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Künast in Berlin: Ihr schwerster Kampf

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Bürgermeister-Kandidatin Künast Renate rennt

Vielleicht hat sie sich doch übernommen: Renate Künast kämpft in diesen Tagen gegen einen übermächtig wirkenden Amtsinhaber, die Berliner Mentalität und den sinkenden Bundestrend der Grünen. Was wird aus ihr, wenn sie scheitert?

Berlin - Doch, es gibt auch gelungene Auftritte von Renate Künast. Man muss das an dieser Stelle einmal so deutlich sagen, weil zuletzt der Eindruck erweckt wurde, als bekomme die grüne Kandidatin für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin keinen geraden Satz mehr hin. An diesem Montagmorgen im August sind es ziemlich viele gerade Sätze, die Künast von sich gibt.

Der Verein Berliner Wirtschaftsgespräche hat sie zum Frühstück in die Austernbar im Hauptbahnhof geladen, ein halbes Dutzend Tische ist weiß eingedeckt, gediegene Mittelständler-Atmosphäre. "Wir begrüßen sehr" - kleine Pause - "sehr herzlich die Spitzenkandidatin der Grünen", sagt der Gastgeber, der Beifall ist mehr als höflich. Deshalb ist nun eine gute Stunde lang die entspannte Version von Renate Künast, 55, zu erleben.

Sie analysiert die Bildungsprobleme Berlins, entwirft ein Bild großstädtischer Klimapolitik, skizziert daraus entstehende Chancen für Unternehmen. Und zeigt Schlagfertigkeit. "Das ist eine Loriot-Einlage", ruft Künast, als während ihres Vortrags ein hölzernes Kunstwerk von der Wand kracht.

Wäre der Wahlkampf wie dieser Montagmorgen in der Austernbar, Renate Künast stünde kurz vor dem Einzug ins Rote Rathaus.

Stattdessen müssen die Grünen fürchten, bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 18. September sogar noch hinter der CDU landen. Das wäre dann die Höchststrafe für Künast. Denn die Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion ist angetreten, um Regierungschefin in Berlin zu werden. Lange hatte Künast mit sich gerungen, ob sie es wagen sollte. Aber es sprach so viel dafür, im vergangenen Herbst: Die Berliner Grünen lagen in den Umfragen vor der SPD, auch bundesweit war ihre Partei im Höhenflug, Amtsinhaber Klaus Wowereit wirkte angeschlagen.

Endlich Nummer eins sein

Renate Künast sah ihre Chance. Endlich Nummer eins sein. Weg von Jürgen Trittin, der zwar formal gemeinsam mit Künast die Bundestagsfraktion führt, aber faktisch längst deren alleiniger Chef ist. Keine arroganten Typen mehr vor ihrer Nase wie die Schröders oder Fischers, denen sich Künast als rot-grüne Bundesverbraucherschutzministerin unterordnen musste. Sie könnte es all diesen Männern zeigen: Ich, Renate Künast, Tochter eines Fahrers und einer Hausfrau aus dem Ruhrgebiet, hab es bis ganz nach oben geschafft.

Das trubelige Maybachufer an der Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg, ein sonniger Freitagnachmittag im September, noch gut zwei Wochen bis zur Wahl. Eben noch saß Renate Künast mit einem Mikrofon in der Hand am Wahlkampfstand und beantwortete eine Stunde lang Bürgerfragen. Nur ein Trinker blökte ab und an aus dem Hintergrund dazwischen. Das ist grünes Kernland, echtes Multikulti, den Wochenmarkt nennen sie hier nur Türkenmarkt. Aber nun baut sich da schon wieder ein Kamerateam auf und will von Künast wissen, warum ihre Zahlen so schlecht sind.

"Lassen Sie uns nicht über Umfragen reden", sagt sie.

Umfragen-Ignorierer sind immer jene Politiker, bei denen es nicht läuft. Künast ist deshalb schon eher auf dem Sprung zur Umfragen-Verschweigerin. Der demoskopische Absturz ihrer Partei ist brutal: Noch Anfang Juli lagen die Grünen fast gleichauf mit der SPD. Dabei waren Künast da bereits einige Patzer unterlaufen, die Grünen hatten gerade ihren Wahlkampfmanager ausgetauscht. Aber noch schien alles möglich. In der letzten Bundestags-Sitzungswoche lud die Fraktionschefin Künast zu einem Hintergrundgespräch, bei dem sie - bester Dinge - die Parlamentskorrespondenten mit den Worten begrüßte, man werde sich "in dieser Runde nun das letzte Mal sehen".

