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Bürgerkrieg in Libyen Deutschland startet Rettungseinsatz für Flüchtlinge

Die Auseinandersetzungen in Libyen treiben immer mehr Menschen zur Flucht: Stündlich passieren Hunderte die Grenze nach Tunesien, Zehntausende warten in Notunterkünften auf Transportmöglichkeiten in ihre Heimatländer. Mehrere EU-Staaten schicken Hilfe, auch deutsche Marineschiffe sind im Einsatz.

Hamburg - Gut zwei Wochen nach dem Beginn der Aufstände in Libyen haben mehrere EU-Staaten eine Luft- und Seebrücke für Flüchtlinge eingerichtet. Tausende Menschen aus verschiedenen Ländern, die sich aus Libyen über die Grenze nach Tunesien retteten, sollen in ihre Heimat gebracht werden. Deutschland ist mit drei Marineschiffen an der Rettungsaktion beteiligt.

Während der libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi Städte im Osten des Landes mit Kampfflugzeugen angreifen und bewaffnete Söldner aufmarschieren lässt, sind Zehntausende Menschen auf der Flucht. Etwa 180.000 Flüchtlinge sollen nach Uno-Angaben Libyen bereits verlassen haben, zu Spitzenzeiten waren es tausend pro Stunde, schätzt das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Ras al-Dschadir erweist sich dabei als Nadelöhr: In den vergangenen zwei Wochen passierten über 90.000 Menschen den Grenzübergang.

Ein Großteil der Flüchtlinge sind Ägypter und Tunesier, die in Libyen Arbeit gefunden hatten. Aber auch mehrere tausend Gastarbeiter aus Asien und Schwarzafrika sind auf der Flucht, sie stammen aus Bangladesch, Vietnam, Sri Lanka, Eritrea, Äthiopien, dem Tschad oder Nigeria. Vor allem die Flüchtlinge aus afrikanischen Kriegsgebieten dürfte in ihrer Heimat neues Leid erwarten.

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Flucht aus Libyen: Heimreise ohne Hoffnung

Foto: MIGUEL MEDINA/ AFP

Die meisten der etwa 10.000 Europäer in Libyen haben das Land inzwischen verlassen, etwa 200 EU-Bürger warteten noch darauf, ausgeflogen zu werden, hieß es aus Brüssel. Die Bundeswehr transportierte am vergangenen Wochenende hundert Deutsche mit Transall-Maschinen aus Libyen, die etwa 50 im Land verbliebenen deutschen Staatsbürger werden vom Krisenstab des Auswärtigen Amts betreut.

In den tunesischen Flüchtlingslagern ist die Situation weiter kritisch. Die Vereinten Nationen und das Rote Kreuz warnen vor einer humanitären Katastrophe, die Weltgesundheitsorganisation vor Seuchengefahr. Am Freitag wurde der aktuelle Rettungseinsatz unter Uno-Schirmherrschaft deshalb ausgeweitet - am Wochenende wird die Evakuierungsaktion auf Hochtouren laufen.

  • Die Europäische Union erhöhte die Soforthilfe für die Flüchtlinge von anfänglich drei auf inzwischen 30 Millionen Euro.

  • Die US-Regierung schickt Militärmaschinen für ägyptische Libyen-Flüchtlinge und will zusätzlich Passagierflugzeuge chartern, um andere aus Libyen geflohene Ausländer in ihre Heimatländer zurückzubringen.
  • Libyens Nachbarland Ägypten hat mit Tunesien ein Charterabkommen für Dutzende Evakuierungsflüge geschlossen, eine tunesische Fähre bringt weitere Menschen nach Ägypten. Feldkrankenhäuser wurden von Tunesiens Armee, dem Roten Kreuz und Hilfsorganisationen errichtet.
  • Die Bundeswehr beteiligt sich mit drei Schiffen am internationalen Hilfseinsatz. Die Fregatten "Brandenburg" und "Rheinland-Pfalz" sowie das Versorgungsschiff "Berlin" werden im Laufe des Tages an der Küste Tunesiens eintreffen.
  • Das Auswärtige Amt stellt 2,8 Millionen Euro für Flüchtlingshilfe zur Verfügung. Zehn Maschinen von Air Berlin sollen bis zu 1900 Menschen aus Tunesien nach Ägypten ausfliegen, das erste Charterflugzeug startete am Nachmittag. Insgesamt sollen rund 6000 Menschen, die in Tunesien festsitzen, mit direkter deutscher Hilfe oder deutschen Geldern über das Mittelmeer nach Ägypten zurückkommen.
  • Auch das Technische Hilfwerk könnte Helfer in die Flüchtlingsregion entsenden, ein Experte des THW ist vor Ort, um sich ein Bild der Lage zu machen. Ähnlich wie bei der Flutkatastrophe in Pakistan könnten sich Mitarbeiter um den Aufbau von Camps und die Trinkwasserversorgung kümmern.
  • Großbritannien hat nach Informationen der BBC tausend Ägypter mit Charterflügen nach Kairo gebracht, dazu 36.000 Decken und Zelte in die Flüchtlingsgebiete geschickt. Frankreich wird in den nächsten Tagen sechs Flüge täglich für die Luftbrücke bereitstellen.
  • Um die Insel Lampedusa nicht weiter zu belasten, baut Italien nahe der tunesischen Grenze ein Transitlager für 50.000 Flüchtlinge, die "Villaggio Italia". Ein Marineschiff ist auf dem Weg zum libyschen Hafen Bengasi, um Flüchtlinge aufzunehmen.

