu die alten liberalen Refrains einer semantisch geläuterten "Freiheitspartei" singen - wäre da nicht doch etwas mehr und grundsätzlicher zu diskutieren, oder wie man früher gern bei den Grünen sagte: zu ringen?

insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bondurant 21.11.2014
1. Doch wohin steuern die einstigen Revoluzzer?
Revoluzzer? Ausgerechnet die Spießer. Die haben die "Moral" wieder salonfähig gemacht. Wer früher aufgepasst hat, ob die alleinstehende Nachbarin "Herrenbesuch" bekam, kontrolliert heute seine Nachbarn beim Mülltrennen. Und neulich hat sich tatsächlich einer beschwert, dass seine Nachbarn um diese Jahreszeit im T-Shirt in der Wohnung rumliefen. Das ginge nicht, wegen Klima und so. Der Typ wusste nicht mal, ob die Nachbarn tatsächlich mehr heizen. Danke, liebe GRÜNE?
Humboldt 21.11.2014
2. Wer hört Ihnen den noch zu, Herr Walter?
Ich kann nur feststellen, dass Ihr wahltaktisches Auftreten unmittelbar vor der Bundestagswahl, wo ein unausgegorener "Zwischenbericht" mit vermeintlich skandalösen Enthüllungen den nächsten jagte, und dann, pünktlich ab dem Tag nach der Bundestagswahl kehrte Schweigen ein bis zur Vorlage des Endberichtes Monate später, Sie bei mir jegliche Glaubwürdigkeit einer sachorientierten und historischen Aufarbeitung eingebüßt haben.
lini71 21.11.2014
3. Oh weia
Da arbeitet sich aber jemand ab an der Partei..Würden alle Parteien offen und ehrlich mit ihrer Vergangenheit umgehen, Historiker hätten viel zu tun..Aber die anderen machen es halt nicht..
bonngoldbaer 21.11.2014
4. Mir egal
Was kümmert es mich, wohin sie steuern. Seit Jutta Ditfurth ausgetreten ist, ist die Partei für mich sowieso nicht mehr wählbar.
dasguteeinhorn 21.11.2014
5. Revoluzzer?
Auch die Gründungsthemen sind natürlich alles andere als die von Revoluzzern.Die Antiatomkraftbewegung wollte immer nur keine Atomkraftwerke vor der eigenen Haustür.Das ist im Grunde die höchste Spießigkeit in Reinform. Es geht nur um die eigene Peergroup.Wunderbar auch zu beobachten bei den Windkraftanlagen, vor der eigenen Haustür dann doch lieber nicht. Palmölplantagen in Regenwald, super wenn das eigene Gewissen dabei entlastet wird... etcRevolution? Keinen Funken!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.