Sozen lästern über Künast

Nun liegen die Grünen in einer Umfrage zwölf, in der anderen 13 Prozent hinter der SPD. Führende Sozialdemokraten zerreißen sich intern bereits das Maul über Künast und ihre Hybris. Wowereit schlagen? Haha, lange nicht so gelacht. Künast muss sich bereit machen für die wohl schmerzhafteste Niederlage ihrer Karriere.

Nein, den Bürgermeister habe man nicht unterschätzt, heißt es bei den Grünen. Aber die Wähler haben sie wohl überschätzt.

Markus Babbel, der Trainer von Hertha BSC, meinte neulich in einem Interview: "Der Berliner an sich neigt ja tendenziell gerne mal zum Größenwahn. Er ist laut, redet viel, will viel - aber getan wird oft erst einmal wenig." Dafür wurde der gebürtige Bayer von den Hauptstadt-Boulevardblättern wüst beschimpft. Weil Babbel die Wahrheit sagte?

Berlin hat so hohe Schulden wie kaum ein anderes Bundesland, in puncto Wirtschaftsansiedlung kommt man nicht voran, das Schulsystem ist in der Breite miserabel. Dazu kommt ein galoppierendes Mietenwachstum. Kann einem das gefallen? Nein. Finden viele Berliner Wowi trotzdem prima? Ja. "In einer normalen, ambitionierten deutschen Großstadt hätte Wowereit keine Chance, Berlin dagegen ist wie geschaffen für ihn", hieß es kürzlich im Leitartikel des "Tagesspiegel".

Die Grünen verlangen Veränderungen von Berlin. Und das könnte anstrengend werden: Sie wollen weniger motorisierten Verkehr auf der Straße, massiv in Gebäudesanierung investieren, am besten gleich noch ein Klima-Stadtwerk gründen. Zehntausende neue Jobs könnte man damit schaffen, sagt Künast - und Berlin eine Vorreiter-Rolle im Feld der globalen Metropolen übernehmen. Ach ja, 400 neue Lehrer für Berlins Schulen fordert sie auch noch. Aber Künast dringt damit nicht durch. Sie kommt nicht an gegen den "Stadt-Schlenderer Wowereit, der in weiten Kreisen als Vertreter des gepflegten Müßiggangs verehrt wird", wie die "B.Z." neulich schrieb.

Wähler zucken mit den Schultern

"Uns ist kein Problem zu groß und kein Problem zu klein", sagt Künast. Ihr zentraler Slogan lautet: "Da müssen wir ran." Den Meinungsforschern zufolge quittieren die Wähler das mit einem gelangweilten Achselzucken.

Dazu kommt, dass Künast kaum noch Rückenwind aus dem Bund erhält. Der Höhenflug der Grünen scheint nach dem Ende der Atomdebatte gestoppt. Für Werte um die 20 Prozent reicht das zwar weiterhin - aber eben nicht für Platz eins.

Renate Künast will das nicht wahrhaben. Sie rennt und rennt und rennt durch die Hauptstadt, den Blusenkragen hochgestellt, immer auf Attacke. Was bleibt ihr übrig. Künasts einzige Chance auf das Rote Rathaus liegt inzwischen, sofern die Grünen am Ende vor der CDU landen, in einer Koalition mit den Christdemokraten. Aber würde das die Basis mit machen? Wohl kaum.

Für Künast dürfte das heißen: zurück auf Los. Aber wo ist das? Gestärkt hätte die Niederlage in Berlin ihre Position als Bundestags-Fraktionschefin nicht. Um die Wiederwahl muss sie sich wohl keine Sorgen machen, wenn die Abgeordneten am 18. Oktober ihre neue Führung bestimmen. Aber nur aus Mangel an Alternativen, weil eine Realo-Frau in der Künast-Kategorie nicht in Sicht ist.

Jürgen Trittin wird dann unangefochten sein wie zuvor. Und für Renate Künast bleibt wieder nur ein Platz hinter der Nummer eins.

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