Bürgerschaftspräsidentin Dorothee Stapelfeldt "Streiter für eine neue Welt"

Hamburgs Bürgerschaftspräsidentin Dorothee Stapelfeld rühmte das Eintreten Rudolf Augsteins, für die Demokratie und die zivile Gesellschaft. Hier der Wortlaut.


"So ein Mann ist mir noch nicht begegnet", schreibt Karl Jaspers im Februar 1965 an seine Freundin Hanna Arendt. "Es war mir, als ob ich Verwandtschaft spüre und dann den Abgrund." Zwei Wochen später antwortet ihm Hanna Arendt: "Wenn ich Augstein gegenüber ein gewisses Unbehagen verspüre, so muss ich doch sagen, dass meine Gefühle gegenüber nahezu allen anderen Deutschen, die öffentlich hervortreten, erheblich abnehmender sind. Ich fühle mich schon seit einiger Zeit mit ihm im Bunde. Er hat mehr getan als alle die anderen."

Rudolf Augstein und Karl Japsers, Rudolf Augstein und Hanna Arendt. Vielleicht mehr noch als in Begegnungen zwischen dem großen Publizisten auf der einen und Staatsmännern auf der anderen Seite trafen hier im Deutschland der Nachkriegszeit Welten des Denkens und Formen des öffentlichen Diskurses aufeinander. Hier die Philosophen alter Schule, dort der Streiter für eine neue Welt.

Schon die Vorstellung davon wie ein Disput zu führen, vollends wie er an die Öffentlichkeit zu bringen sei, konnte unterschiedlicher kaum sein. Denn Rudolf Augstein war nicht nur ein großer Aufklärer und streitbarer Geist, Rudolf Augstein war stets auch ein brillanter Provokateur. Doch wo Rudolf Augstein provozierte, wo er den Streit suchte und führte, dort suchte er ihn als Journalist und führte er ihn als Patriot. Dort ging es ihm stets und vor allem um eins, um Aufbau und Stabilisierung von Demokratie und Nation.

Als Journalist, als Herausgeber und als Verleger wollte Rudolf Augstein die demokratische Gesellschaft mitgestalten. Als Journalist, Herausgeber und Verleger hat er die Bundesrepublik Deutschland wie kaum ein anderer über fünfeinhalb Jahrzehnte mitgeprägt. Nur ein einziges Mal verließ Rudolf Augstein diesen Weg, wich er ab von seiner Berufung und fand sich wieder als Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Ein Schritt, den er ebenso rasch korrigierte wie er ihn später ironisch kommentierte: "Was sollte denn einer wie ich im Parlament?" In der Tat, einen wie Rudolf Augstein brauchte unser Land vielleicht tatsächlich eher als kritischen Begleiter außerhalb des Parlaments.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, die Freie und Hansestadt Hamburg hat mit Rudolf Augstein eine Persönlichkeit verloren, die das Ansehen unserer Stadt weit über die Grenzen Deutschlands und Europas maßgeblich mitgeprägt hat. Geboren und aufgewachsen in Hannover war Rudolf Augstein kurz nach dem Krieg Bürger der Freien und Hansestadt Hamburg geworden. Nicht aus persönlichen oder gar aus sentimentalen Gründen, sondern - wie es seinem Wesen eher entsprach - als Ergebnis einer absolut rationalen Analyse und einer fast schon apodiktischen Schlussfolgerung: "Der SPIEGEL und ich", so hat es Rudolf Augstein anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde im Januar 1994 formuliert, "der SPIEGEL und ich, wir sind in Hamburg. Und woanders hätten wir gar nicht hingekonnt."

In den Augen eines Rudolf Augstein womöglich tatsächlich nicht. Ganz im Bürgertum, Weltoffenheit und Liberalität inmitten der politischen und moralischen Trümmerlandschaft, in der auch ein Rudolf Augstein Anfang der fünfziger Jahre stand, formulierten diese Begriffe, die vor der nationalsozialistischen Zeit prägend für Hamburg waren, Hoffnung und Anspruch zugleich. Hoffnung und Anspruch an Hamburg, Hoffnung und Anspruch an eine Zeitung wie Rudolf Augstein sie aus dem SPIEGEL zu machen gedachte, nicht zuletzt aber auch Hoffnung und Anspruch an sich selbst. Denn wo ein Rudolf Augstein Forderungen stellte, stellte er sie zuallererst an sich selbst.

Ob Hamburg diese Hoffnungen erfüllt hat, diesem Anspruch jederzeit gerecht geworden ist, sei hier dahingestellt. Sicher ist, Rudolf Augstein und der SPIEGEL haben Entscheidendes dazu beigetragen, dass Begriffe wie Geist, Weltoffenheit und Liberalität nach deren Missbrauch während der nationalsozialistischen Zeit heute wieder mit Hamburg in Verbindung gebracht werden können. Der SPIEGEL ist längst eine feste Größe geworden und das Hochhaus an der Brandstwiete ein Wahrzeichen unserer Stadt. Insofern ging Rudolf Augsteins Hoffnung auf.

Seinem berechtigten Anspruch gerecht zu werden ist eine Verpflichtung, die uns als Erbe bleibt. Die Freie und Hansestadt Hamburg hat in Rudolf Augstein einen Bürger verloren, der dieser Stadt am Ende mehr gegeben hat als sie ihm jemals hätte geben können. Die Hamburgische Bürgerschaft wird Rudolf Augstein ein ehrendes Andenken bewahren.



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