"Es fehlt am Nötigsten"

Das UNHCR hat seit Beginn der Unruhen Notunterkünfte für 20.000 Menschen aus dem Boden gestampft, Zehntausende Menschen campieren aber seit Tagen im Freien. "Die Lage ist ausgesprochen chaotisch", viele Flüchtlinge hätten vier Nächte im Regen verbracht, beschrieb eine Sprecherin die Lage.

Deutsche Helfer an der libysch-tunesischen Grenze beklagen die schlechte Versorgung der Flüchtlinge. "Es fehlt am Nötigsten. Die hygienischen Bedingungen sind nicht die besten", sagte ein Helfer in Ras al-Dschadir. Es herrschten Temperaturen von fünf bis acht Grad, es sei windig. Die Hilfe der internationalen Gemeinschaft laufe schleppend. "Es ist eben keine Katastrophe wie ein Erdbeben, sondern die Menschenmassen sind erst nach und nach eingetroffen."

Die Lage im Flüchtlingsgebiet droht sich zu verschlimmern. Am Dienstag mussten tunesische Sicherheitskräfte am Grenzübergang Warnschüsse abgeben, um eine aufgebrachte Menschenmenge zu stoppen. Zudem bewachen schwerbewaffnete Gaddafi-Truppen nach UNHCR-Angaben die Grenzübergänge auf libyscher Seite. Seien in den vergangenen Tagen zwischen 10.000 und 15.000 Menschen täglich nach Tunesien geflüchtet, hätten es am Donnerstag nur noch knapp 2000 über die Grenze geschafft, sagte eine Mitarbeiterin. Viele Menschen, die die Grenze passierten, erzählten, ihnen seien Handys und Kameras abgenommen worden.

Flughafen überlastet

Haben es die Flüchtlinge einmal über die Grenze geschafft, entwickelt sich die Heimreise zur Odyssee. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) in Genf berichtete von Tausenden aus Libyen geflüchteten Ägyptern, die tagelang im tunesischen Hafen Djerba festsaßen und auf ihre Überfahrt nach Ägypten warteten. Der Flughafen der Urlaubsinsel ist angesichts der Vielzahl von Evakuierungsflügen derzeit voll ausgelastet, bis zu 50 Maschinen aus EU-Ländern seien rund um die Uhr im Einsatz, sagten EU-Diplomaten am Freitag.

Auch wenn die EU unter Schirmherrschaft der Uno den Transfer Tausender Flüchtlinge nun in die Hand nimmt - Europa ist in der Flüchtlingsfrage weiter gespalten. Der britische Entwicklungsminister Andrew Mitchell sagte beim Besuch im Grenzgebiet: "Es ist keine humanitäre Krise, vielmehr eine logistische Krise." Italiens Innenminister Roberto Maroni warnt hingegen vor einem "Exodus biblischen Ausmaßes". Wenn Libyen erst einmal die Tore öffne, so die Angst in Italien, werde der Flüchtlingsansturm nicht mehr aufzuhalten sein.

Menschenrechtler begrüßen zwar die organisierte humanitäre Hilfe, fordern aber, Europa müsse sich dauerhaft auf Flüchtlinge einstellen, anstatt sie nur in Länder zurückfliegen zu lassen oder Transitlager einzurichten. Eine Lösung für die Libyen-Krise soll in der kommenden Woche gefunden werden: Am 11. März treffen sich die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Staaten zu einem Libyen-Sondergipfel.

mit dpa, AFP, dapd
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