Spione in Deutschland Bundesanwaltschaft klagt russische Agenten an

Es ist einer der spektakulärsten Spionagefälle seit Ende des Kalten Krieges, jetzt hat die Bundesanwaltschaft Anklage erhoben - gegen ein Ehepaar, das in Süddeutschland 20 Jahre lang für den russischen Auslandsgeheimdienst gearbeitet haben soll. Der Fall belastet das Verhältnis Berlin-Moskau schwer.
Russischer Auslandsgeheimdienst SWR in Moskau: FBI lieferte Hinweise auf Spionagepaar

Russischer Auslandsgeheimdienst SWR in Moskau: FBI lieferte Hinweise auf Spionagepaar

Foto: Mikhail Metzel/ ASSOCIATED PRESS

Karlsruhe - Vermutlich ahnten die beiden bereits, dass Deutschland für sie zu heiß geworden war. Als in den frühen Morgenstunden des 18. Oktober vergangenen Jahres ein vermummtes Spezialkommando der Polizei das Einfamilienhaus im Marburger Stadtteil Michelbach stürmte, schienen Heidrun und Andreas A. bereits auf dem Absprung. Der damals 41-jährige Maschinenbauingenieur hatte seinen Job bei einem Autozulieferer im schwäbischen Balingen gekündigt und sein Auto verkauft. Auch einen Teil des Hausstands hatten die beiden schon verpackt. Im Ausland könne er angeblich mehr verdienen, soll er gesagt haben.

Tatsächlich, so vermuten es Ermittler der Bundesanwaltschaft und des Bundeskriminalamtes (BKA), hatte der russische Auslandsgeheimdienst SWR das unauffällige Pärchen wohl gewarnt.

Mehr als 20 Jahre lang sollen die 52-jährige Heidrun A. und ihr 46 Jahre alter Ehemann im wiedervereinigten Deutschland für den Kreml spioniert haben. Der Fall ist eine diplomatische Belastung für die deutsch-russischen Beziehungen und nahm bereits vor dem Mauerfall seinen Anfang. Nun hat die Bundesanwaltschaft Anklage gegen das mutmaßliche Agentenduo erhoben. Die beiden sollen Teil eines russischen Spionagerings sein, dessen Spur Ermittler in den USA aufnahmen und die sie unter anderem zu einem niederländischen Diplomaten führen. Der Prozess soll vor dem Oberlandesgericht Stuttgart stattfinden. Die Ankläger werfen dem Ehepaar geheimdienstliche Agententätigkeit und mittelbare Falschbeurkundung vor.

Einreise nach Deutschland mit gefälschten Papieren

Heidrun A. saß gerade an einem Kurzwellenempfänger, als die Beamten die Tür zu dem unauffälligen, weißgetünchten Haus in Michelbach aufbrachen. Die mutmaßliche Agentin war so erschrocken, dass sie vom Stuhl fiel und das Verbindungskabel zum PC herausriss. Damit brachen auch die Verbindung und die Aufzeichnung klandestiner Nachrichten ab, die mit einer Erkennungsmelodie aus dem Radio dudelten. Absender sei, davon gehen die Bundesanwälte in der Anklageschrift aus, die Moskauer Zentrale des SWR. Zeitgleich nahmen BKA-Ermittler ihren Mann im drei Autostunden von Marburg entfernten Balingen fest, wo er eine kleine Wohnung unterhielt. Seither sitzen Russlands mutmaßliche Spione in Untersuchungshaft.

Den Ermittlern gegenüber bestritten die beiden lange Zeit ihre russische Herkunft, obwohl sie mit einem deutlichen russischen Akzent Deutsch sprachen. 1988 und 1990, so rekonstruierten es die Fahnder, waren sie mit gefälschten österreichischen Papieren in die Bundesrepublik eingereist. Damals war der russische Geheimdienst noch der berüchtigte KGB, ein Relikt aus dem Kalten Krieg.

Als Geburtsort nannte Heidrun A. Peru, aufgewachsen sei sie in Österreich. Die Legende ihres Mannes, den sie 1990 heiratete, war ähnlich: geboren in Argentinien, aufgewachsen in Österreich. Andreas A. studierte Maschinenbau und Kunststofftechnik in Aachen. Spätestens als Heidrun eine Tochter zur Welt brachte, schien die Tarnung des Pärchens perfekt. Anders als Spione, die als Diplomaten in ihre Operationsgebiete kommen, arbeiten mutmaßliche Agenten wie Heidrun und Andreas A. nicht im Schutz der Botschaften. Diplomaten droht im schlimmsten Fall die Ausweisung - allen anderen eine langjährige Haftstrafe. Aufgrund des hohen Risikos werden sie in russischen Geheimdienstkreisen als "Wunderkinder" verehrt.

Erste Hinweise kommen vom FBI

Auf die Spur der Marburger Undercover-Agenten brachten die deutschen Sicherheitsbehörden wohl Hinweise der amerikanischen Polizeibehörde FBI. Ein russischer Geheimdienstoffizier, der schon seit 1999 mit dem US-Dienst CIA kooperiert haben soll, setzte sich im Sommer 2010 nach Amerika ab und packte über einen Spionagering an der Ostküste der USA aus. Sein Name: Alexander Potejew. Er soll es auch gewesen sein, der Anna Chapman, die später als "Agentin 00Sex" Schlagzeilen machte, auffliegen ließ.

Die attraktive rothaarige Spionin und ihre Agentenfreunde wurden schließlich gegen vier in Russland inhaftierte angebliche CIA-Spione ausgetauscht. Als das BKA in Marburg zuschlug, rauschte Chapman gerade durch den russischen Blätterwald und Talkshows. Überläufer Potejew soll es auch gewesen sein, der den Hinweis auf weitere Agentenpärchen in Europa lieferte. Damit war das Ende der mutmaßlichen Marburger Spionagezelle besiegelt.

Die Beschuldigten hätten "die Aufgabe, Informationen über die politische und militärpolitische Strategie der EU und der Nato zu gewinnen", so die Bundesanwaltschaft. Von Oktober 2008 bis kurz vor ihrer Festnahme hätten die beiden einen niederländischen Diplomaten geführt, der bis zu seiner Verhaftung im Frühling im niederländischen Außenministerium arbeitete. Er soll den beiden regelmäßig amtliche Dokumente aus der EU und der Nato geliefert haben, die Andreas A. über "tote Briefkästen" an den SWR weitergeleitet habe.

Während das Pärchen seine Anweisungen über Funk empfangen habe, seien die Rückmeldungen via Satellit erfolgt, heißt es in der Anklageschrift. Auch ein Videoportal im Internet sollen die beiden zur Übermittlung versteckter Botschaften benutzt haben. Für ihre Arbeit hätten sie in den vergangenen Jahren knapp 100.000 Euro erhalten. Wann der Prozess beginnt, ist noch unklar.

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